Musikwinter Vorschläge aus dem Helikopter

Psychoanalytiker und Buchautor: Prof. Dr. Wolfgang Schmidbauer spricht im Bilderhaus über den Umgang mit Empörung und Wut im menschlichen Zusammenleben.
Psychoanalytiker und Buchautor: Prof. Dr. Wolfgang Schmidbauer spricht im Bilderhaus über den Umgang mit Empörung und Wut im menschlichen Zusammenleben. © Foto: Rainer Kollmer
Gschwend / Von Rainer Kollmer 23.02.2018

Vor dem Hintergrund des Attentats vom 11. September 2001 bringt der Psychoanalytiker Prof. Dr. Wolfgang Schmidbauer im Jahr 2003 ein Buch mit dem Titel „Der Mensch als Bombe“ heraus. Seine allgemeinen Schlussfolgerungen schöpft er aus dem anonymen Fundus von Einzelfällen seiner psychoanalytischen Arbeit. Denn das Selbstgefühl des Einzelnen lässt sich auf die Qualitätsbeschreibung des sozialen, zwischenmenschlichen Umgangs übertragen.

Und es steht nicht zum Besten. Der Narzissmus, die Eigenliebe, hat Konjunktur. Die Ängste des Einzelnen wachsen. Depressionen nehmen zu. Die Menschen können mit ihren Mitmenschen oft nur noch mit maßloser Brutalität umgehen.

Verhängnisvolle Hektik

Schmidbauer nennt im Verlauf seines einstündigen, frei gehaltenen Referats im voll besetzten Bilderhaus einige Ursachen. So müsse heute die Langsamkeit, die für kreative Prozesse notwendig ist, mit rasend schneller Technik konkurrieren. Die Atemlosigkeit der Geräte und Medien zwinge den Menschen in verhängnisvolle Hektik. Die Folgen seien schnelle Urteile und eskalierende Entscheidungen, wie Schmidbauer mit Blick auf das Twin-Tower-Attentat von 2001 belegt.

Dazu gehört einerseits die tragische Terroraktion selbst. Andererseits trägt aber auch die staatliche Kurzschlussreaktion terroristische Züge. Die Sehnsucht nach schnellen Lösungen kann aus der Sicht des Referenten fatal sein. Eine zur Sicherheit abgesperrte Pilotenkanzel sorgte später dafür, dass ein Selbstmordflug mit vielen Passagieren an Bord nicht verhindert werden konnte.

Auch bei problematischen Paarbindungen ist der Psychoanalytiker nicht um sarkastische Ratschläge verlegen, wenn es um das Tempo geht: „Wenn Sie eine schnelle Lösung suchen, dann kaufen Sie eine Keule und erschlagen Ihren Partner.“ Unsere Gesellschaft wähle deshalb auch zunehmend Politiker, die schnellen Schutz vor Bedrohung versprechen. Mäßigung – auch beim Entscheidungstempo – sei nicht mehr gefragt.

„Helikoptermoral“ nennt Schmidbauer diese Entwicklung in Anlehnung an die bekannten „Helikoptereltern“, die bei Problemen mit den Kindern mit Lärm und viel Getöse rasch einfliegen, um möglichst schnell wieder das Weite zu suchen.

Wildwuchs und Kurzschluss

Zu den lautstarken Moral-Helikoptern zählt Schmidbauer auch die Medien. Die punktuelle Fokussierung auf raschen Informationsfluss und die Forderung nach Lösungen führt für ihn inzwischen zur Kurzschlüssigkeit bei Werturteilen. In der „Me-Too-Debatte“ sieht er bereits den Wildwuchs überzogener Verurteilungen. „Wir brauchen einen reiferen Umgang mit der Wut“, sagt er, auch mit Blick auf das jüngste Schulattentat in Florida. „Gebt den Leuten keine automatischen Waffen. Die Menschen sind nicht in der Lage, damit umzugehen.“

Es ist für Schmidbauer angesichts hastig erstellter Kurzschlussrezepte naheliegend, auch eine rasche Lösung des Helikopter-Problems zu verwerfen. Eile mit Weile will gelernt sein. Bewusstseinsbildung braucht Zeit. Schon die biblische Bergpredigt kennt gute Lösungswege für eine Konfliktlösung mit Augenmaß.

Kirchliche Bemühungen in dieser Richtung, vom Publikum ins Gespräch gebracht, nennt der Referent jedoch weniger vorbildlich. Die Entdeckung der Langsamkeit könnte mit einer Diät bei raschen Informationen beginnen. „Es wird ohnehin oft sehr viel Nichtssagendes aufgenommen“, tröstet er über die drohende Abstinenz hinweg.

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