Interview Wasserbatterie schafft Stabilität im Netz

Gaildorf / Richard Färber 20.01.2018
Die Windenergieanlagen laufen, der Pumpspeicher ist im Bau: Mit der Gaildorfer Wasserbatterie will die Max Bögl Wind AG Energiegeschichte schreiben. Ihr kaufmännische Leiter Jürgen Joos registriert weltweites Interesse.

Die Wasserbatterie ist ja ein Prototyp, der weltweit vermarktet werden soll. Wo wird denn die nächste Anlage gebaut.

Jürgen Joos:  Das steht noch nicht final fest. Allerdings ist das Interesse extrem hoch. Es gibt Interessenten in aller Welt, wir bieten in den USA an und in Australien und haben in den letzten Tagen erst ein Angebot für Indonesien fertiggestellt. Auch in Deutschland, Österreich und auf dem Balkan gibt es Interessenten, die bereits geeignete Standorte im Auge haben. Unser Ziel ist es, ab 2020 mit der nächsten Anlage zu beginnen.

Was macht die Wasserbatterie für Länder wie Indonesien so attraktiv?

Die vergleichsweise schlechten Netzverhältnisse. Die Wasserbatterie kann erheblich zur Netzstabilität beitragen, und das hat man dort und auch in anderen Regionen mit relativ instabiler Stromversorgung sofort begriffen. Der Zubau von weiteren Erzeugungseinheiten, seien es Wind-, Photovoltaik- oder herkömmliche Anlagen, wird dort künftig ohne die Kombination mit einer Speichertechnologie gar nicht mehr möglich sein. Netzstabilität ist das Thema der Zukunft.

Das haben aber auch andere begriffen. Die Entwicklung neuer Speichertechnologien läuft auf Hochtouren.

Das ist auch gut so. Entscheidend ist, dass man sich mit der Thematik auseinandersetzt. Als wir vor viereinhalb Jahren angefangen haben, uns grundsätzlich mit dieser Technologie zu beschäftigen, wurde uns gesagt, Speicher seien unnötig. Noch heute gibt es Leute, die sagen, Speicher würden erst benötigt, wenn bei der Umstellung auf die Erneuerbaren Energien ein Ausbaugrad von 80 Prozent erreicht wird. Mittlerweile haben allerdings viele umgedacht und erkennen den dringenden Bedarf an Speichermöglichkeiten für erneuerbare Energien.

Wie kommt’s?

Wie haben einen dezentralen Ansatz, wir wollen kleinere Einheiten dorthin packen, wo physikalisch Bedarf herrscht. Wir bieten damit eine Alternative zum Thema Netzausbau, die Diskussion wird umgelenkt auf Speichertechnologien. Die Entwicklung des Energiemarktes gibt uns dabei Recht. Unser Kurzfristspeicher ist tatsächlich die Größenordnung, die jetzt national und international herangezogen wird.  Wir hatten früh erkannt, dass keine großen Langzeitspeicher benötigt werden. Uns reichen bei Volllastbetrieb vier bis sechs Stunden, um über die „Ramps“ hinwegzukommen, die sich vor allem morgens und abends aufbauen, wenn die Energiequellen wechseln.

Sie sind die ersten, die einen solchen Speicher in Deutschland in Betrieb nehmen. Wie funktioniert die Vermarktung?

Eine Windenergieanlage schaltet man ein und gewinnt Strom. Beim Speicher ist das komplizierter. Er muss richtig bewirtschaftet werden. In Deutschland fehlt dafür gegenwärtig flächendeckend das Know-how. Wir haben deshalb eine Vermarktungstochter gegründet. Die Max.power arbeitet eng mit Hochschulen zusammen; eine Vermarktungsstrategie wird gerade in der Simulation erprobt. Wenn wir den Speicher in Betrieb nehmen, sind wir vorbereitet und können sofort die ersten Erlöse realisieren. Wichtig ist: es geht um echten Ökostrom. Wir wollen den Strom aus unseren Anlagen vermarkten und nicht einfach ein Zertifikat draufkleben, das in Skandinavien oder sonst wo gekauft wurde.

Aber der Speicher arbeitet doch mit Überschüssen aus dem Netz. Die müssen ja nicht unbedingt aus Erneuerbaren Quellen stammen.

Dass wir über die Einspeisung gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz gehen, war ursprünglich gar nicht anders denkbar. Und anfangs werden wir wohl auch die Rahmenbedingungen des EEG nutzen. Richtig interessant wird’s erst später, wenn der Ausbau der Erneuerbaren fortgeschritten ist. Und ideal wäre ein Direktvermarktungsmodell zwischen Anbieter und Abnehmer, wie es anderswo durchaus üblich ist. Wenn die Anlage in echter Kombination gefahren wird, gehen die Stromüberschüsse aus der Windenergieanlage direkt in den Speicher und kommen bei Flaute zurück. Das hilft Betreibern in Regionen, in denen die Erneuerbaren, anders als in Deutschland, beim Einspeisen keine Vorfahrt haben. Sie müssen einen exakten Lieferplan vorlegen und einhalten. Der Speicher macht das möglich.

