In Gaildorf herrscht an diesem 19. Januar des Jahres 1819 gedrückte Stimmung. Vor dem Haus von Tuchmacher Christoph Jacob Andreas Seilacher am Ende der Mittel-Gasse (heute Ecke Bahnhof-/Graf-Pückler-­Straße) versammeln sich Bürger, um Abschied zu nehmen von den Kerners. Familienoberhaupt Justinus Kerner (Bild), 32 Jahre alt und seit dem 23. Juni 1815 als Oberamtsarzt im Limpurger Land tätig, wird in Weinsberg einen neuen Wirkungskreis bekommen.

Die Berufung war auf Kerners Bewerbung hin erfolgt: Der Mediziner, der sich auch intensiv literarisch betätigt, hatte sich auf die durch den Tod des Weinsberger Oberamtsarztes Dr. Elias Niethammer am 6. November 1818 vakant gewordene Stelle beworben und wenig später – per Bekanntmachung im Regierungsblatt des Königreichs Württemberg – den Zuschlag bekommen.

Der Vater kommt später nach

Nun ist, nach aufregenden Tagen des Packens, der Tag des Abschieds gekommen.  Die Stadt verliert ihren geschätzten Doktor – der sich jedoch nie richtig heimisch gefühlt hatte im Kochertal. Seinem damals fünfjährigen Töchterchen Marie ist eine kurze Beschreibung des Umzugs nach Weinsberg zu verdanken, veröffentlicht in ihrem 1877 veröffentlichten Buch „Justinus Kerners Jugendliebe und mein Vaterhaus, nach Briefen und eigenen Erinnerungen“.

Ihr sei, schreibt Marie, „alles, was der Umzug nach Weinsberg mit sich brachte, sehr merkwürdig und machte mir Freude“. Nur ein Schmerz habe sie damals bewegt: „dass in Weinsberg wohl kein so schönes Dach am Kirchturm sein werde wie in Gaildorf“. Dieses Turmdach sei „immer mein Stolz gewesen, es war mit Zink gedeckt und glänzte in der Sonne wie eitel Silber“.

Die Wagen mit dem Hausrat der vierköpfigen Familie sind bereits losgefahren. Gleich wird die Kutsche folgen. Ohne den Doktor: Eine mit den Eltern befreundete Frau ist schwer krank, „sodass der Vater sie nicht verlassen konnte“, erklärt Marie. Also bleibt Friederike Kerner nichts anderes übrig, als mit Marie und dem eineinhalb Jahre alten Söhnchen Theobald allein die Reise anzutreten.

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Zum Vorteil einer älteren Dame, Kätherle genannt. Die hätte eigentlich draußen neben dem Kutscher auf dem Bock sitzen sollen, nun kann sie im Inneren Platz nehmen. Was zum schwierigen Unterfangen wird: Kätherle hatte, laut Marie um das Packen abzukürzen, „alle ihre faltenreichen wollenen Röcke angezogen und sich dadurch einen maßlosen Umfang geschaffen“. Erst als sie sich eines Teils der Röcke entledigt hatte, „konnte das Einsteigen bewerkstelligt werden“.

Honoriges Empfangskomitee

Es ist Maries Notizen zufolge sehr kalt an diesem Dienstag, dem Tag der Abreise. „Wir fuhren über Murrhardt und Löwenstein nach Weinsberg“, beschreibt sie die grobe Route. Kurz vor Willsbach kommen dem kleinen Gespann „mehrere Wagen mit Herrn besetzt entgegen, die den Vater feierlich empfangen wollten“. Doch das honorige Empfangskomitee beachtet den Wagen, in dem nur die beiden Frauen und die beiden Kinder sitzen, nicht.

Friederike Kerner weiß offenbar, dass die kleine Delegation der Familie wegen gekommen war, traut sich aber nicht, „die Herrn anzurufen“. Unverrichteter Dinge kehren die Honoratioren zurück nach Weinsberg.

Langsam nähert sich die Kutsche ihrem Ziel. Nach Ellhofen sehen die Reisenden Weinsberg mit der Weibertreu vor sich liegen: „Da ging mir zum ersten Mal das Verständnis einer schönen Gegend auf“, schwärmt Marie. Und obwohl sich die Landschaft im Winterkleid präsentiert, macht sie auf das kleine Mädchen „den lieblichsten Eindruck“.

Die „Stadt der treuen Weiber“ ist erreicht. Die Kutsche hält vor der Oberamtei, „wohin wir auf das Freundlichste eingeladen waren, bis der Vater ankam und wir unsre eigene Wohnung beziehen konnten“. Die befindet sich in einem „schön gelegenen Haus“, und die vierköpfige Familie Kerner muss sich mit dem Eigentümer und dessen sieben Kindern ein Stockwerk teilen.

So sehr sich Justinus Kerner, immer wieder von Schwermut überkommen, von Gaildorf weggesehnt hatte, so schwer tut er sich nun, sich in Weinsberg einzugewöhnen. Auch Marie fühlt sich zunächst nicht wohl. Denn „außer der schönen Lage des Städtchens bot es nichts weiter als jedes Weingärtnerdorf“.

Erinnerungen an Gaildorf

Das soll sich bald ändern. Oberamtsarzt Justinus Kerner kümmert sich nicht nur um Kranke und Notleidende, er engagiert sich für den Erhalt der Burgruine Weibertreu, setzt Akzente im öffentlichen Leben der Stadt. 1822 baut die Familie ihr eigenes Haus, das bald zum Mittelpunkt  des „Schwäbischen Dichterkreises“ wird – und Weinsberg zum kleinen Nabel der Welt.

Gaildorf indes wird Justinus Kerner nie ganz vergessen. Das wird deutlich in seinem später veröffentlichten Gedicht „Sehnsucht nach der Waldgegend“ mit dem langen Stoßseufzer: „Wär’ ich nie aus euch gegangen, Wälder, hehr und wunderbar!“

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