Eine große Tournee durch Europa sollte es werden. Dann kommt Corona. Und im Gefolge: eine Absage nach der anderen. Mike Zito aus St. Louis, einer der viel umjubelten Akteure des Gaildorfer Bluesfests 2019, und seinen Musikern bleibt nichts anderes übrig, als so schnell wie möglich den nächsten Flieger zu nehmen, um nach Hause zu gelangen.

Der „Quarantine Blues“

Über dem Atlantik kommt ihm eine Idee, die in der Blues-Szene ihresgleichen sucht: Man wolle für die Fans, die in diesem Jahr auf Live-Auftritte verzichten müssen, neue Songs aufnehmen. Zito und die Band nutzen die 14-tägige Quarantäne, die sie bei der Ankunft in den USA antreten müssen, um ein Meisterwerk zu schaffen: das Album „Quarantine Blues“ – online und gratis. Für die entgangenen Gagen bitten die Musiker höflich um Spenden.

Die Lage ist ernst. Das hatte kurz zuvor auch die Kulturschmiede Gaildorf erfahren. Ein Besucher des Konzerts mit Harriet Lewis am 7. März war mit Covid-19 infiziert. Wenig später verstummt die Szene – in Gaildorf, in ganz Deutschland, weltweit. Geplante Termine müssen auf unbestimmte Zeit verschoben oder komplett gestrichen werden. Keine Lesung, keine Ausstellung, kein Konzert. Die Kulturkneipe Häberlen bleibt geschlossen.

1000 Dollar gespendet

Es herrscht Funkstille. Hinter den Kulissen jedoch wird viel diskutiert. Werner Eichele, kreativer Kopf für den musikalischen Part der Bluesfeste, sinniert bereits über das Festival 2021. An eine verbindliche Planung indes ist in diesen Tagen nicht zu denken. Aber er behält die Szene im Auge.

Auch das, was sich drum herum abspielt: Viele Künstler leiden unter dem Lockdown, sind – weil zur Untätigkeit verdammt – in ihrer Existenz bedroht. Auch Mike Zito kann ein Lied davon singen. Und er tut es im wahrsten Wortsinn: „Don’t let the World get you down“, rät er in einem seiner neuen Songs der Gemeinschaft, sich nicht unterkriegen zu lassen!
Zito lamentiert nicht, auch wenn seiner aktuellen Musik – eine Mischung aus Furcht, Hoffnung, Liebe und Rebellion – etwas Beklemmendes anhaftet. Er startet eine Umfrage unter Musikern, erfährt, dass sich einige kaum über Wasser halten können. Zito ruft die Spendenaktion „Paying the Blues forward“ ins Leben. Auch die Kulturschmiede wirft 1000 Dollar in den Fördertopf, um den Blues am Leben zu erhalten.
Wenig später erhält Werner Eichele per E-Mail die Bestätigung: Das Geld ist angekommen – bei Robert Kimbrough Sr. Der, so berichtet Zito, sei sehr dankbar für die Unterstützung, die ihm dabei helfe, seine Rechnungen zu bezahlen. Den Gewinner der „Mississippi Delta Regional Blues Challenge 2018“ hatte die Corona-Pandemie wirtschaftlich besonders stark erwischt.

Noch nichts Konkretes

Wie Kimbrough geht es unzähligen anderen Künstlern. Solchen würde die knapp 400 Mitglieder zählende Kulturschmiede gerne auch durch ein Engagement helfen. Doch vor dem Herbst, sagt Carola Kronmüller, im Vorstand fürs Finanzielle zuständig, sei nicht an konkrete Planung zu denken. Überdies seien Veranstaltungen im Häberlen schon wegen der Abstandsregelung nur „sehr beschränkt möglich“. Kurzfristig wäre es sicher möglich, etwas zu organisieren – sollte sich die Lage entspannen. Nun aber ist Sommerpause bis Mitte September.

Anders verhält es sich beim Bluesfest im kommenden Jahr, das so langsam geplant werden will. Hier „müssen wir voraussichtlich bis Dezember warten“. Dabei fällt es der Kulturschaffenden aus heutiger Sicht schwer, eine Perspektive zu entwickeln: „Ein Bluesfest mit Abstandsregel – meine Fantasie reicht da nicht aus!“ Ihr Stoßseufzer unterstreicht die dramatische Situation in der Veranstaltungsbranche, die in weiten Teilen vor dem Ruin steht: „Wir können froh sein, dass wir das ehrenamtlich machen!“
Unterkriegen lässt sich die Kulturschmiede auf jeden Fall nicht. Mike Zitos Appell ist längst angekommen in Gaildorf.