Schon mit der Wiedergabe der ersten Töne aus dem „Sanctus“ von Felix Mendelssohns „Te Deum“ war klar, dass die Zuhörer in der Stadtkirche etwas Besonderes erwarten würde. Sehr nuanciert gestalteten die jungen Sängerinnen und Sänger dieses Stuttgarter Chores die Genese zu Beginn dieser Komposition: wie die Zahl der Stimmen mehr und mehr zunimmt.

Zu „Pleni sunt coeli“ breiteten die 34 Choristen unter der Leitung von Denis Rouger die Vielstimmigkeit des doppelchörigen Satzes klanggewaltig, aber stets um Klarheit bemüht, aus. Dass die Himmel voll sind ließ sich durch das Wandern kurzer Figurationen durch die Stimmen wunderbar nachvollziehen.

Nach der romantischen Klangpracht – orientiert an barocken Vorbildern – fand sich das Publikum mit Rudolf Mauersbergers „Wie liegt die Stadt so wüst“ sogleich in der Thematik des Konzerts wieder: Um Versöhnung sollte es gehen. Mauersbergers Komposition ist 1945 entstanden und bezieht den Text aus den Klageliedern Jeremiae auf die Situation in Dresden nach der Bombardierung.

Die in der ausgebrannten Kreuzkirche mit dem Kreuzchor unter der Leitung des Komponisten 1945 erstmals aufgeführte Trauermotette stimmte „Figure Humaine“ im gedeckten Ton an. Zu „Er hat ein Feuer aus der Höhe in meine Gebeine gesandt“ bricht er erstmals auf.

Süß und lieblich erklang die „Allerschönste“ der Städte, um in dumpfes Tönen zurückzufallen. Als Aufschrei war das „Warum willst du unser so gar vergessen“ zu hören, gefolgt von einem weiteren, noch ausdrucksstärker gesungenen „Siehe an mein Elend“, das schließlich in sich zusammensank. Als inniges Gebet mit Altistin Kathrin Schweizer als Solistin folgte Mauersbergers „Das Vaterunser“ als versöhnlicher Nachklang.

Großartig gelang dem Kammerchor Kurt Hessenbergs „O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens“. Nach einem anschwellenden und an Intensität zunehmendem Trösten, Verstehen und Lieben schien die Musik in dieser Wiedergabe zu „Und wer da stirbt“ gleichfalls zu ersterben, um dann zu „der erwacht zum ewigen Leben“ umso lebhafter zu klingen.

Schön geatmet erklang darauf Denis Rougers recht einfach schweifendes „Tantum ergo“ für Frauenchor. Für dieselbe Besetzung war auch „Ich sehe dich in tausend Bildern“, eine Vertonung eines Gedichts von Novalis. Zart gefühlvolle Momente waren zu „Maria, lieblich ausgedrückt“ oder zu „ein unnennbar süßer Himmel“ zu vernehmen. Schön wirkte das klangliche Verwehen des Traums.

Neben die tiefe Trauer von Mauersbergers „Wie liegt die Stadt so wüst“ trete versöhnlich Philippe Mazés jubelnde „Hymne“, heißt es im Programmtext. In der Tat war die Uraufführung dieses Chorwerkes in Anwesenheit des Komponisten ein fesselndes Erlebnis. Mazé hatte mit „Oh, Du, der Du über allem stehst“ einen Text eines frühen Orthodoxen, Grégoire de Naziance, gewählt.

Stehende Klänge eröffnen das Werk, von den Sängern am Samstagabend wunderbar als vielstimmige Frage formuliert. Wie ein sich ständig wiederholendes Mantra war später „Tous les êtres“ (Alle Wesen) zu hören, in dem Ausruf „Le désir universel“ (Das universelle Begehren) kulminierend und in sich bis zum „esprit céleste“ (himmlischer Geist) zusammensinkend. Am Ende stand ein wundervoll aufgelöster Klang.

Zwei weitere Stücke von Mazé waren dieser Uraufführung vorausgegangen: ein melismatisch schweifendes „Alleluia“ und – nur von den Männerstimmen intoniert – ein „Adoramus te“ als inniges, fassungsloses Anbeten und Verehren, leicht an die Grenzen der Tonalität reichend.

Frank Martins Messe für Doppelchor beschloss das Konzert. Zum „Kyrie“ ließen die Choristen die stimmliche Ausbreitung bis ins kraftvolle Tönen aufblühen. Leichte Klangpracht brachte das „Gloria“, aber auch Klagetöne zum „Miserere“. Geheimnisvoll zart wirkte das „Et incarnatus est“ im „Credo“, gefolgt von einem „Crucifixus“-Aufschrei und einem innigen „Passus et sepultus est“. Wie ein Schwarm an Tönen erschien danach das „Et resurrexit“, das Auferstehen.

Weniger festlich als staunend klang der „Sanctus“-Messabschnitt, bisweilen spannungsreich rhythmisiert. Die „Miserere“-Klage des „Agnus Dei“ mündete in ein in sich ruhendes, aber offen bleibendes „Dona nobis pacem“. Für den Kammerchor „Figure Humaine“, seinen Leiter Denis Rouger und den Komponisten Philippe Mazé gab es lang anhaltenden Beifall. Als Zugabe war Felix Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ zu hören.

Info


Der Kammerchor „Figure Humaine“ ist auch beim Eröffnungsgottesdienst des Kirchenmusikfestivals in Schwäbisch Gmünd am 13. Juli ab 18.30 Uhr im Heilig-Kreuz-Münster zu hören.