Mit 70 Jahren darf man’s ein wenig ruhiger angehen“, sagt Rolf Heusch. Der Sternwirt aus Mittelbronn räumt gerade die „Wirtschaft“ genannte Gaststube, die Sternstube und das Nebenzimmer aus, auf dem Stammtisch stehen Kisten mit Bildern, auf anderen Tischen sind Kerzenhalter aufgereiht, Kannen, Stofftiere, Bücher und Kruscht, am Kleiderständer hängt eine Marionette, darunter stehen alte Wanderstiefel.

Jetzt soll gestrichen werden und bis zum 1. Februar werden die Räume wieder eingerichtet. Ganz so wie früher werden sie nicht mehr aussehen: Heusch, Sternwirt seit 1998, gibt das Zepter ab an Sabine Kramer, die früher schon mal ein paar Jahre lang bei ihm gekocht hat und nun als neue Sternwirtin mit ihrer Familie nach Mittelbronn kommt.

Als Skilehrer in den Anden

Heusch bleibt. Die Fremdenzimmer wird der rauschebärtige Charakterkopf behalten und weiter vermieten. Außerdem werde er als 450-Euro-Jobber helfen und zupacken, wo’s nötig ist, sagt er, schließlich kennt er den Stern bis in den letzten Winkel wie seine Westentasche. Der Stern ist Heimat für ihn: Als Betreiber des Landgasthofes kehrte er nach langen Reise- und Wanderjahren heim in das Dorf seiner Kindheit.

Bei Höfliger und Karg in Gaildorf, heute Bott, hat der 1949 geborene Heusch einst Maschinenschlosser gelernt. Er sattelte ein Studium der Betriebswirtschaft in Heidelberg drauf und arbeitete dann für das Europäische Jugendwerk, wurde Begegnungsleiter, arbeitete als Bergführer, ließ sich zum Skilehrer ausbilden. Dann nahm er eine Auszeit, bereiste ein Jahr lang Südamerika und verdingte sich schließlich, als das Geld ausging, als Skilehrer in Bareloche in Argentinien.

Danach arbeitete er als Reiseleiter in der Karibik, ging dann nach Alaska und Kanada und landete bei Studiosus. Zweimal befuhr er auf einem Eisbrecher die sagenumwobene Nordwestpassage, auch den – eisfreien – Nordpol habe er gesehen, berichtet Heusch. Zehn Jahre dauerte diese Reiseleiterzeit, dann heuerte er bei einigen Schweizer Freunden an, die er in Argentinien kennengelernt hatte, kehrte zurück nach Europa und landete beim Skiclub Alpina in St. Moritz.

Seine Schneebar auf der Corviglia-­Hütte zog „tout le monde“ an, wie man so schön sagt: Pommery stellte dort neue Produkte vor, der englische Karikaturist Loon zeichnete „Rolf on the Rocks“ mit kanadischer Wolfsfellmütze und auf einer blauen Champagnerflasche reitend. Auch der Starkoch Paul Bocuse schaute vorbei und schrieb Heusch das beste aller Zeugnisse ins Gästebuch: „Vous avez tout compris“ – Sie haben alles verstanden.

Der Stern geht wieder auf

Nach der Ski-Weltmeisterschaft 2003 kehrte Heusch St. Moritz endgültig den Rücken. Es sei nur noch um den Kommerz gegangen, sagt er, der Ort habe „sein Herz verloren“. Sein Stern in Mittelbronn war da bereits aufgegangen. Der Gasthof hatte einst der Familie eines Schulfreundes gehört, war dann aber aus Gründen, die Heusch nie herausgefunden hat, verkauft worden. Nach etlichen Pächterwechseln war der Stern am Ende. Bei der Zwangsversteigerung bot Heusch gegen die Bank und erhielt den Zuschlag: „Ein Gasthof mit Biergarten war immer mein Traum!“

Heuschs gastronomisches Konzept ist dörflich im besten Sinn. Die Einheimischen zurück an den Stammtisch zu bringen, das sei sein erstes Ziel gewesen, sagt er. Dazu ein lokales bis gehobenes Küchenangebot, Thementage, engagierte Mitarbeiterinnen aus dem Dorf.

Aus St. Moritz brachte er einen „Smoker“ mit, den ihm der Europameister im Grillen vermittelt hatte. Im alten Gewölbekeller bot er „Gespenstermenüs“ an und im Garten entstand ein Backhaus, das Else Blümle aus Birkenlohe einmal im Monat samstags anheizt. Wenn’s an diesen Samstagen auf der Frickenhofer Höhe nach Salzkuchen duftet, bleibt in vielen Haushalten die Küche kalt.

Für ihn als Einzelkämpfer sei es schwieriger geworden, sagt der alleinstehende Heusch, zu dessen Stammgästen auch eine Hubschrauberbesatzung zählt, die hin und wieder hinterm Haus „parkt“. Die Belastungen steigen und Mittelbronn liegt nun einmal etwas abseits der Hauptverkehrsströme in der Region – nicht nur die Fahrradtouristen ziehen unten im Tal vorbei. Eine Familie aber, da ist er sich sicher, hat eine Zukunft im Landgasthof auf dem Dorf.

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