Ja, die Syrerin trägt Kopftuch. Aber: Die 26-Jährige hat in ihrer Heimat Ingenieurwesen studiert. Sie will arbeiten - und auch heiraten, wen auch immer sie auswählt. Sie ist selbstbewusst, eloquent und ehrgeizig. Das Gespräch mit unserer Zeitung führt sie in einer Mischung aus fließendem Englisch und gutem Deutsch.

Zahira, wieso bist du mit deiner Familie aus Syrien geflohen?

Wir hatten in unserer Heimat kurz vor dem Kriegsausbruch ein sehr gutes Leben und wir waren sehr glücklich. Mein Vater hatte als Arzt eine eigene Klinik, meine Mutter arbeitete als Anwältin. Ich hatte so viele Pläne für meine Zukunft, aber der Krieg hat alle meine Wünsche zunichte gemacht. Ich hätte niemals gedacht, dass ich irgendwann einmal ein Flüchtling bin.

Zweimal versuchte man mich abends nach der Universität zu entführen, um Lösegeld von meiner Familie zu erpressen. Mehrere Männer wollten mich in ein Auto ziehen, aber ich konnte davonrennen. Auch mein Vater als wohlhabender Mann war in Gefahr. Die Situation wurde immer schwieriger: Mein Bruder sollte zum Wehrdienst eingezogen werden, es gab Bombenanschläge. Also haben wir beschlossen zu gehen.

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Das Gespräch mit Zahira findet in einer größeren Runde mit mehreren Asylbewerbern statt. Die 26-Jährige will zunächst nichts von ihrer Flucht erzählen. Die Syrer hätten alle die gleichen Routen genommen, meint sie, das kenne man ja. Für sie steht nicht die dramatische Flucht im Mittelpunkt ihrer Erzählung, sondern ihre Zukunft. Als die anderen Flüchtlinge von ihren Erlebnissen mit den Schleppern in den Bergen und auf dem Meer erzählen, lauscht sie aufmerksam, das Gesicht schmerzlich verzogen, die Augen blicken immer trauriger. Und dann überwindet sie sich und erzählt, was sie in einem überfüllten, sinkenden Boot erlebt hat.

Was ist euch auf dem Mittelmeer zugestoßen?

Wir mussten mit dem Boot von der Türkei aus übers Meer setzen. 30 Personen waren erlaubt, wir waren 75. Vom ersten Moment an lief Wasser ins Innere. Wir hatten einen starken Motor, das war unser Glück; doch wenn er einmal stoppte, lief das Boot voll. Kurz vor der Küste sind wir an Felsen gestoßen, das Boot begann zu sinken. Deshalb warfen wir unsere Rucksäcke mit Kleidung und den persönlichen Sachen ins Wasser. Ich war sicher, wir würden sterben und habe nur gedacht: Es ist nicht schlimm, wenn ich sterbe, wenn nur meine Eltern und mein Bruder überleben.

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Die Familie konnte sich an Land, auf militärisches Gelände, retten - nass und frierend. Die ersten Griechen, denen sie begegneten, seien sehr böse gewesen, erzählt Zahira. Schon auf dem Mittelmeer hatte sie das fehlende Mitgefühl verwundert: Ein Boot der Küstenwache hatte das mit Flüchtlingen voll besetzte Boot wahrgenommen und sogar mit Scheinwerfern beleuchtet, den schreienden Menschen in Not und Todesangst aber nicht geholfen.

Geislingen erreichte die syrische Familie am 6. November - am 18. Geburtstag von Zahiras Bruder. Nach Feiern war den vieren nicht zumute, Zahiras Mutter war sehr krank. Nach drei Wochen in der Wölkhalle zog die Familie in eine Wohnung in der Dammstraße.

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Zahira, seit du hier bist, gibst du Arabisch-Unterricht - bislang am Eislinger Erich-Kästner-Gymnasium, ab April auch an der Geislinger Volkshochschule. Warum?

Ich möchte etwas Nützliches tun. Deutschland hat uns eine Hand in einer sehr schwierigen Situation gereicht, wo andere, auch arabische Länder, ihre Grenzen vor uns verschlossen haben. Ich möchte gern Danke sagen. Es ist auch ein guter Weg, um mit anderen zu kommunizieren und neue Freunde kennenzulernen. Ich kann mich als Flüchtling leider noch nicht so sehr in die Gesellschaft einbringen, aber das ist ein erster Schritt.

Es ist ja für viele Flüchtlinge enttäuschend, dass sie erst mal warten müssen. Sie wollen arbeiten, etwas Gutes tun und nicht nur schlafen und essen. Und vor allen möchten sie sich selbst verhalten können und nicht vom Sozialstaat abhängig sein. Viele Syrer sind sehr aktiv, in Syrien hatten viele zwei Jobs, um ein gutes Leben zu haben.

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Auch für Zahiras Eltern ist die Situation neu. Sie sind froh, dass sie in der Dammstraße alleine wohnen können und sich nicht mehr eine Halle mit vielen anderen teilen müssen. Zahiras Vater würde gern wieder als Arzt arbeiten, wollte ehrenamtlich Flüchtlingskinder medizinisch helfen, doch damit er die deutsche Approbation erhält, braucht es noch etliche Behördengänge, seine Deutschkenntnisse müssen sehr gut sein.

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Gibt es etwas, was du den Geislingern sagen möchtest?

Es gibt Flüchtlinge, die ein schlechtes Bild auf uns werfen, aber wir sind nicht alle so. Man kann nicht anhand weniger über ein Volk urteilen. Deutschland war nach dem Krieg auch vollkommen zerstört, die politische Situation war ebenso unklar und viele Leute haben sehr gelitten - vielleicht können die Menschen unser Leid nachvollziehen und uns eine Hand reichen. Und ich möchte mich bei vielen Menschen in Geislingen für all das Gute, das uns widerfahren ist, bedanken.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Für mich habe ich viele Träume: Ich möchte mein Studium beenden, arbeiten und unabhängig leben. Ich habe eine neue Motivation gefunden, mein Leben neu zu gestalten. Ansonsten wünsche ich mir, dass der Krieg endet und wir nach Syrien zurückkehren und das Land wieder aufbauen können. Ich habe in mehreren arabischen Ländern gelebt, aber ich habe mich nirgendwo so stabil und sicher gefühlt wie in meinem Heimatland vor Kriegsbeginn. Ich wünsche es keinem, ein Flüchtling sein zu müssen und hoffe, dass es irgendwann mehr Frieden in der Welt gibt.