Fichtenberg / Richard Färber  Uhr
Zu groß? Zu wuchtig? Zu dominant? In Mittelrot wird über ein geplantes Mehrfamilienhaus diskutiert. Landwirte fürchten, dass es zu Konflikten kommen wird. Einen Bebauungsplan gibt es nicht.

Im Baurecht tritt eines der großen Mysterien der Gemeinderatsarbeit zutage: Warum muss man überhaupt noch zustimmen, wenn ohnehin das Landratsamt entscheidet? Die Frage stellt sich nie, wenn man sich einig ist. Sie drängt sich aber geradezu auf, wenn ein Dissens droht wie jetzt in Mittelrot, wo an zentraler Stelle ein Mehrfamilienhaus geplant ist. Weil es keinen Bebauungsplan gibt, entscheidet das Kreisplanungsamt, was dort möglich ist und was nicht.

Am Freitag wird der Fall, der auch schon in der Teilortsversammlung Wellen schlug, im Fichtenberger Gemeinderat verhandelt. Im Zuschauerraum sitzt, zwischendrin recht fuchtig, Monika Amann aus Mittelrot. Die Gepflogenheiten solcher Sitzungen müsste die ehemalige Gemeinderätin eigentlich draufhaben, vergisst sie aber im Eifer des Gefechts, ruft dazwischen und verlässt auch mal zornig den Saal, kommt dann aber, einigermaßen abgekühlt, wieder zurück.

Die Biobäuerin fürchtet, dass es zu Konflikten zwischen Landwirtschaft und den Bewohnern kommen könnte: Unmittelbar hinter dem künftigen Gebäude befindet sich eine Viehweide. Sie argumentiert aber auch ästhetisch: Das Sechsfamilienhaus mit acht Stellplätzen in einer Tiefgarage werde sich mit seinen 12,6 Metern „Giebelhöhe“ nicht in die Umgebung fügen, sagt sie, das Ortsbild werde „überdehnt“. Amann hat deswegen Unterschriften gesammelt, in Mittelrot und in Fichtenberg. 46 Leute sehen es ähnlich wie sie und haben unterschrieben – „an einem Tag“.

Die Bauherrin versteht die Aufregung nicht. „Wer nach Mittelrot zieht, weiß, dass es dort Landwirtschaft gibt“, sagt Susanne Retter von der Firma Retter Immobilien. Sie hat auch das neue Einfamilienhaus an der Ecke Fichtenberger Straße/Michelbächlestraße errichtet, neben dem nun das Mehrfamilienhaus gebaut werden soll. Bei den Grundstücken handle es sich um seit Langem klaffende Baulücken, es sei ja im Interesse der Gemeinde, wenn sie geschlossen würden.

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Zu wenig Informationen über das Gebäude erhalten

In diesem Punkt ist auch der Gemeinderat mit ihr einig. „Dass Baulücken geschlossen werden, müssen wir alle wollen“, sagt Jörg Weckler von der Unabhängigen Wählervereinigung und erhält dafür auch die uneingeschränkte Zustimmung der Demokratischen Wählervereinigung. Weckler findet aber auch, dass Amanns Bedenken berechtigt sein könnten. Es seien zu viele Fragen offen, sagt er, man habe zu wenig Informationen erhalten – die Höhe eines Bauwerkes allein, so Weckler, sage ja nichts über seine Gestalt und seine Wirkung aus.

Details werden ins Feld geführt: fehlende Stellflächen, ein Spielplatz, der möglicherweise zu nahe an der Straße liegt, ungenaue perspektivische Darstellungen, die keine abschließende Bewertung erlauben würden – als würde der Landkreis reinweg alles genehmigen, was ihm vor die Nase kommt, wenn’s nur den Mittelrotern nicht gefällt. Und immer wieder ploppt die Grundsatzfrage auf: Wenn der Gemeinderat nicht entscheiden darf, warum wird er dann überhaupt gefragt?

Amann mischt sich ein, wirft dem Bürgermeister vor, die Sache „durchpeitschen“ zu wollen, und fordert die Gemeinderäte auf, ihre Zustimmung zu verweigern: „Ich verstehe nicht, warum der Gemeinderat nicht einfach Nein sagt. Probiert’s doch mal!“

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Für eine Mehrheit reicht’s

Klaus Wohlfarth macht der Diskussion dann ein Ende: Er verstehe die ganze Aufregung nicht, sagt er. Die Bedenken sowohl von Monika Amann als auch von den Gemeinderäten würden ja wohl zur Bewertung ans Kreisplanungsamt weitergegeben, und insofern seien Anwohner und Gemeinderat doch nicht ganz ohne Einfluss. Bianca Weiss, Waltraut Wiegand, Horst Kleinknecht und Wolfgang Fritz lassen sich gleichwohl nicht überzeugen. Sie verweigern dem Vorhaben ihr Einvernehmen. Für eine Mehrheit aber reicht’s.

Wie das Gebäude aussehen wird, erfährt man an diesem Abend nicht: Bilder werden nicht gezeigt und die Retter-Home­page enthält nur ein paar dürre Daten. Dass es wegen seines Aussehens durchfallen wird, hält Günther Scheuermann allerdings für unwahrscheinlich. Der Architekt hat das Gebäude geplant und findet, dass es sich mit seinem versetzten Pultdach prima ins Mittelroter Gesamtbild einfügen wird. „Das sieht gut aus“, sagt Scheuermann, „tadellos“, und das Landratsamt habe auch schon sein Gefallen signalisiert.

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