Keine böse Absicht, aber strafrechtliche Folgen - so skizziert Rechtsanwalt Jochen Holtz die Situation seiner Mandantin. Die Frau, 71 Jahre alt, geschieden, einst Sekretärin, aber schon immer in Tiere vernarrt, hatte jede Menge Katzen aufgenommen, ohne sie versorgen zu können. Auch Staatsanwältin Anna Zeller hält sich mit Vorwürfen zurück: "Sie meint es gut mit den Katzen - das heißt aber nicht, dass sie es gut gemacht hat.

Die Angeklagte, die aus Geislingen stammt und dort berufstätig war, hat in den vergangenen Jahren mehrfach den Wohnsitz gewechselt. Zuletzt hatte sie ein altes Bauernhaus in Mindelheim gemietet, wo unzählige herrenlose Katzen eine Heimat fanden. An Auslauf hat es den Tieren dort nicht gemangelt. Als ihr jedoch das Haus gekündigt wurde, fingen die Probleme an. Denn das zuständige Tierheim Memmingen war "bis unters Dach mit Katzen rappelvoll", konnte also keine aufnehmen.

Ein Umzug musste also mit den Tieren stattfinden. Bei der Wohnungssuche stieß die Frau im September vorigen Jahres auf das verlockende Angebot eines Albaners aus dem Unteren Filstal. Ihren Schilderungen zufolge, hat sie Hals über Kopf Mindelheim verlassen und ihre Habseligkeiten samt Katzen, Hasen und Hunde von einem Transportunternehmen in einen Lkw verladen lassen. Doch im Filstal angekommen, gabs ein böses Erwachen: Das günstige Wohnungsangebot war an die Bedingung geknüpft, den Cousin des Albaners zu heiraten. Der hatte sich offenbar ein Aufenthaltsrecht in Deutschland ergaunern wollen.

Transporter mit Tieren unterstellen

Die Frau zog gleich gar nicht ein und wandte sich in ihrer Not an einen türkischen Bekannten in Geislingen, der ihr tatsächlich eine freie Wohnung vermitteln konnte. Weil sie dort aber nicht sofort ihr ganzes Mobiliar - samt der Tiere - unterbringen konnte, musste der Transporter irgendwo untergestellt werden. Auch da fand sich eine Lösung: Ein Schuppen in Türkheim.

Erst während der folgenden Tage holte sie die im Lkw eingesperrten Katzen und brachte sie ins Schlafzimmer. Einige andere wollte sie bei der Tierhilfe Obere Roggenmühle unterbringen, machte sich dort aber unbeliebt, weil sie mit mehr Katzen anrückte als telefonisch angekündigt. Begründung: Sie habe im Umzugs-Lkw noch einige "gefunden". Als der Wohnungsbesitzer, der offenbar kein gesteigertes Interesse an geordneten Verhältnissen an den Tag legte, von den tierischen Umtrieben Wind bekam, wollte er die Mieterin so schnell wie möglich loswerden, hatte sie ihm doch versichert, nur eine Woche bleiben zu wollen und lediglich "ein paar Tiere" mitzubringen. 39 Katzen jedoch waren ihm zu viel; er schloss die Frau kurzerhand aus. Dies wiederum nahm sie zum Anlass, die Polizei zu rufen.

Einer der angerückten Beamten berichtet jetzt vor Gericht, dass die Anzahl der Katzen in dem maximal 15 Quadratmeter großen Schlafzimmer, in dem noch Bett und Schränke standen, unüberschaubar und der Gestank nahezu unerträglich gewesen sei. Von "katastrophalen Zuständen" spricht auch die Leiterin der Tierhilfe Obere Roggenmühle, wo die Katzen Zuflucht fanden, ehe sie auf weitere Tierheime aufgeteilt wurden. Eine Tierärztin bezeichnet die meist jungen Katzen als "verwahrlost" und krank: Fieber, eitrige Augen, Durchfall. Einige seien "echte Notfallpatienten" gewesen. Die Angeklagte selbst will nichts beschönigen: "Auch für mich war es ein Horror." Für sie seien Tiere jedoch der Lebensinhalt. Sie hätten ihr stets geholfen, wenn sie nirgendwo Anerkennung und Zuneigung gefunden habe. Als Einzelkind aufgewachsen, sei ihr oft suggeriert worden, "an allem schuld" zu sein: dass die Mutter an Kinderlähmung erkrankt ist und sich mehrere aus der Familie das Leben genommen haben.

Juristischer Ärger wegen übersteigerter Tierliebe

Übersteigerte Tierliebe hat ihr schon mehrfach juristischen Ärger eingebracht: So waren ihr in Schwäbisch Hall einmal 48 Katzen weggenommen worden. Damals hatte man ihr auferlegt, nur noch maximal fünf Tiere halten zu dürfen. Die meisten Vorstrafen beziehen sich freilich auf Betrug - weil sie Tierarztrechnungen nicht bezahlt hatte. Zuletzt war sie zu zwölf Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Außerdem musste sie 150 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten. Dass dies bei der Lebenshilfe geschah, empfindet sie als persönlichen Gewinn. Zum ersten Mal habe sie Anerkennung erfahren - was auch die junge Bewährungshelferin Manuela Ziller bestätigte und wie die Staatsanwältin, eine weitere Bewährung für ausreichend hielt. Anwalt Holtz verwies darauf, dass es seiner Mandantin nahezu unmöglich sei, ohne Tiere zu leben.

Amtsrichter Reinhard Wenger beließ es bei einer viermonatigen Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, sowie100 Stunden gemeinnützige Arbeit innerhalb eines Jahres - möglichst wieder bei der Lebenshilfe. Ferner untersagte ihr Wenger, fünf Jahre lang Katzen, Hunde und Hasen zu halten. Er gab ihr mit auf den Weg: "Vögel, Fische und Tiere in Terrarien dürfen Sie haben."