In unserer Gegend gab es ein Sprichwort: „Ein Streubecker kommt nicht in den Himmel!“ Heute ist den meisten Zeitgenossen der Sinn dieses Sprichwortes völlig rätselhaft. Es stellt sich schon die Frage, was denn ein „Streubecker“ überhaupt ist. Hans Brucklacher kann in seinen Heimatstuben das Rätsel lösen.

In der hiesigen Gegend ist in den Wäldern das Nadelholz vorherrschend. Es wachsen viele Fichten und Tannen im Wald, während Eichen und Buchen nicht so häufig sind.

Nach dem Fällen von Nadelbäumen ließ man in vergangenen Zeiten das Reisig nicht einfach im Wald liegen. Die Äste putzte man aus, man befreite sie vom feineren Reisig, und verwendete sie dann als sogenannte „Backprügel“. Damit beheizte man die Backhäuschen, wenn man Brot gebacken hat. Die „Backprügel“ gaben eine große Hitze und hielten lang vor.

Auch das dünne Reisig beließ man nicht im Wald. Man nahm es mit nach Hause und bewahrte es in der Scheune oder unterm Dach auf. Auf den Höfen gab meist einen alten Knecht, der nicht mehr so gut arbeiten konnte. Da er aber „seiner Lebtag“ auf dem Hof geschafft hatte, konnte ihn der Bauer im Alter nicht einfach entlassen. Die Aufgabe solch eines alten Knechtes war es nun, das Reisig kleinzuhacken.

 
 

Das zerkleinerte Reisig verwendete man dann als Streu im Stall. Darauf konnten sich die Kühe legen, und der Kot der Tiere wurde von der Streu gebunden. Nach dem Säubern des Stalls kam sie auf die Miste und wurde dann als Dünger auf die Felder ausgebracht. „Holz macht den Acker stolz“, sagte man früher. Das Reisig braucht zwar etwas länger, bis es zur Erde wird, aber es gibt einen guten Dünger. Man sagte auch: „Stroh macht den Acker froh, Laub macht den Acker taub.“ Stroh jedoch war in unserer waldreichen Gegend zu schade zum Einstreuen. Man häckselte es in der Futterschneidemaschine klein und mischte es als Futter unter das Heu.

Das Kleinhacken des Reisigs nannte man „Becken“ und den Knecht, der diese Arbeit verrichtete, hieß man „Streubecker“. Sein Arbeitsgerät, ein geschmiedetes Flachbeil von etwa 35 Zentimetern Länge, mit dem er das Reisig auf einem Holzklotz zerkleinerte, wurde ebenfalls „Streubecker“ genannt. Am oberen Ende des Flachbeils befand sich ein Haken. Mit ihm konnte der alte Knecht das unbearbeitete Reisig, das am Boden lag, bequem zu sich holen, ohne aufstehen oder sich zu sehr bücken zu müssen.

Was hat es nun aber auf sich mit dem Sprichwort: „Ein Streubecker kommt nicht in den Himmel?“ Hans Brucklacher schmunzelt und gibt zu, dass ihm das auch lange unverständlich war. Dann aber hat ihm jemand die Erklärung geliefert: Ein „Streubecker“ hatte pro Woche sein Pensum an Reisig zu verarbeiten. Wenn er, was immer wieder vorkam, bis zum Samstagabend nicht fertig wurde, hatte er die Arbeit eben am Sonntag zu verrichten. So konnte er nicht den Gottesdienst besuchen. Wer den Gottesdienst aber schwänzt, der konnte nach der Meinung der Altvorderen nicht in den Himmel kommen. Das Arbeitsgerät „Streubecker“ macht deutlich, wie stark sich die Bedingungen in der Landwirtschaft und die Lebensweise der Menschen im Lauf der Zeit verändert haben. Das damit verbundene Sprichwort zeigt auch, wie sich die Einstellung zum Gottesdienstbesuch gewandelt hat.
 

Sommerserie

Konzept Pfarrer Andreas Balko hat zusammen mit dem zwischenzeitlich 82-jährigen Hans Brucklacher ein Videoprojekt gestartet. Meter um Meter lässt er sich von dem profunden Heimatkundler die Gegenstände erklären und nimmt dabei alles auf Video in vierfacher Full-HD-Auflösung auf. So soll der Wissensschatz für die Zukunft gesichert werden.

Die diesjährige Sommerserie greift jeweils samstags einen Gegenstand aus den Oberroter Heimatstuben heraus und erklärt ihn. Grundlage sind die Erläuterungen von Hans Brucklacher.

In der Onlineausgabe der Rundschau finden sich jeweils Links zu Filmaufnahmen, die Balko zusammen mit dem Oberroter Heimatkundler gedreht hat.