Gaildorf / KLAUS MICHAEL OSSWALD  Uhr
Viele Tagebücher und Bilder zeugen vom bewegten und von vielen Reisen geprägten Leben des württembergischen Offiziers Christian von Martens (1793-1882). Wo es ihm gut gefiel, malte er - auch in Gaildorf.

Es war an einem leicht bewölkten Herbsttag in Gaildorf, am 6. Oktober 1873. Christian von Martens packte sein Tagebüchlein, Pinsel und Farben ein und marschierte das alte, heute noch angelegte Gängele zwischen Wasch- und Lindengärten hoch. Auf dem vom Siechenhaus kommenden Feldweg, der heutigen Friedhofstraße, ging er ein paar Schritte gen Osten in Richtung der Straße nach Eutendorf, wo er ein Plätzchen fand, um innezuhalten - und zu malen . . .

Christian von Martens, am 19. August 1793 als siebter Sohn - deshalb auf den Zweitnamen Septimus getauft - des königlich-dänischen Generalkonsuls von Venedig, Wilhelm Conrad von Martens, und dessen zweiter Ehefrau Margarete von Scheler (1765-1832) auf dem Landgut Miracecchia geboren, hatte zu jener Zeit bereits eine abenteuerliche militärische Karriere hinter sich.

Er war 1812 als königlich-württembergischer Leutnant am Russlandfeldzug Napoleons beteiligt, überlebte den Untergang der Grande Armée, mischte beim Sachsenfeldzug (1813) mit, ebenso, inzwischen Oberleutnant, an den Befreiungskriegen (1814/15). Weitere Beförderungen - bis zum Rang eines Majors und später Oberstleutnants - und hohe Auszeichnungen begleiteten die weitere militärische Karriere von Martens' in Schleswig-Holstein und Baden, zuletzt wieder im Württembergischen.

Als er in Gaildorf den Ausblick auf das kleine, damals gerade mal 1800 Einwohner zählende Oberamtsstädtchen genoss, war Christian von Martens bereits seit 20 Jahren im Ruhestand und Mitglied im königlichen Ehreninvalidenkorps. Der Anlass seines Aufenthalts im Limpurger Land geht aus einer bescheidenen Notiz in einem seiner im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart verwahrten Tagebücher hervor: "4. Octbr. (Oktober) Mit Pauline über Hall n.(ach) Gaildorf und daselbst bei Sohn Carl u.(nd) Albertine bis zum 9. geblieben und wieder über Hall nach Stuttgart zurück".

Der Besuch galt einem der fünf Kinder: Sohn Carl Friedrich Konrad (in einigen Dokumenten auch Karl geschrieben) war hier zu Hause und (von 1866 bis 1877) als Justizassessor Aktuar in Diensten des Oberamtsgerichts. Wenige Monate vor dem Besuch der Eltern in Gaildorf - am 19. Juni 1873, just an seinem 38. Geburtstag - hatte Carl die 13 Jahre jüngere Tochter des Stuttgarter Münzmeisters Friedrich Wilhelm Dietrich, Albertine Charlotte, geheiratet.

Während seiner vielen Reisen quer durch Europa, Asien und im Norden Afrikas hat Christian von Martens ungezählte Stadtansichten gezeichnet, darunter sehr ansprechende Postkartenmotive: etwa von Athen oder Florenz, Moskau oder Delhi, Tunis - und eben Gaildorf. Bei dieser Ansicht handelt es sich um das bis dato einzige bekannte seiner Art: Es zeigt die teilweise wieder aufgebaute Innenstadt nach dem verheerenden Brand, dem im Jahr 1868 insgesamt 46 Gebäude, die Stadtkirche und das Pückler-Schloss zum Opfer gefallen sind. Die Kirche war, als sie von Martens in seinem Tagebuch verewigte, gerade aus den Trümmern neu erstanden. Das benachbarte Schlossgebäude indes sollte erst im folgenden Jahr, also 1874, das Stadtbild in seiner bis 1945 bekannten Dimension prägen.

Die Bilderschätze des Christian von Martens schlummerten jahrzehntelang in der Versenkung. Bis sich das Hauptstaatsarchiv des Landesarchivs dazu entschließen konnte, diesen einzigartigen Fundus, der im Lauf der Zeit auf zwei Regalmeter angewachsen ist, teilweise zu digitalisieren und damit für die interessierte Öffentlichkeit zu erschließen.

Ob Christian von Martens später noch einmal in Gaildorf zu Besuch war - etwa um den 7. Juni 1875, als Enkeltöchterchen Hedwig Charlotte Pauline Maria Albertine das Licht der Welt erblickte -, ist nicht bekannt.

Über diese Adresse lässt sich der Nachlass des Christian von Martens online erschließen und einsehen

Der schreibende Bruder

Karl von Martens (1790-1861), Bruder Christian von Martens', hat mit seiner 1847 erschienenen "Geschichte der innerhalb des Königreichs Württemberg vorgefallenen kriegerischen Ereignisse" von sich reden gemacht. Darin beschreibt er mit viel Ortskenntnis, wie im Österreichischen Erbfolgekrieg die französische Armee durch das Limpurger Land zog: Unter dem Befehl von Marschall de Broglie erreichten tausende von Soldaten am 1. September 1741 Gaildorf. Ihr Lager, so von Martens, habe sich vom Siechenhaus bis Winzenweiler erstreckt, einige Einheiten hatten bei Reippersberg und Honkling ihre Zelte aufgeschlagen. Gaildorf selber "war mit den Generalen, ihren Stäben und ihrem zahlreichen Gefolge ganz angefüllt".

KMO