Die Stammgäste im Bräuhaus haben selten derart interessante Gesprächspartner wie an diesem Montagabend. Am Tresen sitzen drei junge Burschen in traditioneller Handwerkerkluft: ein Bootsbauer, ein Bäcker und ein Schreiner. Julius Koller hat ihnen dunkles Bier gezapft. „Wir begleiten Benny heim“, sagt André Röthemeier. Als Bäcker trägt er eine karierte Kluft. Seit dreieinhalb Jahren ist er  auf der Walz, ist in der Schweiz gewesen, in Frankreich, England, Belgien und auf Sylt. Da hat es ihm besonders gut gefallen. Er und Max Tahl begleiten den Bootsbauer heim. Das sei so üblich, meint Max Tahl. Er hat seine Ausbildung als Schreiner in Karlsruhe abgeschlossen und ist jetzt dreieinhalb Monate unterwegs, um handwerklich dazuzulernen. Die Walz habe eine 850-jährige Tradition und war früher Pflicht, sagt er. Berühmte Männer wie der Künstler Albrecht Dürer, der Schuhmacher  Adolph Kolping, der Gründer des Kolpingwerks, der Sattler Friedrich Ebert, in der Weimarer Republik Reichspräsident, und der Mechaniker Adam Opel, der Gründer des Opelwerks, waren Tippelbrüder.

Heute ist für die Walz ein polizeiliches Führungszeugnis erforderlich. Der Geselle muss unter 30 Jahre alt sein, ledig, kinderlos, schuldenfrei, „und er hinterlässt nichts als einen guten Ruf“, meint der Bäcker.

Die drei sind gesprächig. Martin Bodri und Thomas Mann laden die Wandergesellen ein. Sie werden Gaildorf in bester Erinnerung behalten. Ihnen wurde sogar die Übernachtung bezahlt. „So viel Gastfreundschaft wie hier erlebt man selten“, meint Benny am nächsten Morgen, als sie sich in Richtung Affalterbach, seiner Heimatstadt, aufmachen. Drei Paar Schuhe habe er während dieser viereinhalb Jahre Wanderschaft abgelaufen, erzählt er. Sein Hab und Gut trägt er in einem Bündel. Ein Leben ohne Smartphone ist für ihn normal. „Das hat kein Wandergeselle.“ Er verlässt seine Stadt mit fünf Euro und kehrt mit der gleichen Summe zurück, unterwegs arbeitet er ­ – zum Tariflohn. In Kroatien habe er seine schönste Zeit erlebt, erzählt der Bootsbauer, zweimal sei er dorthin zurückgekehrt. Einmal habe er in einer Bäckerei gejobbt und ein paar Mal als Dachdecker und Zimmermann.

Unterwegs, erzählt der Bäcker, „machst du Erfahrungen und hast Erlebnisse, die nicht mit Geld aufzuwiegen sind“. Es gebe gute Tage und schlechte: Mal wird man gleich mitgenommen, mal steht man drei Stunden im Regen, mal nächtigt man bei fremden Menschen im Wohnzimmer, mal im Schalterraum einer Bank oder in einem Parkhaus. In manchen Gegenden gibt es Herbergen von Handwerkervereinigungen, sie sind auch Kommunikationszentren der Wandergesellen. Während ihrer Walz darf sich der Geselle bis auf 50 Kilometer seiner Stadt nähern. Seine Familie besucht er allenfalls bei Todesfällen. Während der letzten dreieinhalb Jahre, sagt der Bäcker, habe er handwerklich dazugelernt „und man entwickelt sich als Mensch weiter, man erwirbt Menschenkenntnis“, sagt er mit stets ernster Mine. „Was für die Menschen selbstverständlich ist, wie ein Dach überm Kopf zu haben oder in einem Bett zu schlafen,. ist für uns Luxus“, meint der Schreiner, lächelt und nimmt einen großen Schluck Bier. Unter seinem Hut quellen braune Locken hervor.

„Man lernt bescheiden zu sein und dass man nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Man freut sich an kleinen Dingen“, resümiert der Bootsbauer.   Er ist mit 28 Jahren der Älteste des Trios. Sie haben sich in Ellwangen getroffen und laufen eine Zeitlang gemeinsam. Irgendwann trennen sich die Wege wieder. Und wie sieht’s mit der Krankenversicherung aus, will ein Gast wissen. Benny lacht: „Typisch deutsch.“ Ja, er sei versichert, freiwillig eben.

  Das Wanderbuch ist der wichtigste Gegenstand des Wandergesellen.  Es ist ein unersetzliches Dokument der eigenen Wanderschaft und nach deren Ende dessen wichtigstes Erinnerungsstück. Es liegt gut verpackt im Bündel, das die drei am nächsten Morgen schultern. In der Tourist-Info im Alten Schloss bekommen sie von Angelika Meixner ein paar Wanderkarten. Im Nieselregen marschieren sie weiter, mit Hut und Stock. Ihr Weg führt in Richtung Kirgel über Murrhardt mit dem Ziel Affalterbach. Der Bäcker ist blass um die Nase. Bauchschmerzen plagen ihn. Die werden vergehen.

Historische Wurzeln der Wanderschaft


Die Kultusministerkonferenz verkündete im Dezember 2014 in Deutschland, dass die Handwerksgesellenwanderschaft Walz als eine von 27 Kulturformen in die Bewerbungsliste Bundesweites Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wird. Am 16. März 2015 erfolgte die Auszeichnung im Sinne des Übereinkommens zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes der Unesco. So werden kulturelle Ausdrucksformen bezeichnet, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden. Das Immaterielle Kulturerbe soll die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen.

Die Pflicht zur Wanderschaft der Gesellen war erst in nachmittelalterlicher Zeit in bestimmten Zünften, aber längst nicht in allen, als ein Teil des vorgeschriebenen Ausbildungsweges eingeführt worden. Vorausgegangen waren diesen Vorschriften in romanischer und besonders gotischer Zeit die Wanderungen einzelner Bauhandwerker und ganzer Bauhütten von einem Kirchenbauprojekt zum anderen, was heute nur noch selten quellenmäßig fassbar ist und allenfalls durch kunsthistorische Vergleiche und Analyse von Stilmerkmalen nachvollzogen werden kann.

In Deutschland zählte man 2010 noch wenig mehr als 450 Wandergesellen und -gesellinnen. Es handelt sich jedoch immer um Schätzungen, da es keine verlässliche Form der Zählung gibt, insbesondere bei den Freireisenden.

Vier große Vereinigungen von Handwerkern, die auf Wanderschaft waren oder sind, gibt es heute in Deutschland: die Rechtschaffenen, die Rolandsbrüder, die Freiheitsbrüder und die Freien Vogtländer. Quellen: Wikipedia und Onlineportal der Stadt Heide