Geschichte Söldner plündern Geisterstadt

Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 27.07.2018
RUNDSCHAU-Serie (2): Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Nach relativ ruhiger Zeit erreichte das Grauen auch Gaildorf und die umliegenden Dörfer. Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, wurde getötet.

Georg Albrecht, oberster Kirchenherr im protestantischen Gaildorf, sollte mit seiner, eines schönen Sonntags anno 1633 formulierten, Einschätzung recht behalten: Verglichen mit dem, was über die Stadt noch hereinbrechen sollte, saßen die Menschen im Limpurger Land „im Rosengarten“; sie hätten bis dato „nichts gelitten“ (wir haben berichtet).

Dann zogen dunkle Wolken auf am Himmel über Gaildorf – es „fielen die Rosen ab, und man fühlte die Dornen aufs empfindlichste“, ergänzt der Gschwender Pfarrer und Historiker Heinrich Prescher (1749–1827) im 1790 veröffentlichten zweiten Band seiner monumentalen „Geschichte und Beschreibung der zum fränkischen Kreise gehörigen Reichsgrafschaft Limpurg“ Georg Albrechts Metapher.

„Mordgieriger fliegender Haufe“

Prescher erinnert dabei an den 9. August 1634, an dem eines der düstersten Kapitel der Stadtgeschichte aufgeschlagen wurde. Es sei „ein schröcklicher Tag für Gaildorf und für die umliegende Gegend“ gewesen. An diesem Mittwoch näherte sich „ein raub- und mordgieriger fliegender Haufe von dem kaiserlichen Heer“, das bei Nördlingen stationiert war. Auf ihrem Weg ins Limpurgische sollen die überwiegend kroatischen Söldner eine Spur der Verwüstung hinterlassen und ungezählte Menschen auf grausamste Art und Weise umgebracht haben. Einzelheiten nennt die Chronik von Sulzbach am Kocher.

Zum Glück für Gaildorf: Noch vor dem Morgengrauen erreichte laut Prescher die „Schreckenspost“ die Stadt: Dem mordenden Haufen Entkommene berichteten, was sie gesehen hatten. Und sie rieten den Gaildorfern, sich schnellstens in Sicherheit zu bringen. Heinrich Prescher beschreibt mehr als 150 Jahre später die Aufregung im Städtle, als ob er sie selber beobachtet hätte: „Die Einwohner liefen auf den Straßen zusammen, aber kein Freund wußte dem andern zu rathen. Man eilte fort, ohne recht zu wissen, wohin. Man konnte sich nicht die Zeit nehmen, seine Habseligkeiten zu retten.“

Einigen Gaildorfern gelang es, sich rechtzeitig hinter die Mauern der Städte Hall, Heilbronn oder Schorndorf in Sicherheit zu bringen – „weil man doch da“, so Prescher, „vor schnellem Überfall sicher war.“ Die Limpurger Geistlichen, darunter auch Georg Albrecht, suchten „mit Weib und Kindern“ in Heilbronn Unterschlupf, wo sie bis zum 6. Oktober ausharrten. Die überwiegende Mehrheit der völlig Verängstigten floh in die dichten Wälder, wo sie sich in verborgenen Klingen sicher wähnten.

Wenige Stunden nach der Warnung brach das Unheil über Gaildorf herein, das sich den Eindringlingen nun als Geisterstadt präsentierte: Aus Wut darüber, dass fast keiner der Bürger mehr anzutreffen war, sollen die Söldner viele Gebäude verwüstet und zerstört haben. „Allerorten flammten die Häuser lichterloh“, heißt es in den (ohne Jahresangabe, aber vermutlich in den späten 1920er-Jahren) von Dr. Emil Kost (1891–1953) bearbeiteten und vom „Kocherboten“ veröffentlichten „Geschichtstafeln des Oberamts Gaildorf“.

