Sulzbach-Laufen / ANDREAS BALKO 50 Jahre lang war Friedemann Hägele als ehrenamtlicher Prediger der Evangelischen Landeskirche Württemberg tätig. Am Sonntag gestaltete er in seiner Heimatgemeinde seinen letzten Gottesdienst als Prädikant.

350 Gottesdienste hat Friedemann Hägele gehalten, seit er am 11. Juli 1965 zum ersten Mal auf der Kanzel stand. Der gelernte Kaufmann mit Sinn für Zahlen kann darüber genau Auskunft geben.

Aber wie ist er als junger Mann überhaupt zum Prädikantendienst gekommen? Nach einer Jugendfreizeit erwachte in dem damals 20-Jährigen die Leidenschaft für den Glauben. Daraufhin brachte er sich stark im kirchlichen Bereich ein. Auf diese Weise ist er seinem Ortspfarrer Walter Schubert als engagierter und begabter junger Christenmensch aufgefallen. "Und du wirst Lektor", hat der Seelsorger eines Tages zu Friedemann Hägele gesagt, und der ist dem Ruf gefolgt. Damals hießen die Laienprediger noch Lektoren, heute werden sie Prädikanten genannt.

Industriekaufmann und passionierter Bibellehrer

Bevor Friedemann Hägele Lektor werden konnte, galt es, eine Hürde zu nehmen. Die Bezirkssynode musste das Vorhaben gutheißen, und hier hatte Friedemann Hägele nicht nur Befürworter. "Der will doch alle bekehren", wandte ein Synodaler kritisch ein. Mit den Worten "Lassen Sie ihn doch" stellte sich der damalige Gaildorfer Dekan Kirn auf die Seite des Lektorenanwärters. Damit war das Eis gebrochen, und der Ausbildung zum Lektor stand nichts mehr im Weg.

Menschen für Jesus Christus gewinnen und sich für dessen Kirche voll und ganz einsetzen, dieses Leitmotiv bestimmte die folgenden Jahre von Friedemann Hägele. Dem musste sich mitunter auch der Beruf unterordnen. Als er 1967 eine neue Stelle als Industriekaufmann antrat, hat er die Bedingung gestellt, dass der Beruf sein kirchliches Engagement nicht behindern darf. Das Einverständnis seines neuen Chefs wurde freilich auf eine harte Probe gestellt, als Friedemann Hägele 1971 nicht nur in den Laufener Kirchengemeinderat, sondern auch in die württembergische Landessynode gewählt wurde. Die Sitzungstermine bedingten, dass der Angestellte immer wieder im Betrieb fehlte. 18 Jahre lang und über drei Wahlperioden hin hat Friedemann Hägele dem Kirchen-Parlament angehört. Für ihn galt der Grundsatz: Mandat geht vor Beruf.

Das Mandat hat er dann doch für den Beruf aufgegeben, einen ganz neuen Beruf. Der ermöglichte es ihm, nun hauptberuflich als "Reich-Gottes-Arbeiter" tätig zu werden. Zuvor hatte er als Industriekaufmann gearbeitet, war Geschäftsführer einer altpietistischen Einrichtung gewesen und hatte eine Bibelschule besucht. Durch die Fürsprache von Ex-Landesbischof Gerhard Maier war er 1987 zum hauptberuflichen Gemeinschaftspfleger des altpietistischen Gemeinschaftsverbandes bestellt geworden. Zehn Jahre lang hat er diesen Dienst versehen und in dieser Zeit über 3500 Bibelstunden gehalten. Fast keinen Abend gab es in jener Zeit, an dem er zu Hause war. Seine Frau Rose hat dies mitgetragen und ihm den Rücken frei gehalten.

So gut es ging, hat Friedemann Hägele neben dem Beruf des Gemeinschaftspflegers die Prädikantendienste versehen. Die Verbindung zu den Kirchengemeinden lag ihm am Herzen. 1997 ging er in den Ruhestand und konnte seine Prädikantenarbeit wieder intensivieren.

