Knapp zwei Stunden zog sich die Wahl des neuen Landrats für den Ostalbkreis in der Aalener Stadthalle am Dienstag hin. Dann stand fest: Am 12. September beginnt die Amtszeit von Joachim Bläse (die Amtseinsetzung findet im Rahmen der Kreistagssitzung am 15. September statt). Er folgt dem 67-jährigen Klaus Pavel nach, der seit 1996 das Amt des Landrats lang bekleidete und nun aus Altersgründen nicht mehr antrat.

Es war 15.18 Uhr, als Pavel den Tagesordnungspunkt 3 – die Wahl des Landrats – aufrief. Pavel erinnert dabei an seine Wahl zum Landrat vor 24 Jahren. Auch wenn er sich nicht mehr an alle Details erinnern könne: „Es war nicht so toll.“ Der Landrat erläuterte das Wahlprocedere. Jeder der Kandidaten hat eine Redezeit von maximal 15 Minuten. Drei Wahlgänge sind vorbereitet. „Wir haben auch Lose“, sagte Pavel. Dass es sich dabei nicht nur um eine theoretische Möglichkeit handelt, erlebte der Ostalbkreistag vor 24 Jahren. Klaus Pavel, Bürgermeister der Gemeinde Boll, und Karl Bux, Bürgermeister von Ellwangen, bewarben sich um die Nachfolge von Diethelm Winter. Bei der Wahl durch den Kreistag am 18. Juni 1996 erhielten Pavel und Bux stets jeweils 40 Stimmen. Nach dem dreimaligen Patt wurde ein Losentscheid fällig. Mit zitternder Hand zog die Kreisrätin Uschi Barth die Kapsel mit dem Namen von Pavel aus der „Trommel“.

Ostalbkreis

Fraktionen hatten sich im Vorfeld auf Joachim Bläse festgelegt

Am Dienstag rechnete wohl niemand damit, dass ein Losentscheid nötig sein könnte. Standen sich vor 24 Jahren mit CDU/Freie Wähler Frauen/Republikaner sowie SPD/Freie Wähler/Grüne zwei Blöcke gegenüber, so hatten sich diesmal die großen Fraktionen im Vorfeld schnell auf Bläse festgelegt. In seiner Bewerbungsrede unterstrich der Erste Bürgermeister der Stadt Gmünd, er wolle „kein Gmünder Landrat“ sein. Seine Themen: der demografische Wandel, Digitalisierung, Umbau der Wirtschaft, ÖPNV, Zuwanderung, Klimaschutz. Seine Ziele als Landrat: „Die Gemeinschaft zusammenzuhalten, nicht zu spalten. Zwischen den Akteuren zu moderieren, aber auch Führung zu übernehmen, wo es nötig ist.“ Bläse sprach in seiner Bewerbungsrede die Kreisräte immer wieder als „Kollegen“ an. Er verstehe sich als „Kind des Ostalbkreises“ wenn er sich nun aus „der Mitte des Kreistags“ heraus um das Amt des Landrats bewerbe. Im Sport nennt man dies „Heimvorteil“.

Doch Bläse blieb glaubwürdig. Vor zwei Jahren galt der CDU-Politiker als ein heißer Anwärter auf den Posten im Rems-Murr-Kreis. Er sagte ab. Bläse entschied sich für den Ostalbkreis, seine „Heimat“, wie er am Dienstag in seiner Rede nach der Wahl sagte.
Dagegen anzukommen war schwer – wie sich am Dienstag zeigte, sogar unmöglich. Volkmar Bauer hob auf zahlreiche Projekte ab, die er zum Erfolg geführt habe. Der 62-jährige Wirtschaftsförderer der Stadt Erfurt setzte auf den Wechsel: „Weiter so oder neue Impulse von außen.“ Diesem Vorschlag folgten am Ende nur zwei Kreisräte. Harald Reinhard, der dritte Bewerber, warb mit seiner kommunalpolitischen Erfahrung. Der frühere Bürgermeister von Buchenbach störte sich an den Absprachen: „Mir ist bekannt, dass Sie sich bereits vor Bewerbungsende auf einen Mitbewerber verständigt haben.“ Dies entspräche nicht seinem Verständnis von Demokratie. „Stellen Sie sich vor, Vereine verständigen sich schon im Vorfeld, wer gewinnt.“ Der Ausflug in die Welt des Sports verpuffte. Nur ein Kreisrat machte sein Kreuzchen bei Reinhard.

Ostalbkreis

Klaus Pavel bleibt bis zum 11. September im Amt

Die überwältigende Mehrheit der Kreisräte vertrat dagegen die Meinung, dass Joachim Bläse der beste Bewerber sei– 64 von 73 oder 88,9 Prozent. Mit feuchten Augen und seiner Frau Claudia an der Seite verfolgte Bläse die Verkündung des Ergebnisses. Die Kreisräte applaudierten im Stehen. „Genießen Sie den Applaus. So oft gibt es den in den nächsten Jahren nicht“, sagte Pavel schmunzelnd.

Um 17.15 Uhr schloss Pavel die Sitzung und mahnte: „Ich bitte Sie, den neuen Landrat nicht zu umarmen.“ Corona lässt grüßen. Pavel ist noch bis zum 11. September dafür zuständig, dass die Corona-Zahlen im Ostalbkreis nicht stark ansteigen. Ab dem 12. September ist es dann der neue Landrat Joachim Bläse.
Als Nachfolger in den Kreistag rückte Wendelin Schmid (Weiler) nach. Auch die Stadt Gmünd wird einen Nachfolger für Bläse suchen müssen. Der erste Schritt: Die Stelle des Ersten Bürgermeisters wird ausgeschrieben.

Joachim Bläse darf nicht für sich stimmen


Stimmrecht
Wahlberechtigt sind alle Mitglieder des Kreistags – ausgenommen „Befangene“. Befangen ist, wer kandidiert. Joachim Bläse wurde so als Wahlberechtigter gezählt, wurde aber als befangen ausgeschlossen.

Ohne Stimmrecht
Der Landrat darf – im Gegensatz zu Abstimmungen im Kreistag – kein Votum abgeben, da er kein Mitglied des Kreistages ist, sondern Vertreter der Verwaltung. So durfte auch Klaus Pavel nicht mit abstimmen.
Mehrheit
Gewählt ist, wer im ersten (evtl. zweiten) Wahlgang mehr als die Hälfte der Stimmen aller 73 Ostalb-Kreisräte erhält – gleich, wie viele anwesend oder befangen sind: Das sind mindestens 37.
Gewählt
72 Räte gaben ihre Stimme ab. Bläse (befangen und ausgeschlossen) erhielt 64 Stimmen, Volkmar Bauer zwei und Harald Reinhard eine Stimme. Fünf Stimmzettel waren ohne Kreuz, was „Nein“ bedeutet. jjs