Man muss halt draufkommen. Die Wasserbatterie setzt auf bewährte und bereits erprobte Technologien. Wie wollen oder können Sie verhindern, dass Andere diese Idee einfach aufgreifen?

Die Idee mag ja einfach sein, die Technologie dahinter ist es nicht. Wir haben die reaktionsschnellste Wasserturbine und die größte PE-Druckrohrleitung der Welt entwickelt. Für die PE-Leitung bauen wir derzeit die Fertigung auf. Völlig neu ist die Turmtechnologie mit den Aktiv- und Passivbecken, die aber mittlerweile stark von der ursprünglichen Planung abweicht, weil wir permanent überlegt haben, wie wir die einzelnen Bauteile modular und kostengünstig gestalten können.

Das heißt: Sie setzen auf den Technologievorsprung?

Die Kombination, wie sie hier in Gaildorf gebaut wird, ist patentrechtlich geschützt. Außerdem haben wir in den letzten viereinhalb Jahren ein Know-how und ein Verständnis dieser Technologie erarbeitet, das andere nicht haben. Dass jemand die Anlage ad hoc und aus dem Handgelenk heraus nachbaut, wird eher nicht passieren.

Wer ist jetzt eigentlich alles an der Anlage beteiligt?

Gebaut wird sie von der Max Bögl Wind AG als Generalübernehmer im Auftrag der Naturstromspeicher GmbH & Co. KG, die die Anlage  auch betreiben wird. Sie ist eine nahezu hundertprozentige Tochter der Max Bögl Gruppe. Ein weiterer Beteiligter ist Alexander Schechner, der die Idee des Naturstromspeichers entwickelt hat. Schechner ist zusammen mit Bögl auch Teilhaber der Naturspeicher GmbH in Ulm, die früher als MBS Max Bögl Schechner GmbH firmierte Schechner war früher bei Voith, der das komplette Wasserkraft-Know-how beisteuert, bringt also viel Erfahrung mit. Die Naturspeicher GmbH ist für Entwicklungen zuständig: die Wasserkrafttechnologie, die Druckrohrtechnologie und auch die Steuerungstechnik.

Und wie sieht’s mit der Bürgerbeteiligung aus?

Das ist nach wie vor angestrebt. Wir wollen die Anlage, wenn das Wasserkraftwerk läuft, ein Jahr lang im Probebetrieb laufen lassen. Wenn die Anlage stabil läuft und die Erlöse wie erwartet fließen, werden wir die Idee noch einmal aufgreifen. Das Projekt wäre ohne die Unterstützung durch die Gaildorfer ja gar nicht möglich gewesen.

Sie hatten bereits das Erneuerbare-Energien-Gesetz angesprochen. Eine kombinierte Anlage wie die Wasserbatterie habe ich darin allerdings nicht entdeckt.

Noch nicht. In Paragraf 39j des EEG 2017 geht’s um Innovationsausschreibungen. Dort ist verankert, dass solche kombinierten Lösungen wie die Wasserbatterie, die zur Netzstabilität und -integration beitragen, künftig gesondert gefördert werden sollen. Die Durchführungsverordnung sollte eigentlich bis Mai erlassen werden, wird aber angesichts der Regierungsverhandlungen in Berlin wohl noch auf sich warten lassen.

Bisher gibt es gedeckelte Kapazitäten für einzelne Sparten wie Wind, Sonne und Wasser, die jeweils an den günstigsten Hersteller vergeben werden. Heißt das, es wird eine neue Sparte geben?

Exakt. Angedacht sind 50 bis 100 MB pro Jahr, um die sich dann Anbieter wie wir bewerben können. Damit soll auch die Technologievielfalt gefördert werden. Das Bundeswirtschaftsministerium sondiert die Anbieter bereits und hatte auch uns gebeten, unser Projekt vorzustellen. Auch wenn man jetzt in Verzug gerät und die erste Ausschreibung 2018 noch ohne diese Änderung durchgeführt wird, die Innovationsausschreibung wird kommen.

Wäre die Gaildorfer Wasserbatterie nach dem geltenden EEG überhaupt gebaut worden?

