Geschichte Mit dem „Opernball“ in eine neue Kino-Ära

Von Klaus Michael Oßwald 22.08.2017
Nach einem außerordentlich guten Jahr 1947 mit Besucherzahlen in fünfstelliger Höhe zog das Gaildorfer Kino um. 1948 wurden aus dem „Union-Theater“ die „Sonnenlichtspiele“.

Eine echte Sensation war die offizielle Neueröffnung des Gaildorfer Kinos „Union-Theater“ am 1. August 1947. In den ersten vier Monaten wurden insgesamt 22 Filme gezeigt – und sage und schreibe 27 074 Besucher gezählt. Diese Zahlen sind nicht etwa einer offiziellen Statistik entnommen, sondern Akten der Stadt, die darüber Auskunft geben, was das Unternehmen von Kinoinhaberin Emma Mack an Vergnügungssteuer abzuführen hatte.

Saal mit 191 Sitzplätzen

Das zunächst im Saal des (1995 abgebrochenen) Gasthofes „Post-Krone“ am Marktplatz untergebrachte Lichtspieltheater konnte 191 Besucher fassen. Bei manchen Vorstellungen – etwa Sondervorführungen an Sonntagnachmittagen – sollen auch schon mehr als 250 Menschen gezählt worden sein, die sich in den Saal zwängten.

Der Heimatforscher Hans König konnte anhand der Steuerakten auch ermitteln, welche Filme seinerzeit am erfolgreichsten waren und am meisten Geld eingespielt haben: Die Nummer  eins war das Drama „Damals“ (1943) mit Zarah Leander, die eine Mordverdächtige spielte, mit 1872 Besuchern. Danach rangierte „Meine Freundin Josefine“ (1942) mit Hilde Krahl und Paul Hubschmid. Diese Komödie sahen 1722 Kinogänger. Auf Platz drei rangierte „Ein Mann mit Grundsätzen“ (1943). Der Streifen mit Hans Söhnker und Elfie Mayerhofer lockte  1658 Filmfreunde in die „Post-Krone“.

Von den Einnahmen blieb der Kinomacherin Emma Mack weniger als die Hälfte: Der Sperrsitz brachte 1947 mit 1,40 Reichsmark am meisten ein. In der ungeliebten ersten Reihe, in der mancher Kinogast einen „steifen Hals“ bekam, kostete ein Platz dennoch 1,10 Reichsmark, in Reihe zwei hingegen nur 1 Reichsmark. Von allen Einnahmen musste das Kino 15 Prozent Vergnügungssteuer abführen, bis zu 50 Prozent waren an den Filmverleih zu entrichten.

Emma Mack musste sich damals ganz gehörig anstrengen, um erfolgreich zu sein. Dieser Tatsache war sie sich wohl bewusst – und sie stand bis zuletzt ihre Frau: Hartnäckige Verhandlungen mit den maßgeblichen Verleihagenturen waren an der Tagesordnung. Dabei ging es auch und gerade in einem gnadenlosen Wettlauf gegen die Zeit um möglichst frühe Vorführtermine, die letztlich über Erfolg und Misserfolg eines Kinos entschieden.

Umzug in die einstige „Sonne“

Kontakte innerhalb der Branche waren enorm wichtig. Einer sollte für Emma Mack besonders nachhaltig sein: Der gebürtige Königsberger Kaufmannssohn Heiner Langanke war nach dem Krieg in Diensten der Union-Filmverleih engagiert, zuletzt als Regionalleiter für Süddeutschland. In dieser Funktion war er regelmäßig auch in Gaildorf auf Arbeitsbesuch, lernte 1951 Emma Mack kennen und lieben. Später wurde geheiratet.

Das war in einer Zeit, als das Kino nicht mehr in der „Post-Krone“, sondern in einem neuen Domizil in der Karlstraße untergebracht war: im einstigen, bereits 1916 geschlossenen Hotel-Gasthof „Zur Sonne“, an der Einmündung der Schmiedstraße gelegen. Dort waren zuletzt Büroräume der Stadtverwaltung eingerichtet und seit 1941 die Stadtbücherei untergebracht. Für Unternehmerin Mack hatte sich mit Blick auf die geschichtsträchtige Immobilie eine Namensänderung angeboten. Und so waren aus dem „Union-Theater Gaildorf“ die „Sonnenlichtspiele“ geworden.

Vom Wechsel zeugt eine der wenigen noch erhaltenen Einladungskarten, die Emma Mack „zur Eröffnungs-Vorstellung meines neuen Theaters am Samstag, 18. September 1948“ versandt hatte. Damals, bereits um 17 Uhr, wurde mit der Operettenverfilmung „Opernball“ aus dem Jahr 1939 mit Marte Harell, Paul Hörbiger und Theo Lingen in den Hauptrollen Premiere gefeiert. Noch war das Kino mit einfachen, unbequemen Holzstühlen ausgestattet, die Filme wurden auf einer betagten Koffermaschine abgespielt, die Vorführungen durch lange Pausen beim Spulenwechsel unterbrochen. Das sollte sich bald ändern.

Info In unserer Serie, die am Donnerstag fortgesetzt wird, steht das Lebenswerk der „Kino-Familie“ Langanke im Mittelpunkt. Im dritten Teil geht es um den Umbau der Sonnenlichtspiele und den Überlebenskampf des Kinos.