Gesellschaft Wie man eine Stadt verwandelt

Gaildorf / Richard Färber 21.07.2018

Wie viele vernünftige Leute waren auch die Gründer der Gaildorfer Kulturschmiede in jungen Jahren kriminell. Holz habe man geklaut, grinst Werner Eichele, um Tische und Stühle fürs Jugendzentrum im Alten Schloss zu bauen. Als der seinerzeitige Gaildorfer Bürgermeister Hans König einen Kontrollgang unternahm, streifte sein Blick die selbst geschreinerten Möbel freilich nur und heftete sich sodann an eine Kiste Häberlen-Bier, ausgepreist als „Tagessuppe“ für eine Mark zwanzig die Flasche. Der eklatante Verstoß gegen das Alkoholverbot hatte die sofortige Schließung zur Folge.

Um 1976 müsse das gewesen sein, sagt Matthias Lübke. Der 66-Jährige Rechts- und Sozialwissenschaftler und Experte für Zukunftsmobilität, der Gaildorf früh verlassen, aber nie vergessen hat, saß seinerzeit im JZ-Vorstand und machte Druck. Als Juso habe er ein Parteiausschlussverfahren gegen das SPD-Mitglied König  beantragt, sagt Lübke. Zuletzt habe er dann zusammen mit dem SPD-Landesvorsitzenden Uli Lang den Schultes im Hinterzimmer des Bräuhauses so lange bearbeitet, bis das Jugendzentrum wieder geöffnet wurde.

Lob der Selbstverwaltung

König und Lang sind mittlerweile verstorben, können die Geschichte also weder bestätigen noch dementieren. Gleichwohl ist sie wichtig, sie gehört zum Gründungsmythos der Kulturschmiede, die in den letzten 40 Jahren Gaildorf geprägt hat wie kein anderer Verein. Gestählt durch die Erfahrung der Selbstverwaltung im Jugendzentrum beschlossen jene, die sich langsam zu alt fühlten fürs samstägliche Rumhopsen auf wackligem Holzfußboden, dem Städtchen kulturell ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Im Februar 1978 traf man sich zur Gründungsversammlung.

Der Geist war damals bereits aus der Flasche. Die Gründungen im Gefolge der 1968er-Bewegung, namentlich, um in der Nachbarschaft zu bleiben, der Club Alpha 60 in Schwäbisch Hall, standen für ein neues Kulturverständnis: politisch, emanzipatorisch, demokratiefordernd und -fördernd – oder auch, weil im Zweifel links, unruhestiftend, wie das gutbürgerliche Establishment befand.

Unruhestiften, wie es manche vielleicht erwartet hatten, wollte der Verein aber gar nicht. „Kultur machen und Spaß haben“ – das sei die Intention gewesen, sagt Werner Eichele, Gründungsmitglied, langjähriger Vorsitzender und Programmmacher des Bluesfestes, von dem noch zu sprechen sein wird. „Wir wollten nicht konfrontativ arbeiten, sondern auf die Leute zugehen“, sagt Lübke.

Und deshalb tat die Kulturschmiede, die kein eigenes Vereinslokal besaß und als Veranstalter durch Gaststätten und städtische Räume vagabundieren musste, auch nur Gutes. Zugegeben: Sie holte schräge Musikanten ins Städtchen, lästerliche Kabarettisten, aufmüpfige Literaten und gefährliche Jazzer – als der Prager Pianist Milan Swoboda 1984 das erste Mal in Gaildorf auftrat, erinnert sich Eichele, sei eine Bürgschaft verlangt worden für den Fall, dass Swoboda die Heimkehr verweigert. Und auch dass einige Gemeinderäte die Aufführung des für damalige Verhältnisse verbal recht freizügigen Aufklärungsstückes „Was heißt hier Liebe“ als „ultimative Sauerei“ (Lübke) verstanden, hat dem Verein nicht geschadet, im Gegenteil. Die Kulturschmiede, die sich später auch in der offenen Jugendarbeit und in der Erwachsenenbildung engagierte, schlug mit ihren Veranstaltungen einen Ton an, der von vielen, zumal Jugendlichen, offenbar schmerzlich vermisst worden war.

Diese Akzeptanz wurde verstärkt durch die Bluesfeste, die sich zu einem Gaildorfer Alleinstellungsmerkmal entwickelt haben. Im Sommer 1978 holte die Kulturschmiede zum ersten Mal zwei Bluesbands in den Schlosshof. Werner Eichele, Klaus Hornemann und Matthias Lübke hatten sich vom legendären Jazzfestival in Montreux inspirieren lassen. Der damals junge „German Blues-Circle“ wurde aufmerksam, nutzte eines der folgenden Bluesfeste für eine Mitgliederversammlung und blieb dem Bluesfest fortan treu. Heute ist das Festival, das alle zwei Jahre auf der Kocherwiese gefeiert wird, weltweit anerkannt, die Atmosphäre wird als einmalig gerühmt.

