Gaildorf Zwischen Lebenslust und Todesangst

Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 11.07.2018
Renate Rößler, Tochter des früheren Bahnhofsvorstehers Eugen Tripps, hat ein Büchlein über ihre bewegte Kindheit in Gaildorf vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht.

Verängstigt kauern 14 Menschen, darunter Kinder, in einem Keller in Gaildorfs Bahnhof­straße. Darunter Familie Tripps. Sie hatte hier Unterschlupf gefunden, weil ihr Zuhause, der Westbahnhof, in diesen April-Tagen des Jahres 1945 wieder Ziel amerikanischer Jagdbomber ist.

Eugen Tripps, 1899 in Heilbronn geboren und in Diensten der Reichsbahn, ist nach seiner jüngsten Beförderung 1938 Bahnhofsvorsteher in Gaildorf geworden. Das Leben im Zentrum des Limpurger Landes verläuft verhältnismäßig sorgenfrei. Bis zur Einberufung des Familienoberhaupts zur Wehrmacht. Im Herbst 1943 kehrt Eugen Tripps nach einjährigem Kriegseinsatz in der Ukraine unversehrt zu seiner Frau und den beiden Kindern zurück.

Hier erlebt die Familie die Schrecken des zu Ende gehenden Krieges. Was um den 20. April 1945 im Keller niemand ahnt: Töchterchen Renate,  Jahrgang 1936, damals also im neunten Lebensjahr stehend, sollte sich den Einschlag der Granaten, den Beschuss ihrer Wohnung im Bahnhofsgebäude und viele andere Erlebnisse mehr einprägen, um das Ganze mehr als 70 Jahre später zu veröffentlichen.

Diesen Schritt hat sie nun gewagt: Renate Rößler, geborene Tripps, präsentiert auf 22 inhaltsschweren Seiten ihre Erinnerungen „Meine Kindheit in Gaildorf vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg“, im Selbstverlag erarbeitet, druckfrisch und in kleiner Auflage. Drei Monate lang hatte die seit 15 Jahren verwitwete Mutter zweier beruflich erfolgreicher Söhne und Oma zweier Enkel daran geschrieben.

Der überwiegende Teil ihrer Schilderungen dokumentiert eine doch unbeschwerte Kindheit in dem beschaulichen Städtchen. Sie erzählt vom Baden im Kocher nahe der Rudolphsmühle oder im Flussfreibad in der Eschenau. Von abenteuerlichen Schlittenfahrten am verschneiten Bahnhofsbuckel, vom Kindergarten- und Schulalltag. Oder wie sie bei Feinkost Markert am Marktplatz oft ein „Bonbonle“ geschenkt bekam.

Ein Stück Stadtgeschichte

Auch die Erinnerung an die Ochsen Max und Moritz von Fuhrunternehmer Munz, die geduldig den schweren Karren mit Bahngütern zogen, sind noch präsent: „Wir Kinder liebten die Ochsen und streichelten sie oder packten sie an den Hörnern.“

Renate Rößler hat mit ihren Zeilen ein Stück weit das gesellschaftliche Leben jener Zeit festgehalten, ein wichtiges Stück Stadtgeschichte aufgeschrieben. Und obwohl ihre Schilderungen von einer glücklichen Kindheit im und um den Bahnhof, in dem sich damals noch ein wichtiger Teil des öffentlichen Lebens abspielte, zeugen, scheinen die düsteren Kapitel alles zu überlagern: Kinderaugen sehen, wie der grausame Krieg nach Gaildorf kommt. Menschen verstecken sich im Kappelesberg-Tunnel vor den Jagdbombern der Amerikaner, die auf alles schießen, was sich bewegt. Aber auch das Kriegsende ist zunächst von Angst geprägt. Randalierende US-Soldaten, erinnert sie sich, haben in der Bahnhofstraße mehrere Frauen vergewaltigt. Sie seien später identifiziert und hart bestraft worden …

Wegzug nach Hessental

Das Büchlein endet mit dem Jahr 1950: Der Vater wird Bahnhofsvorsteher in Hessental. Schweren Herzens heißt es, Abschied nehmen von Freunden, der „liebgewonnenen Nachbarschaft“. Später wird Eugen Tripps Vorsteher des Haller Bahnhofs. Noch vor Eintritt in den Ruhestand erliegt er 1961 einem Herzinfarkt.

Tochter Renate, zur Auslandskorrespondentin ausgebildet, steht in Diensten eines Industriebetriebs in Singen. Später kehrt sie in ihre Geburtsstadt Öhringen zurück. An der dortigen Volkshochschule gibt sie seit nunmehr 30 Jahren als Dozentin Kurse in Englisch. Und erinnert sich immer wieder gerne „an meine Kindheit in Gaildorf“ – an den Bahnhof, der längst zum Geisterbahnhof heruntergekommen ist.

Im Herbst Lesung in Gaildorf

Ihre Erinnerungen „Meine Kindheit in Gaildorf“ hat Renate Rößler in eigener Regie herausgegeben. Die 22-seitige Broschüre gibt es für 4,90 Euro in der Buchhandlung Heinz in Gaildorf. Dort liest Renate Rößler am 6. Oktober, 14 Uhr, für Interessierte aus ihrem kleinen Werk.

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