Vordenker der Ökumene

HANS KÖNIG 29.08.2013

Im Limpurger Land ist der Familienname Tafel kaum noch jemand geläufig. Heute, am 29. August 2013, dem 150. Todestag Johann Friedrich Immanuel Tafels, soll an den in Sulzbach geborenen und später bekannten Professor und Theologen erinnert werden.

Elf Jahre lang, von 1792 bis 1803, wirkte der Pfarrer Johann Friedrich Tafel in Sulzbach am Kocher und danach in Flacht bei Leonberg. In Sulzbach wurden ihm und seiner treuen Ehefrau Christina Beata, geborene Horn, vier Söhne geboren; zwei Mädchen sind bald nach der Geburt gestorben. Der älteste Sohn Johann Friedrich Immanuel wurde am 17. Februar 1796 geboren. Die Sulzbacher Pfarrerseheleute Tafel sind übrigens väterlicherseits die Ururgroßeltern des 1945 von den Nazis hingerichteten Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945).

Im Sulzbacher Pfarrhaus wurden die Kinder gottesfürchtig zur Frömmigkeit erzogen. Damit man ihnen eine gute Ausbildung zukommen lassen konnte, wurde hart gespart. "Für unsere Ausbildung taten unsere Eltern viel mehr, als bei ihren sehr beschränkten Mitteln von ihnen erwartet werden konnte, ja man kann sagen, sie opferten sich für uns auf, indem sie sich aufs Äußerste einschränkten und sich zu jeder Entbehrung bequemten, um uns alle in das Königliche Gymnasium zu Stuttgart zu schicken und den Grund zu unserer wissenschaftlichen Bildung legen zu können," berichtete später Immanuel Tafel.

Im Alter von acht Jahren kam Immanuel zu seinem Großonkel, dem berühmten Hof-Mechanikus Baumann, nach Stuttgart, damit er dort das Gymnasium besuchen konnte. Der Wunsch des Großonkels, er möge seinen Betrieb übernehmen, ging nicht in Erfüllung, Immanuel zog es mehr zu Büchern und einem Studium. Da er inzwischen für die Aufnahme in die theologischen Seminare zu alt war und die damalige kriegerische Zeit ein Studium erschwerten, begann er eine Lehre als Amtsschreiber in Merklingen. Während der Lehrzeit begann auch die entscheidende Wende in seinem Leben. Er las sehr viel. Neben Jung-Stilling vor allem die Bücher Emanuel Swedenborgs (1688-1772), dessen "Die ganze Theologie der Neuen Kirche" nahm ihn gefangen.

Dem jungen Tafel wurde ein Jahr Lehrzeit geschenkt, und 1813 fand er mit bestem Lehrzeugnis eine Stelle bei der Amtspflege in Ludwigsburg. 1814 erhielt er eine Amtsverweserstelle und betreute von Flacht aus mehrere Gemeinden. Dazu war ein Regierungsexamen notwendig, das er mühelos bestand. Mit viel Lesen bereitete er sich auf ein Studium vor. 1817 zog er schließlich nach Tübingen und hörte zunächst nach sprachlichen Studien zwei Jahre lang Philologie und Philosophie, um dann im Herbst 1819 endlich mit dem Studium der Theologie zu beginnen.

Es waren äußerlich und innerlich nicht nur für Tafel bewegte Zeiten. Heiße politische Diskussionen um die Einheit Deutschlands schlugen hoch. Immanuels jüngere Brüder Leonhard und Gottlob wurden gar zu Festungshaft auf dem Hohenasperg verurteilt.

Seine Überzeugung von der "Wahrhaftigkeit der Swedenborgischen Lehre" wuchs im Zusammenhang mit seinen theologischen Pflichtlektüren. Immer mehr trat Tafel mit seiner Überzeugung öffentlich für Swedenborg ein. Dies blieb nicht ohne Folgen: Tafel kam nicht in den württembergischen Pfarrdienst und musste sich nach einem anderen Broterwerb umsehen. 1821 begann er mit der Übersetzung und Herausgabe der theologischen Werke Swedenborgs. 1823 und 1824 erschienen die ersten Bände.

In dieser Zeit fanden sich im Hause der Familie des Justizprokurators Ludwig Wilhelm Hofaker (1780-1846) in Tübingen, wo Tafel wohnte, einige Swedenborgianer zusammen, zu denen auch der christliche "Sozialist" Gustav Werner gehörte, der später einige Zeit die Chemische Fabrik in Ottendorf betrieb.

1824 erhielt Immanuel Tafel unter neun Bewerbern die Stelle eines provisorischen Unterbibliothekars an der Universitätsbibliothek Tübingen. "Von Jugend auf liebte ich Bücher und hielt mich gerne in Bibliotheken auf", schrieb er in seiner Bewerbung. Zunächst erhielt er 580 Gulden Jahresgehalt. Als er nach einjähriger Probezeit um endgültige Anstellung bat, wollte ihn der König aus der Universitätsbibliothek entfernen, weil er Anhänger der "Irrlehre" Swedenborgs war. Erst nach einer inständigen Bittschrift gestattete ihm der König eine weitere provisorische Anstellung unter der Bedingung, dass er schriftlich bestätigte, keine weiteren Schriften Swedenborgs zu verbreiten.