Und Heinrich Prescher berichtet (ohne Quellenangabe): „Der Feind kam und plünderte oder verderbte, was er fand. Keller und Getreideböden waren bald leer.“ Besonders schlimm hätten die Horden in Kirche und Schloss gewütet: Die Kirchentüren seien „zerhauen“ worden, „der Opferstock zertrümmert, Kanzel und Altar, die Uhr nicht einmal ausgenommen, beraubt und verderbt, dem Taufstein wurden Wunden beygebracht, nicht das geringste von Communiongeräthen blieb übrig.“ Erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurde auch das monumentale Grabmal des „venerablen“, also „verehrungswürdigen“ Schenken Albrecht von Limpurg.

„Zu Tod gemartert“

Nur wenig ist bekannt über das Schicksal derjenigen Gaildorfer, die keine Gelegenheit hatten, zu fliehen – alleinstehende Alte und Kranke. Sie seien, heißt es kurz und knapp in besagten Geschichtstafeln, „zu Tod gemartert worden.“ Wenige Einzelheiten darüber sind in noch erhaltenen Kirchenbüchern vermerkt – beispielsweise in den Aufzeichnungen aus Sulzbach. Allerdings sind die Namen der vielen, zahlenmäßig nie erfassten Opfer nicht bekannt. Mit viel Glück finden sich vage Hinweise in den vier von der Stadt Gaildorf herausgegebenen „Ortssippenbüchern“.

Ansonsten schweigen die Archive – mangels Masse. Sie wurden in den Kriegswirren ohnehin zerstört. Das betrifft sämtliche Dokumente, die im Alten Schloss, dessen Bewohner die Stadt ebenfalls verlassen hatten,  verwahrt worden waren. Das gesamte Inventar ist während der Besetzung der Stadt untergegangen. Wie übel die Horden gehaust haben, lässt sich nur erahnen – etwa durch die vielen Einschusslöcher in einem der Räume (siehe dazu gesonderten Bericht).

Info Wie schlimm die kroatischen Söldner im Limpurger Land gewütet haben, davon ist im dritten Teil unserer Serie die Rede.

Mysteriöse Schießerei im Alten Schloss gibt Rätsel auf

Mord und Totschlag im Gaildorfer Schloss? Oder übten sich betrunkene Söldner im Zielschießen? Wer hat die Wand des alten Ratssaals durchsiebt? Einschusslöcher und eine Vorderladerkugel gaben im Februar 2002 bei Restaurierungsarbeiten in den Räumen des heutigen Stadtmuseums Rätsel auf.

Holzrestaurator Jörg Eckstein traute damals seinen Augen nicht: In der Nordwest-Ecke von „Raum 118“, dem einstigen Ratssaal des Schlosses, fand er eine Bleikugel, Kaliber 45, noch in das sogenannte Schusspflaster gehüllt. Ein befreundeter Waffenexperte stellte später fest: Es muss ein aufgesetzter Schuss‘‘ gewesen sein, etwa aus fünf Zentimetern Entfernung abgegeben. Sonst würde das Pflaster nicht mehr an der Kugel kleben. Dieses, ein Stofffetzen, wurde einst vor der Kugel in den mit Schwarzpulver gestopften Lauf der Waffe gedrückt, damit die danach eingeführte weiche Bleikugel beim Abfeuern nicht schmolz.

Die Kugel durchschlug ein sechs Zentimeter dickes Eichenholzstück und ließ auch einen Teil des dahinter liegenden Verputzes zerbröseln. Sechs weitere Einschusslöcher in der Vertäfelung mit gleichem Durchmesser finden sich in unmittelbarer Nähe – aber keine weitere Kugel. Waren diese Schüsse auch nur auf die Wand oder auf ein „echtes“ Ziel gerichtet? Wer hat hier wann und weshalb herumgeballert? Dem mutmaßlichen Alter der Kugel nach zu schließen, muss die Ballerei in der ersten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges stattgefunden haben. kmo

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