Auf die Frage, was ihn in seinem jahrzehntelangen Prädikantendienst geärgert habe, muss er passen. Ganz im Gegenteil: Allein die Vorbereitung, die Beschäftigung mit dem Predigttext, versteht er als großen Segen. Als Ruheständler hat er es besonders genossen, sich in Ruhe mit der Bibel beschäftigen zu können und sich ohne Druck Gedanken für die Predigt machen zu können. Kein Tag vergeht, ohne dass Friedemann Hägele die Bibel liest. Mindestens neun Bibeln habe er in seinem Leben durchgeschafft. Die Beschäftigung mit der Bibel war ihm immer eine Freude, denn "Gottes Wort ist etwas Herrliches", wie er sagt.

Übrigens hat er fast alle Predigten selbst geschrieben, obwohl den Prädikanten auch Vorlagen zur Verfügung stehen. Friedemann Hägele war glücklich, dass er durch das Prädikantenamt das Evangelium unter die Leute bringen konnte. Herzklopfen hatte er dennoch bis zuletzt vor jedem Gottesdienst. Doch Friedemann Hägele sieht es positiv: "Dieser Stress ist wunderbar." Die Aufregung schütze ihn davor, den Dienst zu lässig zu nehmen.

Tägliches Bibellesen für Hägele die reinste Freude

Wer Friedemann Hägele als Gegenüber erlebt, der fühlt sich an ein biblisches Sprichwort erinnert: "Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über" (Lukas 6,45). Sein Herz schlägt für seinen Herrn Jesus und dessen Botschaft. Und so ist das, was er zu sagen hat, nicht wenig. Bisweilen muss man ihn auch vorsichtig bremsen. So konnte es im Lauf der Jahre vorkommen, dass die Redaktion der Rundschau immer wieder mal bei ihm anrief und ihn um Kürzung einer geistlichen Besinnung bat, weil das Original den Rahmen eines Artikels sprengte. Friedemann Hägele sieht es gelassen.

Wenn er nur die Möglichkeit hat, Menschen mit der frohen Botschaft zu erreichen, ist er zufrieden und glücklich. Aus seinen unzähligen Zeitungs-Andachten ist vor wenigen Jahren ein Buch entstanden mit dem Titel: "Strahlen der Liebe Gottes - Sonntagsgedanken für den Alltag".

Während Friedemann Hägele bei seinem 40. Prädikantenjubiläum als damals 66-jähriger noch äußerst jung geblieben wirkte, haben sich zwischenzeitlich manch körperliche Beschwerden eingestellt. Seine Tätigkeit als Prädikant musste er deshalb in den letzten Jahren reduzieren. Im letzten Jahr hat er nur noch drei Gottesdienste halten können. Dennoch geht von ihm eine Grundhaltung der Dankbarkeit aus. Dankbar blickt er auf sein Leben zurück und sagt: "Ich bin es nicht wert, dass Gott mich so reich gesegnet hat." Friedemann Hägele fährt mit strahlenden Augen fort: "Ich will Gott vertrauen und lege mein Leben in seine Hand."

Zur Person vom 16. Juli 2015

Friedemann Hägele, Jahrgang 1939, war Kaufmann, Geschäftsführer des Christlichen Gästezentrums Württemberg "Schönblick", Prediger des evangelischen Gemeinschaftsverbands "die Apis" und 18 Jahre Mitglied der Landessynode. Seit 1965 war er Prädikant der Evangelischen Landeskirche. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Aufsätze und Bücher, darunter das viel beachtete Werk "Strahlen der Liebe Gottes - Sonntagsgedanken für den Alltag" mit einer großen Auswahl an Zeitungsveröffentlichungen. Friedemann Hägele ist seit 1962 mit seiner Frau Rose verheiratet, hat drei Kinder und elf Enkelkinder.

BAL