Gschwend Mehr als die Stimme von "Doof"

Gschwend / HANS KÖNIG KLAUS MICHAEL OSSWALD 18.06.2015
Wer an Stan Laurel denkt, erinnert sich schnell an den schusseligen Partner Oliver Hardys in den "Dick & Doof"-Filmen. Und an die hohe nasale Stimme. Die jedoch gehörte dem Wahl-Gschwender Walter Bluhm.

Es muss an einem Samstag in den frühen 1970er-Jahren gewesen sein, als Hans Georg Frank, heute Heilbronn-Korrespondent der Südwest Presse, in der Metzgerei Hirth im heimischen Gschwend seinen Ohren nicht traute. Neben ihm bestellte ein Mann Wurst und Fleisch mit einer derart näselnden Stimme, die ihn sofort an Stan Laurel erinnerte, den "Doof" aus seiner Lieblingsserie "Dick & Doof", die seinerzeit freitagabends im Fernsehen lief. "Ich dachte natürlich zunächst an einen Witzbold, der ganz genau so sprechen kann wie mein TV-Held", erinnerte sich Frank vor wenigen Jahren an diese etwas ungewöhnliche Begegnung.

Im Schwäbischen Wald neue Kraft geschöpft

Schnell stellte sich damals heraus: Es war tatsächlich die "echte" deutsche Synchronstimme des "Doof", die Frank aufhorchen ließ, und der vermeintliche Witzbold war niemand anderes als der bekannte Filmschauspieler und Synchronsprecher Walter Bluhm. Der war wenige Monate zuvor in den Gschwender Teilort Schlechtbach gezogen.

In den Jahren zuvor war Bluhm immer wieder in die Schlechtbacher Sägmühle gekommen, dorthin, wo sich seine Schauspielerkollegen Reinhold Köstlin und Albert Florath längst ein Refugium geschaffen hatten. Hier konnte er neue Kraft schöpfen für seine anstrengende Theater- und Filmarbeit.

Während nun Walter Bluhms künstlerisches Schaffen inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten ist, erinnert sich die Filmwelt in diesen Tagen gern an den Mann, dem er fast vier Jahrzehnte lang seine Stimme lieh - den Schauspieler Arthur Stanley Jefferson, der unter seinem Künstlernamen Stan Laurel Weltruhm erlangte. Am 16. Juni jährte sich Laurels Geburtstag zum 125. Mal. Gemeinsam mit seinem Partner Oliver Hardy verkörperte er das Duo "Dick & Doof", wobei Walter Bluhm fast sämtliche deutschen Film-Fassungen mit seiner hohen nasalen Stimme prägte.

Am 5. August 1907 wurde Walter Bluhm als Sohn des Buchhändlers Wilhelm Bluhm und dessen Ehefrau Cordula, geborene Mathieu, in Berlin-Neukölln geboren. Nach dem Besuch des dortigen Kaiser-Friedrich-Gymnasiums bewarb sich der 18-Jährige vergeblich an einer Schauspielschule und begann zunächst eine Lehre als Buchhändler. Max Reinhardt ermöglichte ihm schließlich die künstlerische Ausbildung und gab ihm 1924 als "Mohrenknabe" in Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" eine erste Rolle.

Nach einer Saison bei den Reinhardt-Bühnen schloss sich Walter Bluhm als jugendlicher Komiker der Württembergischen Wanderbühne an. Von 1926 bis 1928 am Landestheater Darmstadt und danach am Reussischen Theater in Gera, kehrte er 1930 nach Berlin zurück. Nach Engagements am Schillertheater wechselte der nun viel beschäftigte Charakterdarsteller 1935 an die Volksbühne. Sein Filmdebüt gab Bluhm 1934 als Junge in Robert A. Stemmles Komödie "Glückspilze". Boleslaw Barlog und Jürgen von Alten übertrugen ihm Rollen - keine Haupt-, sondern episodenhaft angelegte Nebenrollen. Am 31. März 1937 heiratete er Charlotte Hepprich (1908 - 2001).

