"Arme werden immer ärmer"

HELGE THIELE 21.03.2013
Im Kreis Göppingen muss sich Heike Baehrens erst bekannt machen. Wie die Bundestagskandidatin der SPD das schaffen will und für welche Politik sie steht, erläuterte die 57-Jährige im Interview.

Frau Baehrens, Sie sind Kirchenrätin und Vorstandsmitglied des Diakonischen Werks Württemberg. Wie kamen Sie auf die Idee, im Wahlkreis Göppingen SPD-Bundestagskandidatin zu werden?

HEIKE BAEHRENS: Ich selbst kam gar nicht auf diese Idee. Sascha Binder (der Geislinger SPD-Landtagsabgeordnete, Anm. d. Red.) hat mich angesprochen, weil er jemanden mit breiter Lebens- und Berufserfahrung suchte. Die Frage hat mich überrascht und ich habe sie mit nach Hause genommen, um nachzudenken.

Das hat vier lange Wochen gedauert. Was ist denn so schlimm am Wahlkreis Göppingen?

BAEHRENS: (lacht) Gar nichts, im Gegenteil. Aber ich habe eine verantwortungsvolle Stellung beim Diakonischen Werk und mache dort eine Arbeit, die sehr interessant ist und die ich sehr mag. Deshalb wollte ich erst in Ruhe überlegen und die Frage intensiv mit meiner Familie besprechen.

Sie haben zugesagt. Und die SPD im Kreis hat sie ohne Gegenstimme nominiert. Obendrein konnten Sie sich für die Bundestagswahl einen aussichtsreichen 16. Platz auf der SPD-Landesliste sichern. Gut, dass Sie sich die Sache reiflich überlegt haben, denn Ihrem Einzug ins Parlament steht ja fast nichts entgegen . . .

BAEHRENS: Es sieht gut aus, das stimmt. Wir haben mal gerechnet: Mit der Wahlrechtsreform, die jetzt beschlossen wurde, hätte bei der Wahl vor vier Jahren noch Listenplatz 17 zum Einzug gereicht . . .

Und damals hat die SPD in Baden-Württemberg ein historisch schlechtes Ergebnis eingefahren . . .

BAEHRENS: Ja, aber ich bin mir sicher, dass die SPD dieses Mal deutlich besser abschneidet. Doch noch wichtiger ist es mir, die Bürger und Bürgerinnen im Wahlkreis Göppingen zu überzeugen.

Sie setzen also auf Sieg und wollen das Direktmandat gewinnen?

BAEHRENS: Ja, das ist mein klares Ziel.

Bisher kennen erst wenige Menschen im Kreis Heike Baehrens. Wie wollen Sie sich denn bekannt machen?

BAEHRENS: Ich bin jetzt schon dabei, Kontakte zu knüpfen. Ich habe schon einige Einrichtungen besucht. Außerdem habe ich vor, den Kreis mit dem Fahrrad abzufahren.

Den ganzen Landkreis?

BAEHRENS: Ja, das Radwegenetz umfasst rund 830 Kilometer. Die will ich komplett abfahren und unterwegs mit Bürgern ins Gespräch kommen, Unternehmen besuchen und Bürgermeister treffen. Im Juli bin ich dafür sieben Tage unterwegs und vorher ganz sicher auch schon privat, um so ein besseres Gefühl für den Landkreis zu bekommen.

Ihr politischer Schwerpunkt - das bringt Ihr Beruf mit - ist die Sozialpolitik. Wofür steht die SPD-Bundestagskandidatin Heike Baehrens?

BAEHRENS: Meine Themen im Beruf sind jene, die die Menschen bewegen. Deshalb glaube ich, dass mir die Wähler zutrauen, dass ich meine Erfahrungen zielstrebig in die Bundespolitik einbringen kann. Im Vorstand des Diakonischen Werks bin ich für die Bereiche Kinder, Jugend und Familie, für die Behindertenhilfe, das Freiwillige Engagement und für Gesundheit, Alter und Pflege zuständig. Nehmen Sie als Beispiel den Armutsbericht.

Geht es den Menschen denn wirklich so schlecht?

BAEHRENS: Wir sehen in unserer täglichen Arbeit die unmittelbaren Auswirkungen, wenn immer mehr Menschen von der Wohlstandsentwicklung in unserem Land abgekoppelt werden. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Das untere Einkommenszehntel hat in den vergangenen zehn Jahren zehn Prozent verloren, das oberste Zehntel hat im gleichen Zeitraum um 15 Prozent zugelegt. Und auch in der Mitte haben die Familien den Eindruck, immer weniger Geld zur Verfügung zu haben. Das kann eine Gesellschaft auf Dauer nicht aushalten. Auf einem solchen Boden wächst auch rechtsextremes Gedankengut. Deshalb ist es dringend notwendig, dass wir da gegensteuern.

Weitere Schwerpunkte sind für Sie die Themen Steuergerechtigkeit, Tariftreue, Bildung, Kinderbetreuung, Pflege - und die Verkehrsinfrastruktur im Landkreis. Wie halten Sie es mit dem Weiterbau der B 10?

BAEHRENS: Ich halte ihn für dringend notwendig. Der östliche Teil des Landkreises ist wirtschaftlich schwächer, und das hängt auch mit der Verkehrssituation zusammen.

Um den Weiterbau der neuen B 10 wird seit Jahrzehnten gekämpft. Wie würden Sie als Bundestagsabgeordnete das Problem angehen?

BAEHRENS: Ein solches Bauvorhaben kann man nur parteiübergreifend hinbekommen. Und genau das traue ich mir zu. Ich besitze durch meine heutige Aufgabe viel Verhandlungserfahrung und habe es gelernt, Allianzen zu schmieden.

Wie denken Sie denn über Stuttgart 21? Da sind sich ja auch in Ihrer Partei längst nicht alle grün . . .

BAEHRENS: Ich habe dieses Projekt von Anfang an befürwortet. Natürlich bin auch ich erschrocken über die Kostenentwicklung, ich glaube aber, dass ein wesentlicher Teil dieser Entwicklung mit der Länge des Prozesses und Zusatzanforderungen an das Projekt zu tun hat. Ich wünsche mir sehr, dass der Volksentscheid als Meilenstein genommen und das Ergebnis respektiert wird. Das bedeutet nicht, dass wir die weitere Planung und den Bau nicht kritisch verfolgen müssen. Ich halte es jedoch nicht für vernünftig, Stuttgart 21 dauerhaft unter ein Misstrauensvotum zu stellen. Das ist nicht gut für Deutschlands Ansehen in der Welt. Ein Land, das Innovationen in die Welt trägt, ist nicht gut beraten, ein solches Projekt dauernd negativ zu kommentieren. Es muss mal wieder Ruhe einkehren.
 



Zur Person

Heike Baehrens ist Kirchenrätin und Vorstandsmitglied des Diakonischen Werkes Württemberg. Dort ist die 57-Jährige unter anderem für die Themen Gesundheit, Alter und Pflege verantwortlich. Die Bankkauffrau und Diplom-Religionspädagogin, die seit 1988 SPD-Mitglied ist, arbeitet in Land und Bund in verschiedenen Gremien mit und gehörte von 1989 bis 1996 dem Stuttgarter Gemeinderat an. Baehrens hat zwei erwachsene Töchter und wohnt in Stuttgart. Ende November hatte die SPD im Kreis Göppingen Heike Baehrens zur Bundestagskandidatin nominiert.

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