Den Weißstorch kennt jeder – aber wer hat schon einmal einen Schwarzstorch gesehen? 100 Jahre lang war er hierzulande ausgestorben. Nun ist der Schwarzstorch wieder im Rems-Murr-Kreis heimisch: Diesen Sommer hat er dort erstmals wieder gebrütet. Inzwischen brüten rund 50 Schwarzstorchenpaare im Land. Im Rems-Murr-Kreis wurden die Tiere in den letzten Jahren zwar regelmäßig gesichtet, jedoch handelte es sich dabei um Exemplare, die durchgezogen sind oder übersommert haben. Eine Brut konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Das ist wegen der zurückgezogenen Lebensweise der Vögel auch extrem schwierig – trotz ihrer Größe.

Zuletzt haben sich Beobachtungen zur Brutzeit im nördlichen und östlichen Teil des Landkreises gehäuft. Die beiden Ornithologen Julian Lenz und Arnold Sombrutzki von der ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Rems-Murr vermuteten bereits Bruten, konnten bisher jedoch keine nachweisen. Doch dieses Jahr haben sich ein Männchen und ein Weibchen verraten: Zu auffällig waren ihre Balzflüge und ihr revierverteidigendes Verhalten. Die Suche nach dem Horst glich einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen – immerhin beträgt der Aktionsradius der Tiere bei der Nahrungssuche bis zu zehn Kilometer. In einer Tanne in rund zehn Metern Höhe wurden die beiden Ornithologen schließlich fündig: Im Horst waren drei Jungtiere – die erste Brut im Rems-Murr-Kreis seit 100 Jahren.

Überlebt haben die Jungtiere jedoch nicht. Offenbar wurden sie in den Folgetagen von einem Waschbären erbeutet. Darauf deuten Spuren am Baum hin. Im nächsten Jahr werden die beiden Ornithologen den Baum mit einer Manschette vor unerwünschten Gästen schützen. Sie sind zuversichtlich, dass das Schwarzstorchpaar den Horst trotz der misslungenen Brut wieder aufsucht. Das Landratsamt hat den Grundstückseigentümer und den Jagdpächter für die geschützten Tiere sensibilisiert.

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Weltweit gibt es noch 18 000 Brutpaare


100 Jahre lang war der Schwarzstorch im Rems-Murr-Kreis ausgestorben. Er wurde bejagt, seine Eier gesammelt. Die Veränderungen in den Wäldern und die Verschmutzung der Gewässer taten ein Übriges. 1918 gab es die letzte Brut im Landkreis – am Goldboden bei Winterbach. 1925 war dann in ganz Baden-Württemberg Schluss. Heute gibt es nur noch rund 18 000 Brutpaare weltweit. Der scheue Waldvogel, dessen Brut- und Nahrungsgebiete störungsfrei sein müssen, findet heute im Schwäbischen Wald ideale Lebensbedingungen: Altholzbestände und naturnahe, gewässerreiche Bruch- und Auenwälder sowie Feucht- und Nasswiesen. Um deren Erhalt kümmern sich die Naturschutz-Experten im Landratsamt seit Jahrzehnten intensiv. Dort kann der heimliche Jäger seinen Lieblingsspeisen nachstellen: Fröschen, Molchen und Insekten. Ende Mai legt das Weibchen zwei bis sechs Eier. Die Brutzeit beträgt 35 Tage, nach weiteren 65 Tagen sind die jungen Störche flügge. Den Winter verbringen die Tiere südlich der Sahara.