Nichts ist normal derzeit im Wald. Die massiven Einschläge, die man im Limpurger Land entdecken kann, haben nichts mit gewöhnlichen forstwirtschaftlichen Maßnahmen zu tun. Was da aus den Wäldern geschafft wird, das sind vor allem die Borkenkäfer-Hinterlassenschaften der letztjährigen Trockenheit – plus Sturmholz vom Frühjahr plus die laufende Invasion des Schädlings, die dramatische Ausmaße zu nehmen droht.

Die Dürre im Jahr 2018 hat dem Käfer „in die Karten gespielt“, wie es Peter Hauk ausdrückt, Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Das Frühjahrstief „Eberhard“, das landesweit schätzungsweise eine halbe Million Kubikmeter Sturmholz hinterließ, schuf weitere große Mengen an bruttauglichem Material, und wenn’s weiterhin nicht kühler wird und regnet, wird im Wald vor allem der Käfer gedeihen.

Oberrot

„Barkborre“ auch in Schweden

Auf 185.000 Kubikmeter beziffert Hauk die Menge des Käferholzes in den baden-württembergischen Wäldern. Das ist etwa fünf Mal so viel, wie zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr.  Die Zahl wurde am 20. März bekannt gegeben, einen Tag vor dem internationalen Tag des Waldes – das aber nur nebenbei. Für das Forstwirtschaftsjahr 2019 wird allein in Baden-Württemberg ein Schaden in der Größenordnung von 100 Millionen Euro prognostiziert. Europaweit ist es weit mehr: Sturm- und Käferholz gibt es in rauen Mengen, in Norddeutschland, Südtirol, Tschechien, selbst in Schweden hat sich „Barkborre“ zur Plage entwickelt.

Holzpreise im freien Fall

Dass der Markt diese Mengen nicht verkraften kann, kommt hinzu: der Holzpreis befindet sich im freien Fall. Um mindestens 50 Prozent seien die Holzpreise gesunken, teilt das Landratsamt in Schwäbisch Hall mit, „da die Sägewerke das Überangebot für Preisdiktate nutzen“. Der Einschlagsstopp für frisches Nadelstammholz, der im Staatswald gilt, wird daran kaum etwas ändern. Die Einschlagpläne sind ohnehin Makulatur.

„Ich habe gar keinen richtigen Plan gemacht“, sagt Ulrich Stahl vom Fürstlich Bentheim’schen Forstamt in Gaildorf, das zusammen mit der Gräflich Ortenburg’schen  und der Gräflich Pückler-Limpurg’schen Forstverwaltung über die größten privaten Waldflächen im Limpurger Land verfügt. Die Kalamität sei zu erwarten gewesen, „wir laufen der Entwicklung hinterher“.

Um den Käfer einzudämmen, gibt es eigentlich nur ein Mittel: die Bäume müssen raus. Er könne sich auf seine Stammkunden unter den Sägern verlassen, sagt Stahl, „wir haben gute Beziehungen“. Gleichwohl kommt das Holz nicht so schnell weg, wie es eigentlich nötig wäre. Was nicht abgefahren wird, wird daher gepoltert und mit Pestiziden behandelt.

Die Waldbesitzer seien zu solchen Maßnahmen verpflichtet, schreibt das Haller Landratsamt. Alternativ könne das Holz auch „trocken“ gelagert werden, es müsse dafür aber ein Mindestabstand von 500 Metern zum nächsten Wald eingehalten werden. Die Revierleiter seien derzeit intensiv damit beschäftigt, die Waldbesitzer zu beraten. Nicht alle sind einsichtig: Viele wüssten gar nicht, dass auch in ihrem Wald akuter Handlungsbedarf bestehe.

„Wir erleben gerade den Abgesang auf die Fichte“, sagt Arno Kurz von der Gräflich Ortenburg’schen Forstverwaltung in Gaildorf. Das Unternehmen bewirtschaftet rund 700 Hektar Wald und kann sich, wie Kurz betont, ebenfalls auf die „relativ gute Sägewerkinfrastruktur“ in der Region verlassen..

Etwa 70 Prozent der Ortenburg’schen Bestände sind Nadelholz und davon wiederum 60 bis 70 Prozent Fichten – Tendenz fallend. Kurz misst seit 2003 die jährlichen Niederschläge, sie sind seitdem kontinuierlich von 1000 auf 700 bis 750 Liter pro Quadratmeter gefallen. Die meisten Regenfälle gibt’s im Winter, die Fichte aber, sagt Kurz, benötige rund 800 Liter und zwar übers Jahr verteilt.

Wegen der Wuchsdynamik und des Wirkungsgrades gibt es eigentlich keine wirtschaftliche Alternative zum Nadelholz. Der Fokus liegt deshalb jetzt auf der Weißtanne, die wegen ihrer Pfahlwurzeln Trockenzeiten und auch Stürme besser übersteht. Sie gilt als „der Hoffnungsträger unter den Waldbaumarten im Klimawandel“, steht aber bereits massiv unter Druck: Tannenrüssler, krummzähniger Tannenborkenkäfer, kleiner, mittlerer und großer Borkenkäfer und mittlerweile auch der Linneatus, der seine Gänge nicht unter der Borke, sondern ins Holz gräbt, tun sich           daran gütlich.

„Stehend schon fast trocken“

Der Käfer ist ein Schwächeschädling, er befällt Bäume, die sich nicht mehr wehren können, weil es nicht genügend Regen gab. Die Hälfte des bisherigen Einschlags im Fürstlich Bentheim’schen Wald in diesem Jahr habe man aus den Weißtannenbeständen geholt, sagt Ulrich Stahl. Das Holz sei stehend schon fast trocken. „Auch diese Alternative geht verloren“, sagt Arno Kurz.

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