Das 19. Stadtmalerjahr neigt sich dem Ende zu, Nummer 20 scharrt ­bereits mit den Füßen. Wenn am Sonntag, 24. Novem­ber, die Abschlussausstellung „Ride on Ride on“ von Tobias Freude im Neuen Schloss eröffnet wird, will Tina Krehan ebenfalls da sein.

Die Entscheidung für die Künstlerin aus Stuttgart fiel, wie schon bei dem Bildhauer Tobias Freude und seiner Vorgängerin, der Holzbildhauerin Cornelia Brader, in konzeptioneller Absicht: Das Stipendium soll nicht auf die Malerei beschränkt, sondern für alle künstlerischen Gattungen offen sein.

Für das Gaildorfer Wimmelbuch sind fünf Doppelseiten vorgesehen

Deshalb wurde auch für diese Runde nicht das übliche Stadtmaler-Komitee einberufen. Die Auswahl unter den 19 Bewerberinnen und Bewerbern aus ganz Deutschland, die sich nach der Ausschreibung im Oktober beworben hatten, trafen Bürgermeister Frank Zimmermann und sein Sprecher Dr. Daniel Kuhn im Einvernehmen mit den beiden Stadtmaler-­Beauftragten Martin Zecha und Rolf Deininger.

Krehan, Jahrgang 1972, steht also für etwas Neues, in Gaildorf noch nicht Dagewesenes. Freie Grafikerin und Illustratorin ist sie, und beileibe keine Anfängerin. Nach Studium und Diplom an der Fachhochschule für Gestaltung in Darmstadt, einem Praktikum bei Hamilton & Muller Design in New York und einem Auslandssemester am Instituto Europeo di Design in Mailand arbeitete sie von 1999 bis 2007 als Art-Direktorin bei renommierten Unternehmen der Werbebranche.

Pläne hat sie auch schon, und die kommen den verstärkten Marketing- und Tourismusbestrebungen der Stadt entgegen: Tina Krehan will ein Wimmelbuch über Gaildorf gestalten. Es wäre nicht ihr erstes: Krehan hat bereits Wimmelbücher über den Bodensee, die Schwäbische Alb, den Stuttgarter Fernsehturm, Blaubeuren oder auch über Backnang vorgelegt.

Fünf Doppelseiten sind für Gaildorf vorgesehen, die Kosten belaufen sich auf etwa 15.000 Euro, der Technische Ausschuss hat zugestimmt. Sie sei bereits mit Daniel Kuhn unterwegs gewesen, berichtete Tina Krehan vergangenen Freitag am Telefon, und habe sich „allerlei spannende Plätze“ angeschaut. Und sie will die Gaildorfer beteiligen, immer wieder vor Ort sein mit Kamera und Skizzenblock, sodass man im Wimmelbuch nicht nur den Ort, sondern auch die Menschen, die darin leben, entdecken kann. Und auch in ihrer Abschlussausstellung soll dieser Arbeitsprozess sichtbar werden.

Kunst Stadtmaler Tobias Freude öffnet sein Atelier für neugierige Besucher

Stadtmalerin Tina Krehan wird nicht dauerhaft vor Ort sein

„Ich brauche einen Tisch, mehr nicht“, sagt Krehan, und auch das kommt den eher stadtmalerunfreundlichen Umständen entgegen, die gegenwärtig im Alten Schloss herrschen. Weil der Nordost-Flügel saniert wird, kann das Atelier nicht genutzt werden – Tobias Freude ist deshalb in das ehemalige Kaiga-Gebäude ausgewichen. Auch in der Stadtmaler-­Wohnung wird es nicht besonders ruhig sein; insofern trifft es sich, dass Krehan, wie schon ihre beiden Vorgänger, aus familiären Gründen keine Dauerpräsenz zeigen kann. Sie hat eine fünfjährige Tochter und einen elfjährigen Sohn, wird also vor allem an den Wochenenden vor Ort sein.

Ihr Wimmelbuch wird wohl auch Arbeiten ihres Vorgängers enthalten. Denn Tobias Freude ist mittlerweile unübersehbar in Gaildorf präsent: Vor dem Rathaus finden sich der Schriftzug „Ride on Ride on“ aus Untersberger Marmor, zwei „Additionen“, tonnenschwere kokonähnliche Objekte ebenfalls aus Untersberger Marmor, und zwei Arbeiten aus jahrhundertealten Sandsteinquadern, Überbleibsel verschwundener Gebäude in Gaildorf. All diese Arbeiten sind Leihgaben, werden also bis auf Weiteres zum Stadtbild gehören.

Die Stadt hat mit Zustimmung des Bezirksbeirates Unterrot zudem eine weitere Addition erworben, die auf dem dortigen Friedhof Platz finden soll. Eine weitere Freude-Skulptur, eine Stele für verstorbene Kinder, findet sich auf dem Friedhof in Gaildorf.

Gaildorf

Kunst und Brandschutz

Nicht wimmelbuchtauglich, weil ein Innenobjekt, dürfte das Sandsteinpaneel „Brandschutzobjekt“ im Treppenhaus des Neuen Schlosses sein. Es handelt sich um Freudes kreative Lösung für einen Schlamassel, in das die Stadt geraten ist, nachdem die DIN-Norm für die Höhe von Treppengeländern geändert worden war.

Erwartungslos abwarten: Seit 1998 gibt’s das Stadtmaler-Stipendium


Seit 1998 beherbergt die Stadt Gaildorf alljährlich einen Stadtmaler, der natürlich auch eine Stadtmalerin sein kann. Der seinerzeit in Gaildorf lebende Künstler Diethelm Reichart hatte die Idee, Kunstschaffende für ein Jahr nach Gaildorf einzuladen, ihnen freies Logis, ein Taschengeld und ein Atelier zur Verfügung zu stellen und einfach erwartungslos abzuwarten, was dabei rauskommt. Erster Stadtmaler war der Bildhauer Heinrich Knopf. Das Stadtmaler-Stipendium, das nach anfänglichen Querelen bereits im Jahr 1999 in die Trägerschaft der Stadt überging, ist mittlerweile ausgesprochen angesehen und wird auch international wahrgenommen. Zu den bisherigen Stipendiaten gehörten auch Kunstschaffende aus Japan, Korea und der Ukraine. Da es in der Abfolge Unterbrechungen gab, sind Jahreszahl und Zahl der Stadtmaler mittlerweile synchron: 2020 kommt mit Tina Krehan die 20. Stadtmalerin nach Gaildorf. rif

Info


Die Vernissage zur Abschlussausstellung von Tobias Freude findet am Sonntag, 24. November, 11 Uhr, im Neuen Schloss statt. Die musikalische Begleitung übernimmt „Klang quert“. Die Ausstellung, zu der ein Katalog erscheint, endet am 31. Januar.