Gaildorf Landes-Lehrer-Bigband BW macht im Kernersaal mächtig Druck

Gaildorf / RICHARD FÄRBER 13.04.2016
Sie hat sich nicht überlebt, die Musik der Bigbands, sie ist bloß kein "big business" mehr. Welches Groove-Potenzial solche Großformationen haben, zeigte am Samstag die Landes-Lehrer-Bigband im Kernersaal.

Mit "Strike up the band" von George Gershwin fangen sie an. Es ist einer der Einstiegsklassiker der Bigband-Literatur: Das Thema besteht aus aufsteigenden Harmonien und gegenläufigen Motiven, schön verteilt auf die Register, die Trompeten, die Posaunen und die Saxophone. 18 Musiker sitzen auf der Bühne, baden-württembergische Musiklehrer allesamt, also einigermaßen wohlsituiert, und strafen all jene Lügen, die noch an diesen blödsinnigen Jazzmythos glauben, wonach's für die musikalische Glaubwürdigkeit mindestens eine Ghettokindheit braucht.

Eine gute Ausbildung braucht's nämlich vor allem, ein tadelloses Gehör und eine Leidenschaft für diesen Sound, der Präzisionsarchitektur ist: strahlende Klanggebäude, errichtet vorzüglich zu Unterhaltungszwecken - gute Bigbands bringen auch noch den vorletzten Gassenhauer zum Strahlen.

Die Landes-Lehrer-Bigband Baden-Württemberg, kurz LLBBW, ist eine solche Groove-Maschine, die, wenn sie aufdreht, bei den Zuhörern die Hosenbeine flattern lassen kann. Gegründet wurde sie vor 14 Jahren von Dieter Jäger, dem damaligen baden-württembergischen Jazzbeauftragten, und dem aus Lorch stammenden Sänger Klaus-Dieter Mayer. Heute besteht sie aus einem Pool von 25 bis 30 Musiklehrern, darunter auch zwei Lehrerinnen. Ihr musikalischer Leiter ist der Flötist, Alt- und Sopransaxophonist Stefan Zenth. Alljährlich im Herbst treffen sich die Mitglieder der LLBBW auf ein paar Probentage, ansonsten "proben wir bei unseren Auftritten", sagt Posaunist Roland Herter-Flöß, der's von Gaildorf aus gesehen wohl am Nächsten hat: Er unterrichtet in Michelbach.

Im Kernersaal, wo etwa 120 Gäste mit wachsender Begeisterung lauschen und sich schließlich drei Zugaben erklatschen, gibt's Standards, historische wie aktuelle, von Count Basie bis Thad Jones, vom "Ratpack" bis zum kürzlich verstorbenen Roger Cicero, dem die Musiker im zweiten Set mit drei Titeln ihre Referenz erweisen. Hochachtungsvoll. "Fly me to the moon" bildet die Klammer: Der Klassiker, der Frank Sinatra berühmt gemacht hat, hat auch Cicero aufgegriffen: "Schieß mich doch zum Mond".

Die Musiker pflügen stilsicher durch die Arrangements

Mayer, der lästerlich moderieren kann und dabei gerne den selbstironischen Schulmeister raushängt, der einen in der Schule immer so genvervt hat, erweist sich als sicherer und leidenschaftlicher, vielseitiger und verspielter Sänger und Entertainer. Aus Stimme und Gestik entwickelt er die unterschiedlichsten Charaktere: den schmierigen Eintänzer und Casanova, den ernsthaften Romantiker, den Latin-Lover, den Parodisten.

Den Band-Dompteur muss er nicht spielen, obwohl's mitunter recht neckisch zugeht zwischen Mayer und den Musikern. Die Band, die auch über einige vorzügliche Solisten verfügt, erweist sich als eine mit allen Wassern gewaschene Formation, die stilsicher durch die Arrangements pflügt und immer wieder unerwartete Potenziale offenbart. Das am "modernsten" gespielte Stück dürfte "Basically Yours" gewesen sein, ein schwer atmender Funk mit langer Klimax, der in einen relaxed köchelnden Swing mündet - dass Mayer ausgerechnet danach eine artige kleine "Ohrensex"-Abhandlung aus der "Zeit" zitiert, dürfte nicht von ungefähr gekommen sein.