Geschichte Vom Rosengarten in die Hölle

Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 20.07.2018
RUNDSCHAU-Serie (1): Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Das Limpurger Land blieb zunächst weitgehend verschont. Doch später brachten Söldnerheere und die Pest Tod und Verderben.

Superintendent Georg Albrecht (1601-1647), Oberhaupt der protestantischen Christen in und um Gaildorf, riss der Geduldsfaden: Er ging an einem Sonntag des Jahres 1633 in seiner Predigt in der Stadtkirche mit all jenen hart ins Gericht, die sich ständig über die politischen Verhältnisse im Limpurger Ländle beklagten. Über zu hohe Abgaben und überhaupt über so manches, was aus ihrer Sicht nicht in Ordnung war.

Weshalb ihn die Bruddler damals so sehr aufregten: Während hier im Kochertal auf vergleichsweise hohem Niveau gepoltert wurde, mussten in vielen anderen Gegenden Menschen um Leib und Leben bangen: Seit langer Zeit tobte bereits der Krieg, der vor nunmehr 400 Jahren begonnen hatte und später als der Dreißigjährige in die Geschichte eingehen sollte. Ein furchtbares Gemetzel, das sich vom Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten bald zum kaum mehr kontrollierbaren blutigen Zank um die Vorherrschaft in Europa entwickelte.

Millionen von Toten

Ob von dem spektakulären Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618, der als Beginn des drei Jahrzehnte andauernden Schlachtens gilt, überhaupt eine Kunde bis in die schwäbisch-fränkischen Gebiete durchgedrungen ist, gilt als unsicher. Vertreter der protestantischen Stände hatten in Prag die katholisch gesinnten königlichen Statthalter Jaroslaw Borsita Graf von Martinitz und Wilhelm Slawata von Chlum und Koschumberg samt Kanzleisekretär Philipp Fabricius kurzerhand aus dem Fenster geworfen. Alle drei überlebten mit leichteren Blessuren. Sie landeten, wie es eine der vielen Überlieferungen besagt, auf einem Misthaufen im Graben der Prager Burg.

Ungezählten anderen Menschen brachte dieser europäische Krieg den Tod. Genaue Zahlen gibt es nicht. Vage Schätzungen gehen von mehr als 6 Millionen Opfern aus – was einem Drittel der damaligen Bevölkerung entspricht.

Aus Augsburg verjagt

Vor diesem Hintergrund erscheint die Wut des Kirchenmannes Albrecht begründet: Woanders sterben Menschen wie die Fliegen, in Gaildorf und den umliegenden Dörfern war davon – noch! – nichts zu spüren. Weshalb Albrecht wetterte: „Wir seyn bishero noch im Rosengarten gesessen und haben nichts gelitten. Gott hat uns wunderbarlich behütet!“ So zitiert der spätere Gschwender Pfarrer und Historiker Heinrich Prescher den Geistlichen in seiner Beschreibung der Reichsgrafschaft Limpurg (Band 1, im Jahr 1789 veröffentlicht).

Albrecht ahnte wohl, dass sich das Gemetzel zwischen Protestanten und Katholiken weiter ausdehnen würde. Er hatte nach wie vor Beziehungen nach Augsburg, wo er, als Diakon tätig, während der Gegenreformation im Jahr 1629 vertrieben worden war. Von dort erhielt er immer wieder Nachricht über den Verlauf des Krieges. Deshalb war seine unter größter Sorge formulierte Einschätzung auch zutreffend: Gaildorf ging es tatsächlich noch vergleichsweise gut.

Ein schwarzer Tag

Das sollte sich schlagartig ändern – am 9. August des Jahres 1634. Dieser Tag leitete mit dem Einfall einer kaiserlichen Streifrotte eine unvorstellbare Veränderung ein. Viele Menschen fanden den Tod, später wütete die Pest, ganze Dörfer wurden entvölkert und verschwanden von der Landkarte …

Info Im zweiten Teil unserer Serie berichten wir, wie Gaildorf zur Geisterstadt wurde.

Gaildorf und die umliegenden Dörfer zwischen 1618 und 1648

Eine Serie widmet die RUNDSCHAU den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf das Limpurger Land. Es ist der Versuch einer ersten Gesamtdarstellung, die allerdings nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Eine regionale Kriegs-Chronik existiert nicht. Durch Plünderungen, vor allem ab dem Jahr 1634, wurden die wenigen existierenden Archive im hiesigen Raum weitgehend vernichtet. Erst später begannen Heimatforscher – wie der Gschwender Pfarrer Heinrich Prescher Ende des 18. Jahrhunderts –, die wenigen überwiegend mündlichen Überlieferungen in den historischen Kontext einzuordnen. Eine weitere Quelle der Forschung sind alte Kirchenbücher, aus denen sich die Ereignisse der damaligen Zeit einigermaßen rekonstruieren lassen. Auf diese Weise entsteht ein Bild des Grauens: In keinem anderen Krieg mussten so viele Menschen ihr Leben lassen wie in der Zeit zwischen 1618 und 1648. Söldnerheere wüteten in den Dörfern und metzelten deren Bewohner nieder. Hinzu kam die Pest, der viele Menschen zum Opfer fielen. Groben Schätzungen zufolge verloren Gaildorf und die umliegenden Ortschaften etwa die Hälfte ihrer Bevölkerung. Damit traf es das Limpurger Land weitaus schlimmer als das übrige Deutschland.  Darum geht es in unserer Serie, die wir in den kommenden Wochen in loser Folge veröffentlichen werden. kmo

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