Nur wenige Minuten, nachdem Marina Kirchhof und Annika Schall im Wurmbrandsaal des Alten Schlosses die mit Stimmzetteln gefüllte und mit dem Stadtwappen versehene Box an die beiden ehrenamtlichen Vizebürgermeister Heinrich Reh und Günther Kubin zum Auszählen überreicht hatten, stand das Ergebnis fest: 17:3 ist ein eindeutiges Votum.

In der „Höhle der Löwen“

Nach viereinhalb Jahren „ohne“ ist die Gaildorfer Rathausspitze in wenigen Wochen wieder komplett: Tanja Ritter (43), seit zwei Jahren amtierende Chefin des städtischen Haupt- und Personalamts, wird zum 1. Mai die vakante Beigeordneten-Stelle auf dem Rathaus mit Leben erfüllen. Der Gemeinderat hat sie am Mittwochabend mit überwältigender Mehrheit zur Ersten Beigeordneten und damit hauptamtlichen Vizebürgermeisterin gewählt.

Auf die Ausschreibung waren fünf Bewerbungen bei der Stadtverwaltung eingegangen. Alle Kandidaten hatten danach die Gelegenheit, sich einem Gremium vorzustellen, dem Stadträte der vier Fraktionen, Bürgermeister Frank Zimmermann und Vertreter des Personalrats angehörten. Diese Gruppe war zuvor vom Gemeinderat ermächtigt worden, eine Vorauswahl zu treffen.

Im Rennen blieben Tanja Ritter und der Diplombetriebswirt Jürgen W. Hadrian (56) aus dem nordrhein-westfälischen Lippetal. Sie wagten sich am Mittwochabend im Wurmbrandsaal sozusagen in die Höhle der Löwen, konnten sich vorstellen und die Bewerbung begründen – in alphabetischer Reihenfolge: zunächst Hadrian, der seit 2012 als Projektleiter einer Unternehmensberatung für Kommunen arbeitet.

Er dozierte über seine vielen beruflichen Stationen und Qualifikationen, blieb aber auf Nachfrage von Stadträten nach seinen Beweggründen, sich in Gaildorf engagieren zu wollen, eine konkrete Antwort schuldig. Am Ende vermochte er nicht zu punkten. Anders die gebürtige Hallerin Tanja Ritter, die in Vellberg daheim ist. Die Diplomverwaltungswirtin hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für die Kommunalverwaltung, in der sie seit bald 20 Jahren arbeitet.

Die Diplomverwaltungswirtin zog es im Jahr 2000 zunächst nach Wolpertshausen. Als einzige Beamtin neben dem Bürgermeister war sie nicht nur als Fachbeamtin für das Finanzwesen tätig, sie kam auch mit sämtlichen anderen Verwaltungsbereichen in Berührung.

„Auch mal Kante zeigen“

2011 wählte sie der Abtsgmünder Gemeinderat zur Haupt- und Personalamtsleiterin. In den sechs Jahren bis zu ihrer Wahl in Gaildorf habe sie gespürt, „dass mir das liegt“, man teamorientiert und mit kooperativem Führungsstil Mitarbeiter motivieren könne. Ihren Stil auf den Punkt gebracht: „Auf Augenhöhe, aber auch mal Kante zeigen!“ Im Falle ihrer Wahl freue sie sich auf „ein tolles Team, das ich kenne“.

Gut sei, dass mit der Wiederbesetzung der Stelle eine weitere Entscheidungsinstanz „im Haus“ angesiedelt sei. Mit Blick auf den stets vollen Terminkalender des Bürgermeisters sei eine ständige Stellvertretung in der Verwaltung wichtig. Sie wolle aber nicht nur ihre Gedanken und Visionen einbringen, sondern auch „eine weibliche Nuance“.

Der Beifall am Ratstisch kündete von einer Vorentscheidung, die von der Stimmabgabe bestätigt wurde: Das „Heimspiel“ war gewonnen. Zeit zum Feiern indes blieb nicht: Auf die Gratulation durch den Bürgermeister, der Blumen organisiert hatte, folgte eine mehrstündige Marathonsitzung.

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Gaildorfs Beigeordnete: Von Hartmut Lenz bis Tanja Ritter


Als die Stadt Gaildorf die 10 000-Einwohner-Marke überschritten hatte, konnte sie per Hauptsatzung die Stelle eines Ersten Beigeordneten schaffen. Der erste Beamte in diesem Amt war unter Bürgermeister Kurt Engel der damalige Stadtkämmerer Hartmut Lenz (†). Der Gemeinderat wählte ihn am 28. Juli 1998. Lenz hatte Erfahrung an der Spitze einer Kommunalverwaltung: Nach dem Weggang von Bürgermeister Werner Grau war er bis zur Eingemeindung Unterrots nach Gaildorf 1972 Amtsverweser auf dem Rathaus. Auf Lenz folgte Ulrich Bartenbach: Der Gemeinderat wählte am 23. März 2005 den aus Unterrot stammenden Michelfelder Kämmerer zum Beigeordneten und Stellvertreter von Rathauschef Ralf Eggert. Unter Eggerts Nachfolger Ulrich Bartenbach wählte der Gemeinderat am 25. April 2012 den Verwaltungs- und Finanzexperten Frank Zimmermann zum Beigeordneten. Nach Bartenbachs Tod bewarb sich Zimmermann um dessen Nachfolge und wurde am 20. Juli 2014 zum Rathauschef gewählt. Seit der Amtseinsetzung Zimmermanns am 30. September 2014 war die Beigeordneten-Stelle verwaist. Zum 1. Mai 2019 tritt nun die am Mittwochabend gewählte Hauptamtsleiterin Tanja Ritter ihren Dienst als Erste Beigeordnete an. kmo