Wie an jedem zweiten Tag stehen die Milchkannen vom Nübelhof am Marktplatz in Sulzbach-Laufen. Pünktlich um 8.15 Uhr fährt der Tanklaster mit der Werbung für die Hohenloher Molkerei vor, um sie zu leeren. 400 Liter Milch sind es am 30. April. Es ist ein Dienstag wie jeder andere, und doch ist es ein besonderer Tag für den Gaildorfer Klaus Vaigle.

365 Tage im Jahr parat

Er ist auf letzter Tour im Kochertal unterwegs. Seit Anfang der 1980er-Jahre macht er diesen Job. Sein Milcherfassungsgebiet umfasst das Kochertal, die Ostalb, Schwäbisch Gmünd und Mainhardt. Das bedeutet für den knapp 60-jährigen selbstständigen Transportunternehmer, 365 Tage im Jahr parat zu sein. Und sollte er sich für zwei, drei Tage in Urlaub verabschiedet haben, dann übernahm sein Mitarbeiter Roland Abel die Tour. Für den ändert sich nichts. Er wird von der Haller Molkerei übernommen und weiterhin die Milch abholen.

An diesem 30. April wird das Milcherfassungsauto aber nicht nur von drei Milchkannen, sondern auch von Gerhard Nübel erwartet. Er will sich für nahezu vier Jahrzehnte kollegiale und vertrauensvolle Zusammenarbeit persönlich bedanken.

Sekt zum Abschied

Er tut es aus privater Initiative, aber auch im Namen der Gemeinde, die eine Flasche Sekt überreichen lässt. Dass im Hauptort nur noch die Milch aus Nübels Kannen abzupumpen ist, spiegelt die Entwicklung in der Landwirtschaft wider. In früheren Zeiten waren es acht Landwirte, die ihre Milch zum Marktplatz gekarrt haben. Der Milchlaster wird aber trotzdem voll. In Kohlwald, Schönbronn und weiter kocheraufwärts gibt es noch einige Landwirte, die Milchvieh halten. Sie konnten sich in all den Jahren darauf verlassen, dass der Milchlaster pünktlich vorfährt oder gegebenenfalls auch mal ein paar Minuten auf sie wartet. Im Gegenzug konnte man sich Produkte aus der Molkerei mitbringen lassen.

„Ich hätte mich lieber so weggeschlichen“, merkt Klaus Vaigle in seiner ruhigen Art an. Doch da hat er die Rechnung ohne Gerhard Nübel gemacht. Das Bild von der letzten Abholung am Sulzbacher Marktplatz – von Sohn Tobias geschossen, ausgedruckt und eingerahmt – soll den künftigen Pensionär an die herzlichen Begegnungen erinnern.

Mehr Zeit für die Familie

Er habe sich schweren Herzens für diesen Schritt entschieden, erklärt der Mann, der sich nicht mehr tagein, tagaus dem Stress aussetzen will. Den Prozess habe er in aller Ruhe umsetzen wollen, sagt er, um nicht eines Tages gesundheitshalber vor vollendete Tatsachen gestellt zu sein. Ab jetzt möchte er Zeit für die Familie haben, für sein Hobby Motorradfahren und Urlaube, die länger dauern als drei Tage.

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