Da bin ich mir relativ sicher. Zum einen wegen des Speichers, den wir gewinnbringend gegen den Markt arbeiten lassen können, zum anderen wegen der Innovationen, die in der Anlage stecken. In Gaildorf steht aktuell die weltweit höchste Windkraftanlage mit dem größten Rotor. Das ergibt gute Erträge, trotz des windschwachen Standortes. Den Zuschlag für die Windkraft hätten wir also damals sicher erhalten.  Ob es auch in der letzten Ausschreibungsrunde geklappt hätte, ist natürlich fraglich. Die Preise sind drastisch gefallen, und das günstigste Gebot lag zuletzt bei 2,2 Cent pro Kilowattstunde. Herkömmliche Anbieter – die Marktbedingungen des EEG gelten ja nur für die Erneuerbaren – wären da nicht mehr konkurrenzfähig.

Das Ausschreibungsverfahren hat zu einem Nord-Süd-Gefälle geführt. Anbieter in Baden-Württemberg und Bayern gingen leer aus, weil sie aufgrund der Topographie stärker investieren müssen, günstige Anbieter im Norden erhielten fast alle Zuschläge. Ist das noch im Sinne des Erfinders?

Nein. Der Regelungsmechanismus funktioniert nicht. Dass die Anlagen im Süden schlechtere Rahmenbedingungen haben, führt zu dem Kuriosum, dass im Norden noch mehr Anlagen gebaut werden, die dann bei Überproduktion abgeschaltet werden müssen, obwohl man im Süden den Strom bräuchte.  Eine klarere Segmentierung, die auch schon mal angedacht war, könnte helfen. Damit würde anerkannt, dass die Stromerzeugung im Süden teurer ist als im Norden. Wir reden nicht von Unsummen, sondern geringen Beträgen pro Kilowattstunde. Die Idee wurde allerdings verworfen.

Wenn die Ausschreibungen so erfolgreich laufen, wie erklärt sich dann das Rumoren in der Branche? Es kommt zu Auftragseinbrüchen und Entlassungen. Eine Boombranche sieht anders aus.

Da hat sich ein Missstand entwickelt, der sich aber in den nächsten zwei Ausschreibungsrunden wieder ändern wird. Weil die Bürgerwindgesellschaften privilegiert anbieten können, keine Genehmigung vorweisen müssen und noch dazu für die Realisierung einer Anlage wesentlich mehr Zeit eingeräumt bekommen, ist das Ausschreibungsvolumen richtiggehend verpufft. Die Bürgerwindgesellschaften und auch einige Unternehmen, die eigens solche Gesellschaften gegründet hatten, haben diese Privilegien genutzt und mit der technologischen Entwicklung kalkuliert, also mit fiktiven Anlagen, die im Vergleich zu den heutigen Anlagen noch effizienter und kostengünstiger produzieren können. Wer mit aktuellen Technologie in das Anbieterverfahren ging, konnte nicht mehr mithalten. Die Genehmigungsfreiheit wurde für die kommenden zwei Ausschreibungsrunden zurückgenommen, und das sollte auch dauerhaft so bleiben.

Baden-Württemberg startet Bundesratsinitiative

Initiative Das Land Baden-Württemberg hat eine Bundesratsinitiative gestartet, um die Ausschreibungsbedingungen im Erneuerbare-Energien-Gesetz zu ändern. Der Ministerrat hat am vergangenen Dienstag einen entsprechenden Beschluss gefasst. Ziel ist es, die für das erste Halbjahr 2018 bereits ausgesetzten Privilegien für Bürgerenergiegenossenschaften bis Ende 2019 zu streichen.Der Ausbau der Windkraft drohe ansonsten einzubrechen, heißt es in einer Pressemitteilung, und davon seien nicht nur die Projektierer, sondern auch andere beteiligte Firmen und Zulieferer betroffen. Bisher konnten sich Bürgerenergiegesellschaften an den Ausschreibungen beteiligen, ohne eine Genehmigung vorlegen zu müssen.Sie erhielten für die Realisierung ihrer Projekte zudem einen zeitlichen Zuschlag von 24 Monaten. In der dritten Ausschreibung des Jahres 2017 gingen 98 Prozent der Zuschläge an solche Bürgerenergiegenossenschaften. Durch die Privilegierung war eine zehnprozentige Beteiligung von Bürgerenergiegesellschaften angestrebt worden. Es bestehe ein erhebliches Risiko, so der baden-württembergische Umwelt- und Energieminister Franz Untersteller, dass diese Projekte letztlich gar keine Genehmigung erhielten. Und für die restlichen Projekte entstünde eine Zubaulücke mit unerwünschten industriepolitschen Auswirkungen.

Wasserbatterie Die Gaildorfer Wasserbatterie besteht aus vier Windenergieanlagen mit einer Leistung von je 3,4 Megawatt. Die Windräder stehen auf großen Wasserbecken, die mit einem 16-Megawatt-Pumpspeicherkraftwerk im Tal verbunden sind. Stromüberschüsse werden verwendet, um sie zu füllen. Herrscht Bedarf, werden sie abgelassen und treiben das Pumpspeicherkraftwerk an. Die Anlage kann binnen 30 Sekunden umschalten. rif

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel