Es tue ihm „in der Seele weh“, berichtet der Wanderer, „mitansehen zu müssen, wie das Obst verdirbt“. Zentner-, ja tonnenweise Äpfel habe er auf seiner jüngsten Tour rund um Gaildorf verrotten sehen. Tatsächlich scheinen viele Eigentümer von Streuobstwiesen aus vielerlei Gründen nicht in der Lage zu sein, die Ernte – die für dieses Jahr gelaufen ist – einzubringen. Auf der anderen Seite wären etliche Menschen ohne Grundbesitz froh, sie hätten die Möglichkeit, Äpfel zu klauben und sich auf diese Weise mit frischem Obst zu versorgen.

„Viel Obst geht kaputt“

In einigen Städten und Gemeinden des Landes werden seit wenigen Jahren Maßnahmen getroffen, um Abhilfe zu schaffen: Im Landkreis Esslingen etwa sind vielerorts Obstbäume mit gelben Papierbändern markiert, die quasi zur Selbstbedienung einladen. Wer seine Obstbäume nicht abernten kann, gibt sie für die Allgemeinheit frei.

Solches sähe SPD-Stadtrat Martin Frey gerne auch in Gaildorf umgesetzt. In der jüngsten Sitzung des Gemeinderats regte er gegenüber der Stadtverwaltung an, Bäume, die der Stadt gehören, mit einer entsprechenden Markierung zu versehen, damit sich interessierte Bürger mit Äpfeln eindecken könnten. Er beobachte seit geraumer Zeit, dass viel Obst kaputt geht – was nicht sein müsse, sagte der Stadtrat.

Dass diese Idee in Ansätzen bereits praktiziert wird, erläuterte Rathaussprecher Dr. Daniel Kuhn unter Hinweis auf die Initiative „Natürlich Gaildorf“. Um dies aber im großen Stil zu bewerkstelligen, müsse zunächst genau ermittelt werden, auf welchen städtischen Flächen Obstbäume stehen. Derzeit könne das noch nicht „rechtssicher“ gesagt werden. Das heißt also, dass beispielsweise auch der exakte Verlauf von Grundstücksgrenzen ausgemacht werden muss, bevor es eine Freigabe geben kann. Nicht dass der eine oder andere Baum, der einem privaten Grundstücksbesitzer gehört und von diesem auch genutzt wird, von Passanten kurzerhand und unerlaubt seiner Früchte beraubt wird.

Martin Frey regte an, ab dem kommenden Obstjahr entsprechend zu verfahren. Vielleicht ließen sich dann ja auch private Grundstücksbesitzer, die keine Zeit haben, ihre eigenen Äpfel aufzulesen und zu schütteln oder einfach überfordert sind, den Erntesegen zu verarbeiten, in eine solche Aktion einbeziehen.

Dass Handlungsbedarf besteht, wird an vielen Stellen in den Randbereichen der Innenstadt, aber auch rund um die Teilorte augenfällig: Auf einem größeren, ans Wohngebiet Au-Bürkig grenzenden Grundstück etwa verfault in diesen Tagen der komplette Zwetschgen-Ertrag des Jahres. Auf einer weiteren Wiese finden sich zentnerweise Äpfel und Birnen, für die der Eigentümer offenbar keine Verwendung hat.

Lageplan und gelbe Bänder als Zeichen in Wernau

In Wernau zum Beispiel werden städtische Obstbäume für die Allgemeinheit freigegeben. Die betreffenden Bäume sind in einem Lageplan vermerkt, vor Ort sind sie an einem gelben Band zu erkennen, das um den Stamm gewickelt ist. „Jeder, der Lust auf frisches Obst hat, darf sich an den markierten Bäumen bedienen“, erklärte Bürgermeister Armin Elbl im Gespräch mit der „Esslinger Zeitung“.