Nicht die Absicht trennt den Mord vom Totschlag, sondern die Haltung des Täters. Heimtücke, niedrige Beweggründe, Grausamkeit machen den Unterschied. Für Mord gibt’s die Höchststrafe lebenslänglich; für Totschlag fünf bis 15 Jahre Gefängnis. Beides gilt auch für den Versuch. Ein Gericht kann, muss aber nicht mildernde Umstände in Rechnung stellen.

Um diese Kann-Bestimmung geht’s auch in dem Prozess, der derzeit vor der Ersten Großen Jugendkammer am Landgericht Heilbronn verhandelt wird. Angeklagt sind fünf junge Männer im Alter von 21 bis 32 Jahren. Ihnen wird versuchter Mord vorgeworfen. Sie sollen einen anderen 21-Jährigen, mit dem zumindest einer von ihnen eng befreundet war, in ein Auto gelockt und zum Kieselberg bei Gaildorf gefahren haben, um ihm, der als Verräter galt, „Manieren beizubringen“.

Spuren werden verwischt

Das Opfer erlitt acht Messerstiche und sein Gesicht wurde zerschnitten – es überlebte nur knapp. Am Donnerstag und Freitag aber, dem zweiten und dritten Verhandlungstag, wird deutlich, dass die Angeklagten ihn bei minus acht Grad für tot im Wald liegen ließen. Keiner verständigte die Polizei oder holte Hilfe, keiner kehrte später zurück, um nach dem Opfer zu schauen.

Stattdessen wurden Spuren verwischt. Ein 22-Jähriger, dem die Messerattacke zur Last gelegt wird, sagt, er habe geduscht und dann seine Kleidung verbrannt. Ein 32-Jähriger, der, je nach Aussage, dazwischen gegangen sein oder das Opfer festgehalten haben soll, ging im Anschluss daheim seiner Tätigkeit als freier Tätowierer nach. Ein 21-Jähriger verschickte per Whatsapp ein Messersymbol, löschte es dann aber lieber wieder. Ein 27-Jähriger löschte alles: Nachrichten, Chatverläufe, Anruflisten – das mache er jeden Abend, sagt er.

Der 24-jährige „beste Freund“ des Opfers, der die Bestrafung ursprünglich gefordert hatte, distanziert sich: Er habe sich mit seinem Freund ausgesprochen, sich wieder vertragen, die Tat sei durch nichts zu rechtfertigen gewesen, sagt er. Wäre er nicht verhaftet worden, wäre er „in den nächsten Tagen sicher zur Polizei gegangen“.

Heirat in Untersuchungshaft

Die Erste Große Jugendkammer besteht aus drei hauptamtlichen Richtern und zwei Schöffen. Vorsitzender Richter ist Roland Kleinschroth, der keine Beschönigung und keine Lüge durchgehen lässt und jedem Widerspruch auf den Grund geht. Vor der Jugendkammer muss verhandelt werden, weil der 21-Jährige, der das Messersymbol verschickt hatte und auch als Fahrer fungierte, zur Tatzeit noch unter 21 Jahre alt war. Er hat vor kurzem in der Untersuchungshaft geheiratet, vor wenigen Tagen kam sein Sohn zur Welt. Seine Frau sitzt mit dem Säugling im Saal, in der Pause darf er ihn durch das Glas einer Absperrung anschauen.

Nicht alle äußern sich zur Person. Zwei ziehen es zunächst vor zu schweigen, lassen aber zu, dass der psychiatrische Sachverständige Dr. Thomas Heinrich ihre Lebens- und Drogenbiografien vorträgt. Die anderen stolpern mehr oder weniger eloquent durch mehr oder weniger brüchige Lebensläufe. Alle „zocken“ an der Playstation, trinken, kiffen und nehmen Speed, sagen aber, sie könnten in der Haft problemlos auf Drogen verzichten. Der junge Vater sagt, er nehme seit zwei Jahren keine Drogen mehr.

Das Opfer wird als Nebenkläger von dem Haller Anwalt Nikolaos Sakellariou vertreten. Er fordert für seinen Mandanten 50.000 Euro. Die Summe werde dem Martyrium, das der 21-Jährige erlitten habe, in keinster Weise gerecht, sagt er, sie sei aber realistisch. Die Angeklagten könnten die jeweils 10.000 Euro wohl aufbringen, wenn sie wollten. Es wäre, sagt Sakellariou, wenigstens ein Zeichen. Der Prozess wird am 16. August fortgesetzt.

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