Kirchenkonzert Mit großem Gespür

Die Gaildorfer Kantorei setzt mit der Aufführung der „Via Crucis“ von Franz Liszt einen anspruchsvollen musikalischen Akzent.
Die Gaildorfer Kantorei setzt mit der Aufführung der „Via Crucis“ von Franz Liszt einen anspruchsvollen musikalischen Akzent. © Foto: Rainer Kollmer
Gaildorf / Rainer Kollmer 03.04.2018

Die Gaildorfer Kantorei unter Leitung von Manfred Probst ließ sich am Karfreitag auf ein dreifaches Wagnis ein. Nachdem Bezirkskantorin Mirjam Scheider aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig ausfiel, war ihr renommierter Vorgänger nochmals ans Dirigentenpult getreten. Ein weiterer Wagnis-Boden war bereits mit der Einladung zum Projektsingen eingezogen worden. Projekte haben nur begrenzte Dauer. Sie sind für Chorbegeisterte überschaubare Möglichkeiten zum Ausprobieren. Die Sängerinnen und Sänger der Kantorei hatten damit aber wenig Zeit, sich zu einem homogenen Klangkörper zu entwickeln. In dieser durchaus schwierigen Gemengelage boten Organist Peter Schleicher und das Athos-Ensemble mit den fünf Vokalsolisten Angelika Lenter und Katharina Müller (1. und 2. Sopran), Desireé Ganter (Alt) sowie Christian Dahm und Bertram Ganz (Bariton und Bass) ausgezeichnete professionelle Unterstützung.

Die dritte und größte Herausforderung bestand in der anspruchsvollen Umsetzung der 14 Stationen des Kreuzwegs („Via Crucis“) von Franz Liszt. Der 1886 verstorbene Komponist hatte das Werk etwa zehn Jahre zuvor komponiert. Es wurde jedoch erst 1929 uraufgeführt. Vor über hundert Jahren muss die Komposition für tonal verwöhnte Ohren noch eine exotische Zumutung gewesen sein.

Liszt, seinerzeit bewunderter Virtuose auf dem Tasteninstrument, hatte der Orgel als Solo-Instrument eine dominante Rolle gegeben. Peter Schleicher verstand es, sie mit wohl bemessenem Duktus und verhaltener Registrierung vollkommen mit dem Gesamtklang von Chor und Vokalensemble zu verschmelzen. So waren zum Beispiel bei der Begegnung von Jesus mit seiner Mutter (Station vier) unter die Melodie aus unvermittelt entstehenden Intervallen nur knapp angedeutete Akkorde beigefügt. Das von Liszt thematisch angelegte Klagemotiv verwandelte sich mit dieser Interpretation in ein ergreifendes Leidensmotiv.

Einstimmig, aber nicht einfach

Der gut besetzte Chor hatte anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen. Mehrere Teile hatten zwar einstimmige Stimmführung. Sie waren jedoch nicht einfach. Einerseits musste Manfred Probst auf der oberen Empore mit sorgfältig platzierten Einsätzen die notwendige Homogenität herstellen – bei der „trockenen“ Raumakustik eine wesentliche Herausforderung. Andererseits mussten sich die Stimmen mit teilweise weiten und halbtönig angelegten Intervallen oder sperrigen harmonischen Rückungen auseinander setzen. Bei der Grablegung (Station 14) wurde dies besonders deutlich. Hinter den selbstvergessenen Monologen der Orgel entwickelten die Sängerinnen und Sänger ihre eigene Intonation mit großem Gespür für das dramatische Thema und den Chorklang.

Die Solisten des Karlsruher Athos-Ensembles ergänzten das dialogische Prinzip der musikalischen Kreuzwegdarstellung in idealer Weise. Vor allem die drei Frauenstimmen waren ausgezeichnet aufeinander abgestimmt. Sie zogen bei den Stationen drei, sieben und neun („Jesus fällt“) in einem ungekünstelten Kirchenton einen markanten roten Terzett-Faden in das düstere Klanggewebe der Komposition. Zusätzlich füllten Bertram Ganz und Christian Dahm das solistische Gesamtbild mit markanten, aber dennoch subtil angelegten Intonationen sorgfältig aus.

Zwei weitere Dialogpartner führten bei der einstündigen Aufführung in der voll besetzten Stadtkirche ein interessantes Zwiegespräch. Vor dem Altarraum wurden zur Illustration zurückhaltend kolorierte Holzschnitte von Andreas Felger projiziert. Die eindrucksvollen Abbildungen verlangten aufmerksame, meditative Betrachtung. Dekan Uwe Altenmüller ergänzte die Eindrücke durch mehrere, teilweise provozierende Texte zum Kreuzwegthema. Feststellungen, dass das Leben manchmal eine Zumutung sei oder die Frage, wie wir mit Gestrauchelten umgehen, verwandelten die musikalisch und optisch bedrückende Sprachlosigkeit der Aufführung in einprägsame und bedenkenswerte Worte zum Karfreitag.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel