Virtuos und ästhetisch interpretieren sechs Asiatinnen und ein jugendlicher Türke in Topform Kompositionen von der Klassik über die Romantik bis zum Beginn der Moderne. Sie gestalten das Gala-Abschlusskonzert der 19. Internationalen Klavierakademie.

Mit minuziösem Anschlag bietet Asami Inakagata den ersten Satz Allegro assai dar aus Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nummer 23 f-Moll Opus 57, genannt „Appassionata“. Ein pochendes „Schicksalsmotiv“ vermittelt eine düster-pessimistische Grundstimmung, der eine optimistische Melodie entgegensteht. Feinsinnig arbeitet die japanische Pianistin die Kontraste heraus und bringt die Fülle der Gestaltungselemente zur Geltung.

Detailgenau trägt Emir Ilgen die „Variations sérieuses“ d-Moll Opus 54 vor, eines der Hauptwerke für Klavier von Felix Mendelssohn Bartholdy. Stimmungsvoll entfaltet der 15-jährige türkische Pianist das ernste, harmonisch und rhythmisch knifflige Thema mit einer Melodie in seufzenden Synkopen über einer choralartigen Akkordfolge. Nuancenreich stellt er unterschiedliche Charaktere und Stimmungen, Melodien und Figurationen, Tempi und Rhythmen der 17 dramaturgisch aufgebauten Variationen dar.

Filigran und melodiös

Präzise und mit Spielfreude arbeitet Miku Arizono die starken Kontraste heraus in Franz Liszts Ballade Nummer 2 in h-Moll, Searle-Verzeichnis 171. Impulsiv bringt die Japanerin das düster-verhängnisvoll wirkende chromatische Hauptthema zum Ausdruck. Filigran und melodiös stellt sie diesem das lieblich-idyllische Nebenthema gegenüber.

Ein sinfonisch-orchestrales Klangfarben-Panorama entfaltet Suryeon Noh in Robert Schumanns Symphonischen Etüden Opus 13. Mit variantenreichem Anschlag bietet die südkoreanische Pianistin das pathetisch-feierliche Thema dar. Stilvoll gestaltet sie das breite Spektrum der Melodien, Harmonien, Rhythmen und Emotionen mit vielschichtigen Figuren, Formen und Strukturen, die von ätherisch zarten Momenten bis zum glanzvoll-dramatischen Finale reichen.

Elegant und strahlend präsentiert Albertina Eunju Song Felix Mendelssohn Bartholdys Rondo capriccioso Opus 14 als Ohrenschmeichler. Tänzerisch beschwingt durchläuft die ebenfalls aus Südkorea stammende Profi-Pianistin einen Parcours komplexer pianistischer Effekte vom verzückten Schwung zu Beginn über das schnelle Thema bis zu virtuosen Oktavgängen und Läufen, gebrochenen Akkorden und Verzierungen aller Art.

Ein Hörgenuss sind die ersten sechs fantasievollen Kleinodien aus Alexander Skrjabins Zyklus 24 Préludes Opus 11. Die Tasten streichelnd, arbeitet Yiran Wu vollendet die vielfältigen Details der von Frédéric Chopin inspirierten Frühwerke heraus. Jedes Prélude (1. Vivace, 2. Allegretto, 3. Vivo, 4. Lento, 5. Andante cantabile, 6. Allegro) ist eine eigenständige kleine Komposition in impressionistischer Tonsprache und wirkt wie ein vielfarbig schillerndes Mosaik verschiedenartiger Elemente und Charaktere.

Vergnügt über die Tasten

Zum Abschluss lässt Hyelee Kang ihre Finger vergnügt über die Tasten tanzen. Mit Verve trägt die südkoreanische Pianistin drei melodisch und harmonisch attraktive Werke von Frédéric Chopin vor. Schwungvoll und verspielt bringt sie den Walzer As-Dur Opus 42 zur Geltung. Schwermütig, mystisch und liedhaft lässt sie die Nocturne Nummer 13 c-Moll Opus 48 Nummer 1 erklingen. Und in der temperamentvollen Polonaise As-Dur Opus 53 mit virtuosen Elementen vermittelt Kang die Atmosphäre eines glanzvollen höfischen Festes.

Die Mitwirkenden machen jedes Tonkunstwerk vor der großen Hörerschar in der Festhalle zum Hörerlebnis und heimsen enthusiastischen Beifall ein. So fällt die Wahl des Lieblingspianisten und Publikumspreisträgers schwer. Schließlich gibt Klavierakademie-Vorsitzender Professor Felix Gottlieb bekannt, dass Hyelee Kang den mit 300 Euro dotierten Publikumspreis gewonnen hat. „Eigentlich hätten alle diesen Preis verdient“, sagt Werner Schamberger, was die meisten Zuhörer denken.

„Mir war klar, dass die Pianistin gewinnen wird, die diese Glanzstücke von Chopin vorträgt“, meint Edith Heise. Felix Gottlieb zieht auch im Namen seiner Professoren-Kollegen Elena Margolina-Hait und Gerald Fauth eine positive Bilanz des 19. Meisterkurses: „Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung jedes Teilnehmers, da alle sehr engagiert gearbeitet und schöne Fortschritte gemacht haben.“

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