Pipecrawler heißt das Wunderding, das derzeit auf einem Waldweg bei Winzenweiler durch den Wald kraucht.  Gut einen Kilometer hat das 120 Meter lange Monstrum seit August zurückgelegt und dabei  1,6 Meter starke Polyethylenrohre im Boden versenkt.  48 Meter schafft der Pipecrawler pro zehnstündiger Schicht. Wenn er weiterrutscht, hinterlässt er einen unberührt scheinenden Waldweg.

Parkschule Gaildorf Hingucker auf dem Schulhof

Gaildorf

Der Pipecrawler ist eine Eigen­entwicklung der Naturspeicher GmbH in Ulm, die bei der Firma Max Bögl in Sengenthal für den Bau des Gaildorfer Naturstromspeichers hergestellt wurde und mittlerweile auch patentiert ist. Offiziell wird der Name „PiPECrawler“ geschrieben; das PE verweist auf das Material Polyethylen. Allerdings könnten auch Stahlrohre damit verlegt werden, sagt Naturspeicher-Geschäftsführer Alexander Schechner. Die Maschine müsste dann aber gut doppelt so lang, also bis auf 240 Meter ausgelegt werden.

Erprobte Schweißtechnik

Bei seiner Jungfernfahrt in den Limpurger Bergen verlegt der Pipecrawler freilich PE-Rohre. Bei der Schweißeinheit der Verlegeplattform, wie das Gerät ursprünglich genannt wurde, handelt es sich um eine erprobte Technik. Ein „Schweißspiegel“ wird auf 210 Grad Celsius erhitzt und zwischen die Rohrenden geschoben, die zuvor von einem Parallelhobel plan geschnitten wurden. Wenn das Polyethylen die Temperatur angenommen hat, wird der Schweißspiegel herausgefahren und die Rohrenden werden mit kontrolliertem Druck aneinander gepresst.

Krümmungen und  Kurven

Die Verlegung selbst aber ist so noch nicht praktiziert worden. Das Verfahren „minimalinvasiv“ zu nennen, wäre zwar vermutlich etwas übertrieben, verglichen mit einer herkömmlichen Rohrverlegung aber ist der Eingriff des Pipecrawlers in Weg und Erdreich auf das Nötigste beschränkt: Es wird keine breite Grube ausgebaggert und es türmen sich auch keine Erdwälle am Wegrand auf. Sechs bis acht Meter breit ist die Fläche, auf der die Maschine arbeitet. Im klassischen Rohrleitungsbau, sagt Schechner, seien es bis zu 34 Meter.

Bildergalerie Schonender und günstig: Die neue Rohrverlegetechnik aus Gaildorf

Bei einer herkömmlichen Verlegung werden Vorbauwinkel, sogenannte Spreizer quer in den Graben gespannt, um ihn zu stabilisieren. Die Rohre können deshalb auch nur unter den Spreizern im Graben verschweißt werden. Der Pipecrawler erlaubt es, die Rohre über dem Graben zu verschweißen und erst dann zu versenken.  Die Spreizer kommen dabei nur anfangs zum Einsatz und werden dann durch sogenannte Portale ersetzt, zwischen denen ein neuartiges und flexibles Verbausystem den Graben stabilisiert. „Wir können damit rauf und runter und Kurven fahren“, sagt Alexander Schechner.

Zuletzt wird der Graben dann mit Flüssigboden aufgefüllt, den das Sandwerk Lang in Gschwend liefert. Dieser Bodenmörtel wurde zusammen mit Rüdiger Land eigens entwickelt. Für die sukzessive Verfüllung des Rohrgrabens, erklärt Naturstromspeicher-Bauleiter Johannes Kaltner bei einem Vorort-Termin, müssten Fließ- und Trockeneigenschaften des Mörtels genau eingestellt werden.

Die Verbindungstechnik zwischen den Portalen ist gewissermaßen das Herz des Patentes. Ein Jahr lang habe man quasi täglich zum Brainstorming gerufen, berichtete Schechner, Lösungen erwogen, verworfen, neu angefangen. „Das Ziel war uns klar“, sagt der Ingenieur, es sei durch die Anforderungen definiert, die sich durch den Bau des Naturstromspeichers ergeben. Aber: „Was wir wollten, gibt der Stand der Technik nicht her!“ Weitere zwei Jahre hat’s dann gedauert, bis die neue Technologie zur Anwendungsreife gelangt war.

Heimlich im Einsatz

Deshalb durfte der Pipecrawler bisher auch nur heimlich arbeiten. Denn die Idee wurde zum Patent angemeldet, und die Bestimmungen sind strikt: Patentiert werden Neuheiten, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat – würden Fotos und Beschreibungen vorab veröffentlicht, wäre das Patent gefährdet. Zwischenzeitlich hat das Deutsche Patent- und Markenamt das Patent erteilt.

Schechner ist überzeugt, dass der Pipecrawler die internationale Pipeline - Industrie verändern wird. Die Maschine sei deutlich schneller, arbeite für einen Bruchteil der bisherigen Kosten und reduziere den Eingriff in die Natur und das Gelände auf ein Minimum, erklärt er. Auf kilometerlange Schneisen könne man damit künftig verzichten.

Im Frühjahr wird der Pipecrawler ins Tal transportiert und neu aufgebaut. Von unten wird dann eine Fallleitung mit zwei Metern Durchmesser hinauf zu den Windrädern verlegt. Die Ecopipe ist eine eigens entwickelte Hochdruckleitung, die extremen Drck aushält. In der neuen Halle der Naturspeicher GmbH in Ulm soll im Januar mit der Produktion der Rohre begonnen werden.

Auch bei der Verlegung der Ecopipe wird der Pipecrawler wo möglich auf bestehenden Wegen krabbeln. Nur dort, wo der Weg eine nahezu 180-Grad-Kehre macht, muss eine Schneise geschlagen werden, weil die Radien nicht ausreichen. Merken wird man es auch: Auf dem Weg vom Pumpspeicherhaus in der Rotaue hinauf zu den Windrädern wird die B19 gekreuzt. Dafür ist dann eine Vollsperrung nötig.

Röhrenfracht und andere Innovationen


Ideen Für den Transport von Wasser ist die Druckleitung Ecopipe entwickelt worden. In Verbindung mit der neuen Verlegetechnik ergeben sich freilich neue Potenziale. Autonome Frachtfahrzeuge könnten durch die Röhre geschickt werden, sagt Naturstromspeicher-Geschäftsführer Alexander Schechner. An der technischen Machbarkeit und den finanziellen Vorteilen gebe es keine Zweifel.

Patente Der Pipecrawler ist nicht die einzige Innovation, die aus der Entwicklung und dem Bau des Naturstromspeichers hervorgegangen ist. Die Ecopipe wurde eigens für hohe Drücke und die Verlegung in Radien, also in Kurven, entwickelt. Auch der Wärmespeicher, der die Umgebungstemperatur eines Wasserbeckens energetisch nutzt, wurde patentiert und wird bereits vermarktet (wir haben berichtet). rif