Fichtenberg Lesung: Versuch, Geschichte zu übersetzen

Die Gäste sitzen in der Museumsscheune der „Hirschgaß’ 5“. Kurt Oesterle liest dort aus seinem neuen Roman.
Die Gäste sitzen in der Museumsscheune der „Hirschgaß’ 5“. Kurt Oesterle liest dort aus seinem neuen Roman. © Foto: Karl-Heinz Rückert
Fichtenberg / Karl-Heinz Rückert 16.05.2018
Gustl Wörner, Betreiber seines privaten Kleinmuseums in der „Hirschgaß’ 5“ in Fichtenberg, konnte den Schriftsteller Kurt Oesterle zum achten Mal für eine Autorenlesung gewinnen.

Oesterle stellte in der Museumsscheuer sein neues Werk „Die Erbschaft der Gewalt“ vor. In dem Buch befasst sich der Schriftsteller in acht Aufsätzen mit den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, streift dabei Familiengeschichtliches über drei Generationen, macht sich Gedanken da­rüber, wie dieser Krieg „Gift ins Land“ gebracht hat, und betrachtet aus unterschiedlichen Perspektiven die Auswirkungen von 1918 bis heute.

Auch seelisch Versehrte

Mit wenig Reminiszenz an die Schlachten von Verdun und an der Somme bilden diese Felder lediglich die Kulisse für die erschütternden menschlichen Schicksale, die Oesterle bei persönlichen Begegnungen erfahren hat. Es sind keine heldenhaften Geschichten und schon gar keine heroische Kriegsverherrlichung – eher das Gegenteil und der Versuch, Geschichte zu übersetzen.Zu seinen Recherchen besuchte der Verfasser die Schlacht- und Gedenkfelder des Krieges, der vor über 100 Jahren millionenfaches Leid über Europa brachte, und stellt fest: „Kriege sind nicht vorbei, wenn sie vorbei sind!“

Die Heimkehrer sind körperlich und seelisch versehrt, leiden unter schweren Traumata, schweigen, ziehen sich in sich zurück oder versuchen, ihre Erlebnisse in bedrückenden Erzählungen oder spielerisch abzuarbeiten und weiterzugeben. Exemplarisch beschreibt Kurt Oesterle in zwei Porträts persönliche Belastungen, die durch Kriegsgewalt hervorgerufen wurden, und deren beinahe aussichtslose Bewältigung. Eines von ihnen befasst sich mit Gregor Dorfmeister, der unter dem Pseudonym Manfred Gregor das Buch „Die Brücke“ geschrieben hat. Es ist die Lebensgeschichte des Autors im Dritten Reich.

Die literarischen Hintergründe mit allgemeiner und lokaler Bedeutung werden als Wahrzeichen verführter Jugend gesehen, meint Oesterle. Bernhard Wicki hat das Werk in dramatischen Bildern im gleichnamigen Film umgesetzt. Eine weitere Beschreibung gilt dem Wehrmachtssoldaten Lothar Pfeiffer, der sich als Angehöriger eines Erschießungskommandos weigert, auf Frauen und Kinder zu schießen. Nach Inhaftierung wegen Kriegsdienstverweigerung retten ihn nur glück­liche Umstände und familiäre Beziehungen vor der Urteilsvollstreckung.

Hilfe zur Traumabewältigung

Seine persönlichen „Kriegserlebnisse“ erfuhr Autor Oesterle aus den Erzählungen seines Großvaters, selbst Teilnehmer des Ersten Weltkriegs. Zusammen mit ihm wurden Szenarien nachgespielt, in deren Verlauf allmählich nur Stichworte genügten, um den Enkel in Kriegsfantastereien zu versetzen.

Für beide waren es „Kriegsmärchen“, dem Großvater aber vielleicht eine Hilfe zur Traumabewältigung. In einem Essay des Buches versucht sich Kurt Oesterle kritisch mit dem „tiefenwirksamen Trauerlied“ vom „Guten Kameraden“ auseinander­zusetzen, das er als heimliche deutsche Hymne bezeichnet. Geschichtlich betrachtet passe das Lied in die Gedenktradition Deutschlands, obwohl es musikalisch heroisch zum Volkslied avancierte und auch international begeistert umgesetzt wurde, wie die alljährliche Intonation am französischen Nationalfeiertag am Grab des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe in Frankreich zeigt.

Info

Kurt Oesterle „Die Erbschaft der Gewalt“, Klöpfer und Meyer Verlag Tübingen, ISBN 978-3-86351-469-3