Gaildorf Laut, lästig und eine Gefahr für die Gesundheit

Gegen Lärm: Einige Straßenabschnitte der Gaildorfer Innenstadt könnten Tempo-30-Zonen werden.
Gegen Lärm: Einige Straßenabschnitte der Gaildorfer Innenstadt könnten Tempo-30-Zonen werden. © Foto: Schwerdtfeger Lars
Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 12.10.2018
Viele Gaildorfer leiden unter Lärm. Ein von der EU geforderter Aktionsplan soll nun Abhilfe schaffen. Angedacht sind Tempolimits entlang der Durchgangsstraßen in der Innenstadt.

Tausende von Gaildorfern leiden unter Lärm. Besonders betroffen sind diejenigen Bürger, die entlang der Durchgangsstraßen leben und die Auswirkungen des Straßenverkehrs ertragen müssen. Vielen drohen gar ernste Probleme: Sie sind tagsüber wie nachts einem Lärmpegel ausgesetzt, der als gesundheitsgefährdend eingestuft wird. Abhilfe könnten Tempolimits schaffen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Öhringer Büro BIT-Ingenieure ausgearbeitete Studie als Grundlage für den sogenannten Lärmaktionsplan. Der wird von der EU-Kommission per „Umgebungsrichtlinie“ – der Richtlinie mit der Nummer 2002/49 – gefordert.

Situation soll verbessert werden

Der Gemeinderat hatte sich damit bereits Ende April befasst, die Beteiligung der Bürger in die Wege geleitet und das von der EU formulierte Ziel unterstrichen: Es sollen die Lärmauswirkungen durch den Verkehr auf den Hauptverkehrsstraßen analysiert werden, um die Situation für die Einwohner zu verbessern.

Am Mittwochabend stand die aktualisierte Fassung des Planes zur Abstimmung. Manfred Schwarz vom Büro BIT erläuterte die wichtigsten Details. Unverändert hoch ist danach laut Lärmkartierung die Last, die viele Gaildorfer in der Kernstadt zu tragen haben: Auf einer Fläche von 1,1 Quadratkilometern leben 694 Bürger in 402 Wohnungen, die während des gesamten Tages einem Schalldruckpegel von mehr als 55 Dezibel ausgesetzt sind. Nachts, von 22 bis 6 Uhr, liegt die Zahl der akut Lärmgeplagten bei 480.

Viele Menschen hören „Rot“

Drastischer fällt die aktuelle Beurteilung aus: An 97 Wohngebäuden mit 655 Menschen wurden sogenannte Beurteilungspegel errechnet, die tagsüber bei 70, nachts bei 60 Dezibel liegen. Und nicht genug: An 60 Häusern werden Richtwerte von 73 beziehungsweise 63 erreicht, worunter 411 Einwohner leiden. Nach neueren Berechnungen liegt die Belastung sogar bei 74 beziehungsweise 67 Dezibel.

Die besonders Lärmgeplagten sind im Bereich der größten Lärmquellen daheim: entlang der Bundesstraße 19 (innerorts) von Kleinaltdorf bis Stadtmitte, der Bundesstraße 298 zwischen Kernstadt und Unterrot und der Landesstraße 1066 im Bereich der Schloßstraße. Die lautesten Wohnbereiche sind in den Kartenskizzen des Plans mit Orange und Rot markiert.Dort setzt der Aktionsplan auch an. Vorgeschlagen wird danach eine Reduzierung der zulässigen Geschwindigkeit auf Tempo 30 auf der B 19 im Stadtkern (ganztags) und auf der Schloßstraße (tagsüber). Dies würde, so Planer Manfred Schwarz, den Emissionspegel um rund 2,5 Dezibel reduzieren. Was auf den ersten Blick gering erscheint, bringt laut Schwarz jedoch eine (rechnerische) Lärmentlastung , „die sich bei der Halbierung des Verkehrsaufkommens einstellen würde.“ Und: Die Maßnahmen brächten ein Mehr an Sicherheit, besonders für Schüler und Kindergartenkinder.