Festival als Lebensversicherung

Eine Art Lebensversicherung der Kulturschmiede hat Werner Eichele das Bluesfest einmal genannt, und das ist nicht nur finanziell gemeint. Die Bluesfeste sind Wirtschaftsfaktor, Bestätigung und Antrieb zugleich, sie wirken unmittelbar in das städtische Milieu hinein, begründen ein kulturelles Selbstverständnis, stiften Identität: Hunderte Gaildorfer opfern ihre Freizeit, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten.

Zur offiziellen Anerkennung hat’s freilich gedauert. Zwar hat der seinerzeitige Bürgermeister Hans König das Engagement des Vereins grundsätzlich begrüßt und fürs oben erwähnte Skandalstückchen auch die Halle zur Verfügung gestellt, bis sich der Gemeinderat aber zur handfesten Förderung entscheiden konnte, dauerte es noch Jahre.

Die Entscheidung fiel erst unter Königs Nachfolger Kurt Engel, der als bisher einziger Gaildorfer Bürgermeister auch Mitglied wurde. Engel setzte auch durch, dass die Kulturschmiede das „Kulturcafé“ in der Limpurghalle zur alleinigen Nutzung erhielt. Der Raum war für das Jugendzentrum gedacht, das zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr existierte.

Einen sicheren Hafen aber fand die Kulturschmiede erst ab dem Jahr 2002. Die Brauereifamilie Manske stellte dem Verein den ehemaligen Brauereigasthof zur Verfügung. Damit endete auch das Vagabundendasein der Kulturschmiede: Gaildorf hatte endlich eine Kultur- und Blueskneipe. Und seitdem gilt die Kulturschmiede, die 2005 auch den Medienpreis der drei Kreiszeitungen erhalten hat, wohl auch als „gesetzt“: eine verlässliche und unverzichtbare Größe im kulturellen und gesellschaftlichen Leben Gaildorfs.

Es habe sich schon etwas geändert, stellt Wolfgang Höfer fest, der zusammen mit Carola Kronmüller, Margarete Wörner und Joachim Belz den aktuellen Vorstand bildet. Die Stadt habe das letzte Bluesfest enorm und unbürokratisch unterstützt. Verbandsbauamt und Bauhof hätten sich ganz selbstverständlich gekümmert und dem Team einen Haufen Arbeit abgenommen. „Besser als ein Grußwort“, grinst Höfer.

Höfer gehört eigentlich zur zweiten Kulturschmiede-Generation. Als sich Eichele und Konsorten auf zu neuen Ufern machten, amüsierte er sich noch im Jugendzentrum. Und als er älter wurde, fand er in der Kulturschmiede seine neue Heimat. Nun freut er sich, dass einige junge Gaildorfer den Verein für sich entdeckt haben. Nach allem, was man weiß, sind sie auch nicht kriminell, sondern machen freiwillig und freudig Thekendienst und einige, freut sich Höfer, kommen sogar regelmäßig zu den Sitzungen.

Wie’s mit den Bluesfesten weitergeht, ist allerdings offen, und das hängt nicht nur mit der alleinigen Programmkompetenz des Werner Eichele zusammen. Das 25. Bluesfest, das im letzten Jahr gefeiert wurde, hat das Organisationsteam, das schließlich auch nicht jünger wird, an seine Grenzen gebracht. Dass es 2019 ein 26. Bluesfest geben wird, wurde in geheimer Abstimmung beschlossen – bei drei Gegenstimmen. Die Botschaft ist deutlich: Der Verein braucht Hilfe: Leute, die sich nicht nur interessieren, sondern auch engagieren.

Party mit Soulfinger

Auch ein Signal von Stadt und Gemeinderat könnte hilfreich sein. Werner Eichele hat mehrfach erklärt, dass der Bau der Umgehungsstraße auch das Ende der Bluesfeste bedeuten kann. Die Kocherwiese als Veranstaltungsort stünde dann nicht mehr zur Verfügung. Gemeinsam über Alternativen nachzudenken sichert zwar nicht unbedingt den Fortbestand der Bluesfeste, dürfte aber durchaus aufmunternd wirken.

In ihrem vierzigsten Jahr zählt die Kulturschmiede mit 389 Mitgliedern zu den größten Vereinen Gaildorfs. Und sie feiert ihren Geburtstag dort, wo einst mit dem ersten Gaildorfer Bluesfest ihre Erfolgsgeschichte begann: im Hof des Alten Schlosses. „Soulfinger“ werden dort am 28. Juli auftreten, eine 15-köpfige Soulband aus dem Rhein-Main-Gebiet. Man weiß, was man kriegt: Als die Kulturschmiede vor zehn Jahren ihr 30-jähriges Jubiläums feierte, gratulierten auch Soulfingers: Das Konzert schlug ein und gilt bis heute als legendär.

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