Langsam geht ein sonniger Herbsttag zu Ende. Um das Pfadfinder-Haus auf dem Kieselberg weht ein frischer Wind. Der lässt die Leute, die nach und nach eingetrudelt sind, jedoch kalt. Sie sind gekommen, um zu feiern. Obwohl es für sie mit Blick auf den Anlass eigentlich nichts Erfreuliches zu feiern gibt.

An diesem Samstagabend will diese halbe Hundertschaft einen Schlussstrich ziehen unter einen zuletzt traurigen Abschnitt ihrer beruflichen Laufbahn: Ihr Arbeitgeber, Züblin Timber, braucht sie nicht mehr. Die Tochtergesellschaft des österreichischen Baukonzerns Strabag hat, wie berichtet, die Produktion am traditionsreichen Standort Gaildorf eingestellt. Apropos Tradition: Die geht wohl nicht auf das Konto der Ed. Züblin AG, die sich vor sieben Jahren die Holzbauaktivitäten der seit 1929 im Zentrum des Limpurger Landes ansässig gewesenen Holzbaufirma Stephan gesichert hatte.

„Wir erfahren nichts“

Das ist nun Geschichte. Produziert wird in dem erst vor wenigen Jahren mit Millionenaufwand modernisierten Werk in der Gartenstraße nicht mehr. Die Werkhallen sind fast leer geräumt. Die Demontage der großen Maschinenanlagen soll bis Ende kommenden Jahres über die Bühne gehen. Was dann mit der Immobilie geschieht, ist nicht bekannt. Zumindest nicht öffentlich. „Wir erfahren nichts!“ Dieser Satz ist am Rand der Feier auf dem Kieselberg nicht nur in diesem Zusammenhang oft zu hören.

Die Belegschaft ist – bis auf wenige Bürokräfte – „gegangen worden“. Freigestellt, entlassen. Eine beinahe sensationelle Erkenntnis wird auf dem Kieselberg zur Nachricht des Tages: Bis auf einen Kollegen haben alle Entlassenen einen neuen Job in der Tasche, ist aus dem Betriebsrat zu erfahren. Der Arbeitsmarkt sei gut – „und wir sind es auch“, sagt ein junger Mann selbstbewusst, der nach den Wirren der vergangenen Monate wieder zuversichtlich nach vorne schaut.

Als es kälter wird, wärmen sich die Geschassten am Lagerfeuer vor dem Pfadi-Heim, von dessen Fassade die Fahne ihres früheren Arbeitgebers flattert – die blaue von Stephan, denn Züblin ist für sie kein Thema mehr. Auch ehemalige Arbeitskollegen und Freunde, die zum Abschied gekommen waren, winken ab.

Fast alle Geladenen sind da

Obwohl es zu früher Partystunde noch relativ gelassen zugeht, ist den Versammelten doch anzumerken, dass es bald „emotional“ werden wird, orakelt einer der Teilnehmer. Spätestens dann, wenn Erfreuliches und Erfolge des Teams aus vergangenen Zeiten zur Sprache kommen. Wenn an die Kameradschaft erinnert wird, die das Stephan-Team einst auszeichnete – und die auch an diesem Abend wieder zum Ausdruck kommt. Sichtbares Zeichen: Fast alle Eingeladenen stehen auf der Matte. Wer fehlt, ist terminlich verhindert oder krank.

Das Team bricht auseinander

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wird das Essen geliefert, die Stärkung für die folgende Abschiedsfeier. Die wird von vielen Gesprächen dominiert, staatstragende Ansprachen gibt es nicht. Dazu gibt es Partymusik aus der Konserve. Ein letztes Mal ist der Zusammenhalt der Belegschaft zu spüren – bevor man auseinandergeht, das Team zerbricht und in alle Himmelsrichtungen ausschwärmt. Ungeniert berichtet ein freigestellter Mitarbeiter später, dass die Stimmung entsprechend war: Viele Tränen seien an diesem Abend auf dem Kieselberg geflossen.