Gschwend Garbenwagen ist gut beladen

Festlich geschmückt und überaus geduldige Umzugstars: Diana (links) und Don Juan aus Alfdorf-Brech ziehen den Garbenwagen zur Gschwender Kirche.
Festlich geschmückt und überaus geduldige Umzugstars: Diana (links) und Don Juan aus Alfdorf-Brech ziehen den Garbenwagen zur Gschwender Kirche. © Foto: Richard Färber
Gschwend / Richard Färber 06.08.2018
In Gschwend wurde am Samstag wieder der Garbenwagen zur Kirche gebracht. Der alte Erntedank-Brauch erinnert an das Hungerjahr 1816.

Einst hatte man sich nach der Sonne gesehnt, jetzt knallt sie gnadenlos vom Himmel. In Gschwend wurde am Samstag zum 201. Mal der Garbenwagen eingeholt, mit dem an die Hungersnot von 1816 erinnert wird. Der mittlerweile wohl nur noch in Gschwend gepflegte Brauch hat seinen Ursprung in einer globalen Klimakatastrophe. Ein Vulkanausbruch in Indonesien im Jahr 1815, bei dem 145 Milliarden Tonnen Asche in die Luft geschleudert wurden, führte zu  Dunkelheit, Dauerregen, Missernten, Hungersnöten, Flüchtlingsströmen.

Heuer setzt die Hitze der Ernte zu. Insbesondere im Norden und Osten Deutschlands belaufen sich die Ernteausfälle beim Getreide auf 50 Prozent und mehr. Der Ostalbkreis sei mit einem blauen Auge davongekommen, sagt Hubert Kucher, der Vorsitzende des Bauernverbandes Ostalb. Die Ausfälle beliefen sich auf maximal 30 Prozent bei der Wintergerste und 20 Prozent beim Weizen. „Wir hatten eine schlechtere Ernte erwartet.“

Kucher hat keine Zweifel: Die zunehmenden Wetterextreme haben ihre Ursachen im Klimawandel. Mittlerweile, sagt er, gerate die Landwirtschaft jedes Jahr in Stresssituationen. Man müsse umdenken, auch in der Landwirtschaft. Wichtig sei aber, dass Politik und Gesellschaft es der Landwirtschaft ermöglichen, angemessen zu wirtschaften.

Als das Getreide im Jahr 1817 wieder gedieh, wurde der erste Wagen mit Garben feierlich zur Gschwender Kirche gebracht. In diesem Jahr ist es der letzte: die Ernte ist eingefahren, als sich der Garbenwagen in der Gmünder Straße in Bewegung setzt.

Letzte Vorbereitungen

Dass er gut beladen ist, dafür sorgt seit 25 Jahren Gerhard Maier. 85 Jahre alt ist er mittlerweile, und aufhören will er erst, wenn er  nicht mehr kann. Wenn der Schobersche Roggen bei Seelach reif ist, dann aktiviert er sein Team, derzeit rund zehn Leute. Sie mähen den Roggen, rechen ihn zusammen, nehmen ihn mit Sicheln auf, binden und stapeln ihn, die Frucht nach innen, auf dem Wagen. „Alles wie früher, alles von Hand“, sagt Maier.

Am Tag vor dem Umzug trifft man sich dann bei Eckard Hägele in der Gmünder Straße: Kinder springen herum, Frauen der Kirchengemeinde binden die Girlanden, die über Nacht noch gewässert werden, die Konfirmanden binden eigene Garben, die sie beim Umzug tragen werden, wenn sie neben dem Wagen herlaufen.

Den Wagen stellt Jürgen Förstner aus Seelach, die Pferde werden seit einigen Jahren vom Hof Köngeter in Alfdorf-Brech gebracht. Sie heißen Diana und Don Juan und sind die pferdgewordene Gutmütigkeit. Werner Bohn, Hans Mantel und weitere Helfer kümmern sich um sie. Die Hitze mache den Tieren nichts aus, sagt Mantel. Außerdem gebe es kaum Bremsen.

Kurz nach 14 Uhr zieht der Garbenwagen am Samstag durch die gesperrten Straßen in Richtung Kirche. Kindergartenkinder laufen mit, die Trachtengruppe, Pfarrer Jochen Baumann und die Konfirmanden. In der Welzheimer Straße vor der Kirche wartet der Musikverein – im Schatten, wie die meisten der zahlreichen Besucher. Frieder Geiger dirigiert Choräle, bei „Nun danket alle Gott“ verschwindet die Sonne hinter einer Wolke, allerdings nur kurz. Anschließend füllt sich die einigermaßen kühle Kirche bis auf den letzten Platz.

Gespräch unter Bauern

Die Kinder des Buschberg-Kindergartens singen die ersten Strophen von „Geh aus mein Herz und suche Freud“ – es ist das Lied dieses Gottesdienstes, die weiteren Strophen werden von den Besuchern gesungen, dazwischen singt der Kirchenchor. Eine szenische Einspielung, eigentlich ein Gespräch unter Bauern, und auch die Predigt erinnern an Noah, an das Versprechen Gottes, „so lange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“. Und an die Verantwortung des Menschen der Schöpfung und seinen Mitgeschöpfen gegenüber. Eigentlich, heißt es im Gespräch der Bauern, „ist der Garbenwagen immer noch aktuell“.

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