Gaildorf / KLAUS MICHAEL OSSWALD  Uhr
Im Januar 1868 sanken nicht nur weite Teile der Gaildorfer Innenstadt in Schutt und Asche. Durch die große Feuersbrunst veränderte sich auch der Grundriss des Städtchens. Alte Flurkarten verraten Interessantes.

Als der Geometer Gottfried Feiler anno 1831 mit seinen Messgehilfen durch die damals knapp 1600 Seelen zählende Oberamtsstadt Gaildorf zog, sämtliche Grundstücke vermaß und die Grundrisse der damals noch wenigen Gebäude ermittelte, hatte ein Graveur namens Willmaar viel zu tun. Das Ergebnis der Feldmesser - heute Vermessungsingenieure oder Geodäten - musste er zum Vervielfältigen im Maßstab 1:2500 auf Solnhofer Schieferplatten übertragen.

Keine 37 Jahre später war ihre Arbeit reif fürs Archiv: Nach dem großen Brand vom Januar 1868 wurde die Gaildorfer Innenstadt weitgehend neu gestaltet. Die Veränderungen werden deutlich, wenn man aktuelle Stadtpläne mit der Feilerschen Flurkarte vergleicht. Schlummerte die selbe bis vor kurzem noch in den einschlägigen Archiven, ist sie heute allen interessierten Bürgern zugänglich. Dazu bedarf es nur eines Internetanschlusses.

Einen solchen gab es, als die fleißigen Feldmesser in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Württemberg durchstreiften, freilich noch nicht. Viele Kräfte waren nötig, um das Gebiet des gesamten Königsreichs zu vermessen. Das ganze Unternehmen, das 1818 in Tübingen begann, dauerte bis 1840. Später folgte die Erfassung der Gebiete Hohenzollern-Sigmaringen und Hohenzollern-Hechingen. Abgeschlossen war das Projekt im Jahr 1863. Das gedruckte Ergebnis kann sich sehen lassen, es umfasst beinahe 17.000 Kartenblätter.

Diese Urfassungen - die im Lauf der Zeit fortgeschrieben wurden - "stellen nun eine wesentliche Quelle für Heimatforscher dar, eignen sich aber zum Beispiel auch für Altlastenerkundungen, Ingenieurgutachten und denkmalpflegerische Fragen", schreibt Kai Naumann in der aktuellen Ausgabe der "Archivnachrichten".

Und vor allem sind sie einfach abzurufen. Vor vier Jahren komplett vom Landesamt für Geoinformation und Landesentwicklung (LGL) gescannt, können nun alle Karten über das Staatsarchiv Ludwigsburg online eingesehen, gedruckt oder gespeichert werden. Das gilt im übrigen auch für kleine und kleinste Ortschaften Württembergs. Allein von Horlachen etwa, Teilort von Gschwend, existieren vier aufschlussreiche Kartenblätter. Drei sind es im Fall Erlenhof, dem kleinen Teilort Fichtenbergs, der in Stichwortregister namentlich erwähnt ist; zwei Karten sind Scheuerhalden bei Oberrot gewidmet, und sogar der Name des Sulzbach-Laufener Weilers Schneckenbusch liefert Suchenden einen Volltreffer, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Wer auf diese Weise die kartographische Vergangenheit des Limpurger Land erkunden will, braucht viel Zeit, um einige hundert Übersichten aus der kleinen Region zu studieren. Und wird in vielfältiger Weise fündig: Zum Beispiel erkennt er mit Blick auf das zentrale der fünf Gaildorfer Dokumente schnell, dass der Name der vor 25 Jahren neu geschaffenen Wohnsiedlung Au-Bürkig nicht etwa ein von Bürokraten geschaffener Kunstbegriff ist, sondern sich aus den uralten Flurnamen Au und Bürkig zusammensetzt.

Bleibt nur noch die Frage zu klären, warum die Kartenmacher des Königreichs Württemberg seinerzeit so viel zu tun hatten: Mit dem Werk konnte "die Steuer auf Grundbesitz vereinheitlicht, der Grundstücksverkehr erleichtert und die Infrastruktur planbar gemacht" werden, wie Kai Naumann schreibt.

Geschichte und Recherche

Der Brand Der größte Brand in der Geschichte Gaildorfs hat in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1868 ein ganzes Stadtviertel in Schutt und Asche gelegt. Die Bilanz der Katastrophe: Pückler-Schloss und Stadtkirche wurden ein Raub der Flammen. 42 Haupt- und vier Nebengebäude wurden vollständig zerstört, 14 weitere Bauten erheblich beschädigt. 78 Familien waren über Nacht obdachlos geworden - mehr als 350 Menschen der 1600 Einwohner zählenden Stadt. Das Feuer war in der Scheune von Posthalter Horn in der Oberen Gasse, der heutigen Schulstraße, ausgebrochen.

Die Veränderung Mit dem Wiederaufbau wurde das Zentrum der Stadt rund um den Marktplatz offener gestaltet, unter anderem die Häuserzeile südlich der Oberen Gasse (heute Schulstraße) für eine weitere Straße, die heutige Kanzleistraße, unterbrochen.

Dokumente online Der fast vergessene Grundriss der Stadt Gaildorf kann - wie viele andere Flurkarten des Limpurger Landes - unter dieser Adresse eingesehen werden.

KMO