Wolfenbrück / RICHARD FÄRBER Von den Schützengräben des Ersten Weltkrieges, von finstersten Zeiten, vom jungen Israel und der jungen Bundesrepublik erzählt Titus Simon in seinem Roman "Hundsgeschrei". An der Fortsetzung sitzt er bereits.

Vergebliche Liebesmüh: Seelbach auf der Karte finden zu wollen. Anders als Munzlingen und Niederngrün, fiktive Entsprechungen der realen Orte Murrhardt und Oberrot, ist das Städtchen nicht zu verorten. Zwölf Kilometer von Schwäbisch Hall entfernt im Hohenlohischen gelegen sei es, erfährt man in "Hundsgeschrei". Aber wenn die Protagonisten des Romanes sich bewegen, bewegt sich auch Seelbach, glitscht mal in Richtung Künzelsau und Öhringen, mal gen Ilshofen, mal gen Gaildorf, ist nicht zu greifen.

Zu begreifen ist es wohl. Der Sozialwissenschaftler Titus Simon, der sich derzeit den "alten Traum" des Freiberuflers und Autors erfüllt, hat Seelbach auf konkrete historische Koordinaten gesetzt. Und die Erfindung des Ortes erklärt sich nicht durch die Verschleierung tatsächlicher Vorgänge, sondern dadurch, dass Simon an den kulturhistorischen und soziologischen Stellschrauben gedreht hat: Was die Geschichte des Städtchens von der tatsächlichen Geschichte der Region im Wesentlichen unterscheidet, ist das entwickelte jüdische Bürgertum, insbesondere die Unternehmerfamilie Winter, deren Oberhaupt sich vom einfachen Hausierer zum wohlhabenden Fabrikanten hinaufgearbeitet hat. Und - dass es in dieser Familie einen Überlebenden gab.

Sein Name ist Jakob Winter; er ist der Enkel des Patriarchen. Nachdem er mit seiner Familie nach Riga deportiert wurde, gelingt ihm die Flucht aus dem Ghetto. Jakob Winter gerät unter Partisanen und schließlich über Schweden nach Gibraltar; als die Amerikaner nach Deutschland einrücken, ist er als Übersetzer dabei. Er erlebt die Gründung Israels, das Deutschland der Nachkriegszeit und dessen ignorante Justiz; er gründet Familien und verlässt sie. Die Fähigkeit, sich zu verwurzeln, ist ihm so verlorengegangen wie sein Glaube.

Parallel entfalten sich etliche weitere Erzählstränge, darunter die Geschichte des Bauernsohnes Franz Lang, der sich freiwillig zur SS meldet, um seinem unberechenbaren Vater zu entkommen. Der war traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen; dass er überhaupt überlebte, hatte er Jakob Winters Vater zu verdanken.

Diese Verknüpfungen und Verknotungen, in die immer weitere Personen verwickelt werden, führen auch aus der fiktiven Geschichte heraus, hinein in die Region und auch in die Familiengeschichte des Autors. Erkenntnis und Inspiration gewann Simon, den seine Recherchen bis nach Riga führten, beispielsweise im Kriegstagebuch seines Onkels. In Frankfurt fand er Hinweise auf zwei jüdische Sportvereine, die es einst in Heilbronn gab. Und aus der Geschichte des Flüchtlingslagers, das bei Backnang eingerichtet war, lupft er die Schwarzhändler Joschele Zylberman und Fischel Olmert in seinen Roman. Und, für einen kurzen Auftritt, auch seinen Großvater.

Es gibt große Vorbilder für diese Art des Erzählens, die Fantasie und Wirklichkeit amalgiert, allen voran William Faulkner, dessen Geschichten in dem fiktiven County Yoknapataphaw spielen. Simon möchte sich zwar nicht vergleichen, auch nicht mit Edgar Reitz oder Oliver Storz, wird aber einräumen müssen, dass er sein Yoknapataphaw gefunden hat: Seelbachs Geschichte will erzählt werden, eine Trilogie ist geplant. Am zweiten Band sitzt Simon schon. Er trägt den schönen Arbeitstitel "Django kam nur bis Bibersfeld." Wir warten.

Info Titus Simon, "Hundsgeschrei", 544 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-8425-1239-9. Silberburg-Verlag Tübingen. Auch als E-Book erhältlich.