Während des Zweiten Weltkriegs von 1939 bis 1945 Soldat, kehrte Bluhm im August 1945 im Theater am Schiffbauerdamm auf die Bühne zurück. Danach verpflichtete ihn Barlog an seine Theater, unter dessen Intendanz er ab 1952 auch am Schillertheater und am Schlosspark-Theater zu sehen war. Daneben widmete sich Bluhm beim Sender RIAS in Berlin intensiv dem Hörfunk.

Auch die Stimme von Mister Stringer und Numerobis

Walter Bluhm war berühmt für seine stille, unverwechselbare Komik. Doch nicht als Theatermensch, sondern mit seiner Filmstimme hat er die Zeiten überdauert. 1936 wählte ihn die Filmgesellschaft Metro Goldwyn Mayer als deutschen Synchronsprecher für Stan Laurel aus. Bluhm lieh dem berühmten Kollegen seine brüchig-melancholische Stimme. Während die Sprecher von "Dick" mehrmals wechselten, sprach er in mehr als 80 Filmen den "Doof". Den hielt Bluhm übrigens nie für einen dummen August, sondern eher für einen Philosophen: "Sein Humor ist einfach menschlich und unmissverständlich - er geht zu Herzen." Deshalb war er nie enttäuscht darüber, dass ihm seine "Doof"-Stimme mehr Berühmtheit einbrachte als seine Schauspielerei.

In den 1960er- und 1970er-Jahren zählte Walter Bluhm zu den meistbeschäftigten Synchronspezialisten Deutschlands. In fünf Kriminalfilmen ließ er beispielsweise Miss Marples (Margaret Rutherford) stets besorgten Vertrauten Mister Stringer (James Buckley Stringer Davis) zu Wort kommen. Unverkennbar Bluhms Spuren auch im Zeichentrickfilm "Asterix und Kleopatra": In diesem unterstreicht er mit seiner Stimme vortrefflich die immer wiederkehrende Verzweiflung des naiven wie glücklosen ägyptischen Möchtegern-Architekten Numerobis.

Seine eigene Filmtätigkeit blieb unterdessen auf mehr oder weniger profilierte Nebenrollen beschränkt. Im Fernsehen erhielt er 1963 seine Traumrolle als der armselige Büroschreiber in Nikolaj Gogols "Der Mantel". Die Fernsehserie "Theatergarderobe" musste 1970 nach sechs Folgen abgebrochen werden: Seine Partnerin Grethe Weiser war tödlich verunglückt.

Am 1. Dezember 1976 starb Walter Bluhm, ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz, an einer schweren Krankheit in einer Münchner Klinik. Seite Witwe lebte fortan zurückgezogen und bis ins hohe Alter in Schlechtbach.

Der Schauspieler Walter Bluhm vor der Kamera

Filme (Auswahl) Glückspilze; Das Fähnlein der sieben Aufrechten/Hermine und die sieben Aufrechten (1935); Der Biberpelz (1937); Der Maulkorb (1938); Brand im Ozean (1939); Seinerzeit zu meiner Zeit; Der grüne Salon (1944); Der Mann im Sattel (1945); Irgendwo in Berlin (1946); Berliner Ballade (1948); Die Buntkarierten (1949); Herr über Leben und Tod; Du darfst nicht länger schweigen; Die Ratten; Hotel Adlon; Das Sandmännchen; Alibi (1955); Du bist Musik; Ein Mann muß nicht immer schön sein; Liane, das Mädchen aus dem Urwald (1956); Petersburger Nächte (1958); Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes; Alt Heidelberg (1959); Liane, die Tochter des Dschungels (1961); Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse (1962); Mordnacht in Manhattan (1965); Unter den Dächern von St. Pauli (1970).

Fernsehen (Auswahl) Don Gil von den grünen Hosen (1964); Spätsommer (1966); Landarzt Dr. Brock: Automarder (1968); Kaddisch nach einem Lebenden (1969); Theatergarderobe (1970); Der rote Schal (1973); Wecken Sie Madame nicht auf; Autoverleih Pistulla: Die Flaschenpost (1974); Die Stadt im Tal (1975); Derrick: Kalkutta (1976).

SWP

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel