Stadtgeschichte Vieles ist schlicht und einfach falsch

Stadtarchivarin Dr. Heike Krause hat einige Ungereimtheiten in der Geschichtsschreibung entdeckt.
Stadtarchivarin Dr. Heike Krause hat einige Ungereimtheiten in der Geschichtsschreibung entdeckt. © Foto: Klaus Michael Oßwald
Gaildorf / Von Klaus Michael Oßwald 07.10.2017
Stadtarchivarin Dr. Heike Krause erläutert Gaildorfer Stadtführern, warum historische Überlieferungen mit Vorsicht zu genießen sind. Muss die Chronik umgeschrieben werden?

Wer sich in die Tiefen der Geschichte Gaildorfs wagt, dabei mit wissenschaftlichem Sachverstand ans Werk geht, bekommt Gänsehaut! Vieles, was in alten Chroniken vermerkt ist, stimmt in der dargestellten Weise schlicht und einfach nicht. Stadtarchivarin Dr. Heike Krause kann ein Lied davon singen. Und sie erkennt, dass ihr die Arbeit in den kommenden Jahren nicht ausgeht. Denn einige der wichtigsten Kapitel der Stadtgeschichte müssten um- oder neugeschrieben werden.

Kostproben ihrer Recherchen dazu trägt sie einem interessierten Zuhörerkreis vor. Etwa 20 Frauen und Männer sind an diesem Donnerstagabend im Wurmbrandsaal des Alten Schlosses versammelt, um der Archivarin zu lauschen. Deren Ausführungen – Auftakt einer zweiteiligen Vortragsreihe zur Geschichte Gaildorfs – sind jedoch nicht dazu angelegt, um ein dankbares Publikum zu unterhalten. Der Abend ist Bestandteil einer von Petra Natzkowski für die Stadtverwaltung konzipierten und gemeinsam mit Angelika Meixner, Leiterin der Volkshochschul-Außenstelle, angebotenen Aus- und Weiterbildung. Angesprochen werden damit Gäste- und Stadtführer – bereits aktive und solche, die es vielleicht noch werden möchten.

Keine schriftlichen Belege

Und die erfahren nun, dass eben nicht alles aus dem reichhaltigen historischen Fundus Gaildorfs Gold ist, was glänzt. Heike Krause beginnt mit der ersten urkundlichen Erwähnung der erheblich älteren Stadt anno 1260. Schon dieser Hinweis in der Chronik ist nicht korrekt: In der Urkunde – die noch im Mittelalter von Nonnen gefälscht und auf das Jahr 1255 vordatiert worden war – ist mit keinem Wort von einer Siedlung Gaildorf die Rede. Es findet sich lediglich die Unterschrift eines Rabenoldus de Geilendorf, offenbar Spross einer ortsadeligen Familie, der mit anderen Personen eine Schenkung beurkundet haben soll. Papierne Zeugen gibt es nicht, aber bauliche Spuren im und am Alten Schloss.

Archivarin Krause nimmt sich nun die Geschichte der Schenken von Limpurg vor. Diese im frühen 18. Jahrhundert im so genannten Mannesstamm ausgestorbene Adelsfamilie soll auch und gerade im Zusammenhang mit Kaiser- und Königskrönungen eine besonders wichtige Rolle gespielt haben: Sie reichten dem Gekrönten einen mit Wein und Wasser gefüllten Pokal, durften den kostbaren Humpen am Ende behalten, ebenso das Pferd des Gekrönten.

So wird es seit Jahrhunderten erzählt und geschrieben – und verklärt dargestellt. Denn das Thema ist ungemein komplex, wie Heike Krause beim Studium von Stapeln uralter Dokumente aus den einschlägigen Archiven des Landes erkennen musste. Deutlich wird vor allem, dass die Rolle der Limpurger „Erbschenken“ von Krönung zu Krönung eine andere war, bis in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts der „absolute gesellschaftliche Tiefpunkt“ erreicht war.

Verletzte Eitelkeiten

Vollrath von Limpurg etwa sei in der Krönungsprozession nur noch „einer unter vielen“ gewesen. Er durfte dem König weder die Krone reichen, noch den Mantel hinterhertragen oder den Stuhl zurechtrücken. Er habe, so Heike Krause, am Ende das in Aussicht gestellte Pferd auch nicht bekommen, weil der Kaiser nicht, wie vorgeschrieben, darauf geritten sei – „dumm gelaufen!“ Der gekränkte Schenk war außer sich, bemühte Anwälte . . . Berichte und Briefwechsel über diese und frühere Krönungen zeugen von verletzten Eitelkeiten und abstrusen Geplänkeln um protokollarischen Firlefanz. Ein Thema, das selbst der legendäre Gschwender Pfarrer und Historiker Heinrich Prescher (1749-1827) nicht in der gebotenen Tiefe behandeln konnte (oder wollte).

Im Saal ist es mucksmäuschenstill. Auch als Heike Krause anhand weiterer Beispiele berichtet, dass sie beim Vergleich alter Überlieferungen mit den Originalquellen oft „Merkwürdiges“ entdeckt habe. Ihr eindringlicher Appell an das Forum: „Gehen Sie kritisch an die Geschichte heran!“ Mut macht sie allen mit dem Hinweis, dass ihre laufenden Limpurg-Forschungen in ein Buch münden werden, das voraussichtlich in zwei bis drei Jahren fertig sein wird.

Info In ihrem nächsten Vortrag am Donnerstag, 12. Oktober, um 19 Uhr im Wurmbrandsaal berichtet Heike Krause über die Stadt, ihre Strukturen und die Entwicklung nach 1806.