Starke Zweifel äußerte FWV-Fraktionsvorsitzender Hein­rich Reh, nicht nur an der Begründung einzelner geplanter Maßnahmen. Tempolimits seien zwar „etwas Feines“, deren Einhaltung müsse jedoch laufend überwacht werden. Und weil es, wie Manfred Schwarz erläutert hatte, keinen Rechtsanspruch auf Umsetzung der Maßnahmen gebe, ist das laut Reh „kein Lärmaktionsplan, sondern Aktionismus.“ Er warnte auch davor, im Falle einer Umsetzung von Tempolimits auch die See-, Kerner- und Gartenstraße einzubeziehen, sonst werde diese Strecke erst recht zur Umgehungsstraße.

Skeptisch auch Bürgermeister Frank Zimmermann: Beschlossene Maßnahmen müssten an die Verkehrsbehörde beim Landratsamt übermittelt werden. Danach seien Verkehrsschauen üblich, „aber wir wissen nicht, was dabei rauskommt.“ Bei der Anordnung von Geschwindigkeitsbegrenzungen „wurde in der Vergangenheit Zurückhaltung geübt.“

Zweifel an der Wirkung von Tempo 30 äußerte CDU-Stadtrat Rainer Baumann unter Hinweis auf eine Studie der TU Wien: Bei Autos mit Schaltgetriebe führe das langsame Fahren mit niedrigem Gang zu mehr Lärm. Ferner steige durch verstärktes Bremsen die Feinstaubbelastung; schließlich führe das Ganze dann zu einer Verlagerung des Verkehrs.

Kritik am Gutachten

Auch SPD-Fraktionschefin Margarete John vermutet hinter der EU-Vorschrift Aktionismus – deshalb, weil der Aktionsplan „unverbindlich“ sei. Dennoch sieht sie Handlungsbedarf. Was die Lebensqualität in der Innenstadt anbelangt, spiele Lärm eine große Rolle, „auch mit Blick auf die Innenraumverdichtung.“

Bernhard Geißler, Sprecher der Offenen Liste, erinnere an seine im vergangenen Jahr geäußerte Kritik: Zu keiner Zeit und an keinem Ort seien tatsächliche Schallwerte gemessen worden. Die im Gutachten dargestellte „Realität“ existiere „nur als Berechnung.“ Niemand setze sich mit realen Schallereignissen auseinander. „Unter dem Gesichtspunkt exakten wissenschaftlichen Arbeitens erscheint mir diese Arbeitsweise wertlos.“ Kritik übte er daran, dass fast alle Anregungen von Bürgern nicht in die Planung eingearbeitet wurden.

Spontaner Kompromiss

Eine Mehrheit für den Plan war nicht in Sicht. Die Stadt müsse aber einen solchen nach Brüssel schicken, gab Rathauschef Zimmermann zu bedenken, sonst drohe ein Bußgeld. Was tun? Zimmermann empfahl die Bildung eines Ausschusses. Ratsmitglied Axel Spix (Offene Liste) riet dazu, „zähneknirschend“ zuzustimmen, „wir haben keine andere Wahl.“

CDU-Fraktionschef Matthias Rebel formulierte einen Kompromissvorschlag, der mit 17 Ja- und drei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen angenommen wurde: Tempo 30 dort einführen, „wo es sinnvoll ist und Sicherheit bringt.“ Also, von der Eugen-Heller-Straße bis zur Innenstadt, auf der Bahnhofstraße von der Einmündung der Graf-Pückler-Straße bis zur Karlstraße. Gegen die entsprechende Abänderung des Entwurfs stimmte Bernhard Geißler.

Nun haben Regierungspräsidium, Land und Bund das letzte Wort, was eine Umsetzung angeht.

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