Letzte Mission in Kabul

HANS DEININGER KLAUS MICHAEL OSSWALD 21.12.2013
Heute jährt sich der Todestag des erfahrenen Hubschrauberpiloten Friedrich Deininger: Beim Anflug auf den Flughafen von Kabul stürzte die Maschine ab. Alle sieben Insassen starben. Ein Angehöriger erinnert sich.

Es war ein Tag wie heute, nur elf Jahre früher, der 21. Dezember 2002. Samstagabend gegen 17.30 Uhr, wir bereiteten uns vor auf die Weihnachtsfeier des Karate-Dojos Unterrot. Alle waren frohgelaunt, meine Frau, die Töchter und ich.

Da klingelte das Telefon. Wer mag wohl jetzt noch anrufen? Mein jüngerer Bruder Siegfried war am anderen Ende der Leitung. Er stammelte nur zwei Sätze, die ich fast nicht verstand: "Der Fritz ist tot. Er ist mit dem Hubschrauber in Kabul abgestürzt!"

Ich schrie: "Nein, nein!" Die Welt brach in Sekunden für mich zusammen. Meine Frau und die Töchter Jasmin und Verena kamen aufgeregt angerannt - was denn los sei? Ich brachte kaum etwas über die Lippen - nur so viel, dass der Fritz abgestürzt und wahrscheinlich tot sei . . .

Im Limpurger Land herrschte nach dem Absturz des Bundeswehr-Hubschraubers in Afghanistan, bei dem alle sieben Insassen ums Leben kamen, Trauer und Entsetzen: Pilot Friedrich Deininger, damals 53 Jahre alt, stammte aus Bröckingen.

Was der Tod eines engsten Angehörigen auslösen kann, ist nicht zu beschreiben. Wie eng liegen Freud und Leid zusammen!

Eine halbe Stunde später rief auch schon meine Schwägerin, die Frau meines Bruders Fritz an und erzählte es mir noch einmal: Beim Anflug auf den Flugplatz von Kabul sei sein Hubschrauber auf - zumindest aus damaliger Sicht - unerklärliche Weise abgestürzt, alle Insassen seien ums Leben gekommen!

Laut Bericht des britischen Majors Gordon Mackenzie, der das Unglück beobachtet hatte, schossen plötzlich Flammen aus dem Triebwerk, direkt unter den Rotor. Die Maschine sei dann wie ein Stein zu Boden gekracht. Für alle Insassen kam jede Hilfe zu spät. Über die Ursachen des Unglücks gab es widersprüchliche Aussagen. Der damalige Verteidigungsminister Peter Struck () schloss einen Abschuss aus.

Dann kamen Weihnachtsfeiertage, wie ich sie noch nie erlebt habe. Weihnachten, ein Fest der Freude und Fröhlichkeit - jetzt von Leid und Trauer!

Aufregende und stressige Tage waren angesagt: Überführung der Toten am zweiten Weihnachtsfeiertag, große Trauerfeier in Bonn, Beerdigung in Gutenzell, Trauerfeier bei den Heeresflieger in Laupheim.

Die RUNDSCHAU berichtete damals: "Friedrich Deininger, mit mehr als 6000 Flugstunden einer der erfahrensten Helikopter-Pilot des Heeresfliegerregiments 25 in Laupheim, war am Samstag gegen 12.15 Uhr mitteleuropäischer Zeit zusammen mit einem weiteren Piloten, zwei Technikern, zwei Schützen und einem Luftaufklärungs-Soldaten beim Absturz ihrer Maschine ums Leben gekommen. Die sieben Bundeswehrsoldaten hatten sich auf einem Routineflug östlich der afghanischen Hauptstadt Kabul befunden". Die Maschine - eine 30 Jahre alte Sikorsky CH-53 - war bereits auf dem Rückflug und nur noch zwei Kilometer vom Flughafen entfernt . . .

Dann kamen die Medien - Journalisten vieler Zeitungen und Fernsehsender. Alle wollten mich interviewen, weil ich mit Verteidigungsminister Peter Struck in Kontakt war. An ihn und einige Generäle habe ich kritische Fragen gerichtet. Ich konnte einfach nicht glauben, dass das Ganze ein tragischer Unfall war. Ich war damals und bin es heute noch der festen Überzeugung, dass eine andere Ursache den Hubschrauber zum Absturz brachte.

Hans Deininger hatte während der Trauerfeier Minister Struck das Versprechen abgenommen, an den Unglücksort in Afghanistan reisen zu dürfen. Struck hielt Wort: Hinterbliebene der sieben Besatzungsmitglieder sowie Angehörige der vier am 7. Juni 2002 bei einem Terroranschlag in Kabul getöteten Soldaten flogen mit der Bundeswehr auf Umwegen und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen nach Kabul. Ziel war auch ein Kinderkrankenhaus; für dieses hatte sich Fritz Deininger während seines Einsatzes besonders engagiert . . .

Die Reise war für mich sehr wichtig. Denn ich wollte den Unglücksort sehen und wissen, wofür und weshalb mein Bruder gestorben ist. Diese Reise war ein Deal mit Verteidigungsminister Struck . . .

Nach dem Absturz ist viel spekuliert worden über den Zustand der Bundeswehr-Ausrüstung bei Auslandseinsätzen. Darüber aber erfuhren die Hinterbliebenen keine Details mehr. Es blieben Zweifel: Vor seinem Tod hatte der besorgte Fritz Deininger das Fliegen mit den alten Helis, die er "Schrottmühlen" nannte, als ernstes Risiko bezeichnet.

Mit der Zeit lässt die Trauer nach, aber die Erinnerung bleibt immer. Es gibt Tage und Momente, da kommt es mir vor, als wäre all das erst gestern geschehen. Man liest vom Krieg in Afghanistan, von Verletzten und Toten . . . Oder man beobachtet einen Hubschrauber vom Typ CH-53, der gerade über Mittelbronn fliegt (wo Hans Deininger zu Hause ist) . . .

Heute ist der 21. Dezember, Weihnachten steht vor der Tür, und die Erinnerung ist wieder da!

Die ganze Tragik des Unglücks offenbart sich vor dem Hintergrund, dass Fritz Deininger kurzfristig für einen verhinderten Piloten eingesprungen war und seine für die Vorweihnachtszeit geplante, endgültige (!) Rückkehr aus Afghanistan auf den 28. Dezember verschoben hatte. Es wäre für ihn der letzte der ungezählten Auslandseinsätze gewesen. Im April 2003, kurz nach seinem 54. Geburtstag, wäre der Hauptmann in den Ruhestand verabschiedet worden. Auf den hatte sich der dreifache Familienvater richtig gefreut . . .

Info Mitte Dezember 2004 wurde das offizielle Untersuchungsergebnis veröffentlicht. Experten von Uni Stuttgart und Bundeswehr hatten die Trümmer begutachtet. Ihr Schluss: Wegen des "hohen Zerstörungsgrades" hätten sich die Recherchen schwierig gestaltet. Laut Prüfbericht soll eine "Wasserversprödung verschiedener Muttern", die Risse bekommen hätten, ausschlaggebend gewesen sein. Dadurch habe sich die Maschine nicht mehr steuern lassen. - Hans Deininger zweifelt bis heute an dieser Darstellung.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel