Pferdemarkt Wenn Lieder zu Geschichten werden

Gaildorf / Richard Färber 13.02.2017
„The Ballroom Shakers“ aus Nürnberg spielen beim Jazzfrühschoppen der Kultursschmiede im ausverkauften Kernersaal Swing, Blues und Rhythm & Blues.

Es muss da eine Vertragsklausel geben, die besagt, dass die Schlagzeuger des Pferdemarkt-Jazzfrühschoppens der Kulturschmiede bei ihrem Solo nicht hinterm Schlagzeug sitzen bleiben dürfen. Gefühlt alljährlich nämlich hampeln die Burschen trommelnd und wirbelnd nach vorne und dreschen, wie’s grad kommt,  auf Mikrophonständer, Flaschen, Stühle oder den Bühnenboden ein und werden dafür gefeiert.

Der heurige Drummer macht da keine Ausnahme: Jochen Schmidt von „The Ballroom Shakers“ aus Nürnberg nutzt für sein rasantes Solo zu Duke Ellingtons „Caravan“ gar die Klangnuancen, die ein auf die Bühnenbretter geklebtes Kabel bietet.

Transparenter Sound

Freilich: Er kann das und er darf das. Alle Drummer, die diese Jazzfrühschoppen-Showeinlage bisher gebracht haben, konnten es und durften es. Aber ein bisschen ritualisiert wirkt diese Show-Einlage mittlerweile doch. Möglicherweise gibt es auch so etwas wie eine Schlagzeuger-App, wo sich die Kollegen Drummer kurzschließen können: „Sag mal, was mögen die Gaildorfer so?“

Sie mögen es, speziell zum Pferdemarkt, wenn die alte Jukebox wieder einmal angeschlossen wird, wenn’s köchelnd swingt und alte Blues-, Swing- und Rhythm & Blues-Nummern auf der Bühne wiederbelebt werden. „The Ballroom Shakers“ aus Nürnberg sind bei solchen Vorlieben die erste Wahl.

Im Prinzip handelt es sich um eine Akustik-Band mit Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug, Saxofon und Gesang und entsprechend transparent ist ihr Sound. „The Ballroom Shakers“ beginnen den ausverkauften Kernersaal einigermaßen relaxt mit „I just want to make love to you“ zu „shaken“, einem Klassiker von Willie Dixon,  ziehen das Tempo aber recht schnell an.

Eleganz und Anspruch

Schlagzeuger Jochen Schmidt, Gitarrist Michael Kusche, Bassist Harry Hirschmann und Saxofonistin Angelika Traurig agieren auf den Punkt, glänzen mit Kabinettstückchen und mitreißenden Soli-Duellen, lassen aber auch immer wieder Qualitäten aufblitzen, die über die in der Regel zwölftaktigen Genregrenzen hinaus weisen.  Angelika Traurig etwa beherrscht virtuos die Über­­blastechniken des R & B und Rock ’n’ Roll, darunter aber, immer wieder hörbar in duftig rollenden Läufen, wirken die Eleganz des Swing und die hohen Ansprüche des Bop und des Modern Jazz.

Zur Ausnahmeformation aber werden „The Ballroom Shakers“ durch ihre Sängerin. Die aus North Carolina stammende Sängerin Donniele Graves ist auch durch die Band „Soul Kitchen“ bekannt geworden. Graves hat die Fähigkeit, die Substanz der Geschichten, die in diesen sehr alten und doch alterslosen, bisweilen auch recht frivolen  Liedern erzählt werden, hör- und spürbar zu machen. Aus ihrer sonnigen Stimme klingt das Gör ebenso wie der Backfisch, der Vamp und die Diva. Herausragend: Ihre Scat-Einlage zu Nellie Lutchers „Real Gone Guy“, ein schnellzüngiges Meisterwerk über geschätzt mindestens drei Oktaven, und die alte Ballade „I Want A Sunday Kind Of Love“, durch die plötzlich und mit aller Wucht der Blues über die Zuhörer kommt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel