Diskussion Wenn Äcker zum Bauland werden

Landwirte besuchen die Podiumsdiskussion des Bezirksarbeitskreises Gaildorf des Evangelischen Bauernwerks.
Landwirte besuchen die Podiumsdiskussion des Bezirksarbeitskreises Gaildorf des Evangelischen Bauernwerks. © Foto: Balko
Gschwend / Andreas Balko 05.03.2018

Wohnbau, Verkehr, Landwirtschaft, Naturschutz, Erholung stehen in Konkurrenz, wenn es um Flächennutzung geht. Immer mehr Ackerboden wird zu Bauland gemacht. Aber ist Landschaftsverbrauch die einzige Möglichkeit, einen Ort voranzubringen? Auf dem Podium sitzen Christoph Hald, Bürgermeister in Gschwend, Hubert Kucher, Vorsitzender des Bauernverbands Ostalbkreis, und Michael Weber vom Institut für Stadt– und Regionalentwicklung an der Hochschule Nürtingen-Geislingen. Eingeladen hat der Bezirksarbeitskreis Gaildorf des Evangelischen Bauernwerks.

1000 Euro pro Einwohner

Achim Ehring, Bauernpfarrer des Kirchenbezirks, führt in die Thematik mit persönlichen Beobachtungen ein: Sein Elternhaus stand einst am Stadtrand von Winnenden. Heute müsse es eher zur Ortsmitte gerechnet werden. In Statements umreißen die Experten ihre Sichtweise. Bürgermeister Christoph Hald ist auf einem landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieb aufgewachsen und kennt die Sorgen der Bauern. Dennoch vertritt er die Meinung, dass er als Bürgermeister alles daransetzen müsse, damit seine Kommune weiter wächst. „Jeder einzelne Einwohner bedeutet Einnahmen“, stellt er nüchtern fest. So bekommt jede Kommune jährlich aus Landesmitteln 1000 Euro pro Einwohner. Ein Rückgang der Einwohnerzahl bedeutet also finanzielle Verluste, die dazu führten, dass Infrastrukturen nicht wie bisher aufrechterhalten werden könnten. Um neue Einwohner zu gewinnen, muss eine Gemeinde aus Halds Sicht neue Wohn- und Gewerbegebiete ausweisen, und dies bedeute zwangsläufig mehr Flächenverbrauch. Wenn aber neue Baugebiete ausgewiesen werden, muss die Gemeinde Ausgleichsflächen bereitstellen, die wiederum der Landwirtschaft entzogen werden. Zum Flächenverbrauch trage auch bei, dass immer mehr Alleinstehende in großen Wohnungen oder sogar allein in Häusern wohnen, nachdem die Kinder aus dem Haus sind und vielleicht der Ehepartner verstorben ist. Hald will jedoch die innerörtliche Bebauung intensivieren, um die neuen Baugebiete auf landwirtschaftlichen Flächen in Grenzen zu halten.

Für Hubert Kucher, der mit 100 Hektar und 100 Kühen Vollerwerbslandwirt ist, stellt sich der Flächenverbrauch dramatisch dar. „Die landwirtschaftlichen Flächen sind die Existenzgrundlage der Landwirte“, betont er. Von den 3,6 Mio. Hektar Fläche Baden-Württembergs gehen jedoch der Landwirtschaft täglich sechs Hektar verloren. „Bundesweit wird der Landwirtschaft jeden Tag die Fläche eines Vollerwerbsbetriebs durch Bebauung, Versiegelung und Schaffung von Ausgleichsflächen entzogen“, resümiert Kucher. Dadurch steigen die Pachtpreise ständig, was die Bauern zunehmend unter Druck bringe. Bei der Anlage von Industriegebieten müsse man viel sensibler mit dem Flächenverbrauch umgehen. Als Beispiel nennt Kucher Parkplätze, die großflächig angelegt werden. Er fordert den Bau von flächenschonenden Parkhäusern und Ausgleichsflächen in Siedlungen und Industriegebieten anzulegen. Bauplätze müssen aus seiner Sicht weiter verkleinert werden. Mehrfamilienhäuser sollten mehr als Einzelhäuser gefördert werden. Außerdem gehöre die landwirtschaftliche Fläche in Bauernhand statt in die Hand von Spekulanten.

In die Höhe gebaut

Michael Weber geht davon aus, dass die Bevölkerung im ländlichen Raum stagnieren oder abnehmen wird. Eine Entwicklung der Dörfer innerhalb des bisherigen Siedlungsgebietes sei allein schon deshalb notwendig, weil neue Siedlungsflächen mehr Kosten und Folgekosten produzierten.  Wichtig sei, künftig barrierefreie Wohnmöglichkeiten für Ältere in kleinen Wohneinheiten und in zentraler Lage zu schaffen. Aus seiner Beratungspraxis stellt er Projekte der Innenentwicklung vor, die zur Vermeidung des Flächenverbrauchs beitrugen.

Nach einer Pause mit Fingerfood aus der Region stellen sich die Experten den Publikumsfragen. Melanie Läpple, Bildungsreferentin beim Bauernwerk, moderiert die lebendige Diskussionsrunde, in der es auch um Produktionsmethoden, die Sinnhaftigkeit von immer neuen Gesetzen und fehlenden Lobbyismus der Landwirtschaft geht.

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