Stell dir vor: Es ist Revolution – und keiner merkt es. So in etwa ergeht es der Forstwirtschaft im Land, die sich auf Druck des Bundeskartellamts völlig neu aufstellen muss: Das Einheitsforstamt ist tot, es lebe die neue Kleinteiligkeit. „Ich würde sagen, dass ist die tiefgehendste Verwaltungsreform, die wir im Land bisher hatten, weil sie in eine Philosophie eingreift“, sagt Martin Geisel, Leiter des Forstamts in Göppingen.

Auf den ersten Blick ändert sich zwar nur die Holzvermarktung. Diese übernahm bisher zentral für alle Waldbesitzer der Landesbetrieb ForstBW. Künftig wird strikt unterschieden zwischen Staatswald auf der einen sowie Kommunal- und Privatwald auf der anderen Seite. Entsprechend laufen auch Bewirtschaftung und Vermarktung getrennt ab. Damit entspricht das Land der Forderung des Kartellamts nach mehr Wettbewerb. Die Behörde hatte auf Beschwerden von Sägewerksbetreibern hin das Verfahren in Gang gesetzt.

Allerdings – da setzten die Kritiker an – würden bei diesem Thema spezifische Strukturen im Land völlig ausgeblendet. „Wir haben eine bunte Mischung bei den Waldbesitzarten“, erläutert Geisel. Das Land ist zwar in Baden-Württemberg der größte Einzelbesitzer, allerdings beträgt der Anteil am Gesamtwald nicht einmal ein Viertel. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern sind 50 Prozent in staatlichem Besitz.

Zuständig für alle Waldbesitzer

„Da setzt der Gedanke des Einheitsforstamts an. Das heißt, es gibt eine Forstverwaltung, die ist für alle Waldbesitzer zuständig und hat den Überblick“, sagt Geisel, „von diesem Knowhow profitieren vor allem die privaten Waldbesitzer.“ Bislang sei es zum Beispiel möglich gewesen, bei der Durchforstung Waldstücke von Privaten oder Kommunen mitzubearbeiten, „da hat ein Anruf genügt. Der Vorteil war: Es gab größere Holzmengen, so haben sich bessere Preise erzielen lassen.“

Künftig wird es in der Sache eine Trennung geben müssen. „Das bedeutet eine Organisation nur für Staatswald und eine für den Kommunal- und Privatwald.“ Was Agrarminister Alexander Bonde dabei durchaus als Erfolg verbuchen kann: Auch um diese Wälder wird sich die Forstbehörde kümmern, nun jedoch über die Forstämter bei den Landkreisen.

Grundlage für diese Struktur ist die nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes, wie es auch das Bundeswaldgesetz vorgibt. Geisel: „Wald hat weit mehr als nur die Funktion eines Holzlieferanten. Er ist ein Biotop, er hat eine Schutzfunktion für Boden und Wasser – und er spielt eine wichtige Rolle für den Menschen als Ort der Erholung.“

Diese nachhaltige Nutzung soll sich auch bei der Neustrukturierung widerspiegeln. „Wichtig ist, dass es weiterhin einen Förster gibt, der für alle Waldbesitzer da ist, dass der Privatwald nicht nach hinten fällt“, erläutert Geisel, „denn der Bedarf nach Holz ist da, wir können weniger liefern als benötigt wird“. Zudem besteht der praktische Nutzen, dass die Waldbewirtschaftungspläne weiter Bestand haben.

Kostenfrage wird an Bedeutung gewinnen

In welche Richtung genau die Reise geht, lässt sich laut Geisel („Alles beginnt bei Null“) noch nicht sagen. Weil Vermarktung und Bewirtschaftung auf zwei Parallelebenen ablaufen, wird für die Kommunen und Privatwaldbesitzer die Kostenfrage an Bedeutung gewinnen – eben weil sich nicht mehr alles in einem Abwasch durchforsten lässt und die Forstämter ihre Dienstleistung kostendeckend abrechnen müssen. Darum wird laut Geisel künftig wichtig sein, Waldflächen zusammen zu legen, um die Kosten für eine Bewirtschaftung möglichst niedrig zu halten. In Geislingen ist dies ein aktuelles Thema: Das Forstamt und die Stadt – letztere mit 900 Hektar ganz oben im Ranking der kommunalen Waldbesitzer im Kreis – verhandeln derzeit über ein mögliches Tauschgeschäft.

Für das Forstamt in Göppingen wird die Neustrukturierung ebenso Veränderungen bringen. Aktuell hat die Behörde 44 Mitarbeiter und 13 Förster – was seit der Verwaltungsreform 2005 einen Personalrückgang um 30 Prozent bedeutet. Damals war die Sonderverwaltung Forst in die Landratsämter eingegliedert worden. „Fest steht, dass für den Staatswald neue Forstreviere gebildet werden“, sagt Geisel: „Das heißt, es wird auch personelle Verschiebungen geben. Wobei noch geklärt werden muss: Wieviel Personal wird für den neuen Staatswald benötigt?“ sagt Geisel. Für die weitere Besetzung des Göppinger Forstamts werde entscheidend sein wird, „wer tendiert wo persönlich hin?“

Zu vermuten sei aber, dass durch die Doppelstruktur ein größerer Personalbedarf entstehe. Der Staatsforst im Kreis Göppingen macht nur 26 Prozent der Fläche aus, „nimmt aber 50 Prozent unserer Arbeit in Anspruch, weil diese Flächen intensiv bewirtschaftet werden“. Fällt die die bislang praktizierte Politik der kurzen Wege weg, könnten wegen des größeren Planungs- und Verwaltungsaufwands mehr Mitarbeiter erforderlich sein. Geisel: „Die Forstämter arbeiten in ihrer jetzigen Besetzung schon jetzt am Limit.“

Waldbesitzarten

Anteile Der Anteil des Staatsforstes am Wald in Baden-Württemberg (rund 14.000 Quadratkilometer) beträgt 24 Prozent. 36 Prozent sind in privater Hand, der Rest ist Körperschaftswald, der überwiegend den Kommunen gehört. Im Kreis Göppingen entfallen von 22.500 Hektar Wald 6.000 Hektar auf den Staatsforst, 7.000 Hektar sind kommunaler, 9.500 Hektar Privatwald. Die Erlöse aus dem Holzverkauf liegen bei ForstBW bei bis zu 430 Millionen Euro im Jahr, im Bereich des Göppinger Forstamts aktuell bei rund sieben Millionen Euro, davon 2,5 Millionen aus dem Staatsforst.