Fichtenberg Narciß und Ohnemus und 4177 Töne

Frisch aus dem Knast beziehungsweise der Haller Musikschule im ehemaligen Jugendgefängnis: Jürgen Ohnemus (Gitarre) und Jochen Narciß (Geige) in Fichtenberg.
Frisch aus dem Knast beziehungsweise der Haller Musikschule im ehemaligen Jugendgefängnis: Jürgen Ohnemus (Gitarre) und Jochen Narciß (Geige) in Fichtenberg. © Foto: Andreas Dehne
Fichtenberg / Andreas Dehne 13.06.2018
Das Schwäbisch Haller Duo Jailhouseclassics spielt in der musealen „Hirschgaß 5“ in Fichtenberg.

Es hat schon etwas Verwunschenes, wenn in dem historischen Ambiente des Privatmuseums von Renate und August „Gustl“ Wörner der Titel „Stairway to heaven“ gespielt wird. Denn die antiken Stufen des etwas versteckt liegenden Gebäudes machen durchaus den Eindruck, als wäre dereinst die Himmelsleiter aus ihnen gezimmert worden. Acht Schreinergenerationen hat das Gebäude erlebt, in dem heute eine eindrucksvolle private Sammlung die Einmaligkeit dieses Ensembles unterstreicht. Die Möbelmalereien entstanden zwischen 1664 und 1859.

Der Gitarrist Veet Jürgen Ohnemus und der Geiger Jochen Narciß-Sing haben sich an diesem Ort vor fast genau zwei Jahren zu einem außergewöhnlichen Kammermusik-Duo zusammengetan. „Man könnte frei nach Hesse sagen: Narciß und Ohnemus“, erklärt Narciß gleich zu Beginn des etwa zweistündigen Konzertes.

Unter dem Motto „Es lebe die Freiheit“ nehmen sich die beiden, in Anspielung an ihre Tätigkeit als Musiklehrer in der alten Haller Vollzugsanstalt (heute VHS und Musikschule) die Freiheit, sich schamlos genial zwischen den musikalischen Welten zu tummeln. Von Astor Piazzollas „Libertango“ geht es über Schubert und Isaac Albéniz zur „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Narciß-Sing fordert im Namen der fiktiven „IG Saiten“ eine angemessene Bezahlung für Musiker. Nach Tönen. „Wie viele Töne haben wir im letzten Lied gespielt?“, fragt er. Es waren 4177 Töne, 274 Vorzeichen und 180 Auflösungszeichen. „Die Auflösungszeichen schicken wir an die AFD-Fraktion im Bundestag.“

Sie spielen Piazzollas „Bordel“, Melodien aus „Schindlers Liste“ und eine ganz wunderbar gelungene Improvisation „über ein jüdisches Thema“. Beim letzten Konzert in Fichtenberg sind sie mit einem Kuchen überrascht worden, in den eine Eisenfeile eingebacken war. In diesem Jahr steckt ein Brecheisen drin.

Sie spielen die Zugaben. Mit Ukulele und Nasenflöte. Beethoven. Die Fünfte. Und natürlich: „Bei mir bist du schön.“ Unter großem Beifall der einzige vokale Beitrag des Abends. „Bei euch war es schön“, so das Resümee der beiden Protagonisten. Kurz und zutreffend.

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