Der Weg nach Berlin führt durch Gschwend. Und auch durch Gaildorf. Mehrere 100 Landwirte aus Baden-Württemberg fuhren am Sonntagnachmittag mit ihren Treckern durch diese beiden Orte, damit sie am Dienstag in Berlin am Brandenburger Tor stehen, um gegen das Agrarpaket zu demonstrieren.

Auf dem Marktplatz in Gschwend begrüßten schon mal ein rundes Dutzend einheimische Trecker und mehrere 100 Sympathisanten den aus Welzheim kommenden Konvoi. Aber die Trecker hatten Kennzeichen aus der gesamten Region: Rems-Murr-Kreis, Göppingen, Aalen, Gmünd. Und nicht alle fuhren über den Gschwender Marktplatz, einige nahmen auch die Abkürzung durchs Gewerbegebiet, um schneller in Richtung Gaildorf voranzukommen. Immerhin wollten die, deren Ziel Berlin ist, noch bis Tauberbischofsheim fahren. Dort verbrachten sie die Nacht, um am Montagmorgen weiter zu fahren nach Erfurt. Dort sollte es des Nachts im von der Polizei begleiteten Konvoi auf der Autobahn nach Berlin gehen.

Kernstück des Konflikts zwischen Landwirten und Berliner Politik: Insektenschutz

„Wir wollen gehört werden“, erklärte Volker Keim, Landwirt aus Gschwend, das Ansinnen. „Wir rufen zu Tisch: Bitte redet mit uns statt über uns“, verlangte Keim unter dem Beifall der Anwesenden. Das Agrarpaket stelle die Existenz vieler landwirtschaftlichen Betriebe und damit auch die Versorgung mit regional erzeugten Lebensmitteln in Frage. Kernstück des Agrarpakets sei der Insektenschutz, und damit habe die Bundesregierung – im wahrsten Wortsinn – ein „Bauernopfer“ gefunden. Ohne wissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde zu legen, habe man einseitig die Landwirte für das Insektensterben verantwortlich gemacht.

Auch die 19 Jahre alte Tochter von Anette und Volker Keim ist mit ihrem Trecker auf dem Weg nach Berlin. Vater Volker wird im Bus folgen. Vom Ostalbkreis fahre ein Bus vollbesetzt mit Landwirten zur Großdemonstration nach Berlin – wie aus anderen Regionen des Landes auch, an der Kühlerhaube Transparente mit Aufschriften wie: „Mit Leidenschaft und Sachverstand produzieren wir Euer Essen!“ Oder: „No Farmers. No Food. No Future!“

Norbert Barthle, CDU-Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär beim Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, versicherte den Landwirten seine Rückendeckung: „Wir von der Union stehen hinter unseren Landwirten!“ Allerdings müsse etwas getan werden, um Boden und Klima zu schützen und dem Insektensterben Einhalt zu gebieten.

Und er prophezeite: „Diese Aktion wird Spuren in der Politik hinterlassen.“ Und beteuerte ein weiteres Mal: „Wir stehen an eurer Seite.“ Immerhin habe die Koalition den Haushalt des Landwirtschaftsministeriums bereits um 500 Millionen Euro auf 6,5 Milliarden Euro erhöht, um auch die Belastungen für die Landwirte auszugleichen.

Allerdings verhehlte er auch nicht: „Wir müssen an der Düngemittelverordnung etwas tun.“ Die Verschärfung der Düngemittelverordnung, so kritisieren die Landwirte, führe zur Unterdüngung der Böden und schade in so genannten „Roten Gebieten“ - Gebiete, in denen die Närstoffbelastung ohnehin hoch ist – dem Boden und Wasser mehr, als sie nütze. Gleichzeitig aber erhöht die EU-Kommission den Druck auf die Bundesregierung, die Nitratbelastung im Grundwasser zu senken: Die Qualität des Grundwassers in Deutschland gehöre zu den schlechtesten in der EU, hatte Umweltkommissar Karmenu Vella im Sommer kritisiert.

Bundesregierung hat Verordnung verschärft

Der Streit schwelt schon länger, die Bundesregierung hatte die Düngemittelverordnung 2017 verschärft und gehofft, damit die Kuh vom Eis zu schieben. Aber weit gefehlt: „Uns drohen Strafen von 800.000 Euro – pro Tag“, sagte Norbert Barthle am Sonntag in Gschwend.