Um seine loyale Gesinnung und Untertanentreue zu unterstreichen, schrieb er im Jahr 1825 an den König: ". . . ich habe mich daher auch allen revolutionären Grundsätzen durch vernunftrechtliche und religiöse Gründe stets eifrigst widersetzt und fast jede Gelegenheit ergriffen, andere zu pünktlichem Gehorsam gegen göttliche und bürgerliche Gesetze, namentlich auch zur Gewissenhaftigkeit in Entrichtung der Steuern und Abgaben und dergl. zu ermahnen, und ihnen zu zeigen, daß eine Übertretung dieser Gesetze ebenso sündhaft und der Seligkeit nachteilig ist, als Mord, Diebstahl, Lüge und dergl. . . ."

Obwohl ihm Bibliothekskommission wie Senat und mehrere Professoren größtes Lob zollten und seine Anträge unterstützten, wurde er erst 1825 fest angestellt und gleichzeitig auch die Auflage, keine Swedenborgschriften zu verbreiten, aufgehoben. Eine "wahrhaft Königliche Entschließung" begriff Tafel als "ein merkwürdiges Zeichen für die Wahrheit und den göttlichen Ursprung jener Offenbarungen."

Tafel wurde zur treibenden Kraft in der Bibliothek. Seiner Tüchtigkeit war es vor allem zu verdanken, dass die Bibliothek trotz prekärer Finanzlage noch verschiedene Büchersammlungen erwerben und ihre Räumlichkeiten vergrößern konnte. 1828 kam es schließlich zu dem grotesken Zustand, dass der Betrieb der Bibliothek mit 130 000 Bänden beinahe völlig in seinen Händen und denen eines Bibliotheksdieners lag. Er war der eigentliche Motor der Bibliothek, der eine wahre Sisyphusarbeit leistete.

Die Jahre 1836 bis 1844, in denen der Staatswissenschaftler Professor Robert von Mohl der Bibliothek als Oberbibliothekar vorstand, wurden für Tafel zur Hölle, heute würde man wohl von Mobbing sprechen Die Leitung der Bibliothek erfolgte damals noch im Nebenamt. Von Mohl, der Patriziersohn, missachtete den einer armen schwäbischen Landpfarrersfamilie entstammenden Tafel, was wohl an seiner Abneigung an dessen Swedenborgianertum lag. Mohl war auch wesentlich daran beteiligt, dass der Wunsch Tafels, Vorlesungen über sein Spezialfach zu halten, abgewiesen wurde. Erst als Immanuel Tafel 1848 zum Professor der Philosophie ernannt wurde, konnte er auch als Dozent wirken.

Die Tafel-Brüder standen auch mit Justinus Kerner im Briefwechsel und besuchten ihn in Weinsberg. Über Kerner kam Tafel auch öfters zur berühmten "Seherin von Prevorst", Friederike Hauffe. "Ich fand bald, daß sie jedenfalls eine wirklich redliche und fromme Person war, und sprach daher offen über mancherlei Dinge mit ihr, und so auch über meinen Kummer". Doch ihr Angebot, ihm zu helfen, wenn er länger bliebe, nahm er nicht an.

Im Zeichen der neuen Religionsfreiheit lud Tafel 1848 zu einer "Generalversammlung der Neuen Christlichen Kirche" nach Cannstatt ein, zu der etwa 100 Männer aus Württemberg und Bayern kamen. Sie wählten Tafel zum Vorstand und verabschiedeten in vier Punkten auch eine Art Glaubensbekenntnis. Es folgten noch bis 1851 drei weitere Versammlungen, aber zur Bildung nennenswerter Gemeinden der "Neuen Kirche" kam es in Deutschland nicht. Das 100-jährige Jubiläum der Neuen Kirche im Jahr 1857 in Manchester (Swedenborg hatte 1757 die Vision vom Neuen Jerusalem und dem Jüngsten Gericht in der geistigen Welt gehabt), brachten Tafel Jubel und Anerkennung für seine unermüdliche Arbeit.

Tafel gab 21 lateinische Originalien Swedenborgs heraus und übersetzte 15 seiner Werke. Außerdem veröffentlichte er acht eigene Schriften. In seinem Werk "Geschichte und Kritik des Skepticismus und Irrationalismus in ihrer Beziehung zur neueren Philosophie mit besonderer Berücksichtigung Hegels" setzte er sich mit den Skeptikern unter den Christen des 18. Jahrhunderts auseinander. Mit seinem Werk "Friedenstheologie" sehen manche in Immanuel Tafel einen Vorläufer der ökumenischen Bewegung.

Immanuel Tafel war kein Kirchengründer, kein Mann, der Gemeinschaften um sich geschart und an sich gebunden hätte. Er war ein stiller, seiner Arbeit hingegebener Gelehrter von verzehrendem Fleiß. Seine Frau und seine acht Kinder wurden übrigens nicht Glieder der Neuen Kirche, also keine Swedenborgianer, sie blieben evangelisch-lutherisch. Am 29. August 1863 ist Tafel während eines Kuraufenthaltes in Bad Ragaz überraschend gestorben.

Sein Werk "Fundamentalphilosophie in genetischer Entwicklung" schließt mit den Worten Tafelscher Lebensüberzeugung: "Es ist nun klar, dass unser Denken und Erkennen keineswegs bloß durch die materiellen Organe, sondern auch hauptsächlich durch ein von ihnen unabhängiges geistiges Auge und ein auf dasselbe einwirkendes göttliches Licht und Leben bedingt ist."

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