Gaildorf Kreisauflösung: kopflos dem Ende entgegen

Das Gebäude Kanzleistraße 6, bis 1938 Sitz des Landratsamts Gaildorf, seit 1959 Polizeidienststelle.
Das Gebäude Kanzleistraße 6, bis 1938 Sitz des Landratsamts Gaildorf, seit 1959 Polizeidienststelle. © Foto: Klaus Michael Oßwald
Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 20.08.2018
Vor 80 Jahren: Die Auflösung des kleinen Kreises Gaildorf ist beschlossene Sache. Bereits Monate zuvor hatte der karrierebewusste Landrat Hans Häcker seinen Schreibtisch geräumt.

Sommer 1938. Im Landratsamt in der Kanzleistraße – heute Polizeiposten – sind nur noch wenige           Beamte und Verwaltungsangestellte zugange, um die Behörde „abzuwickeln“. Ende September sollten dann in dem fast 70 Jahre alten Gebäude die Lichter ausgehen: Den „Kreis Gaildorf“, der nur vier Jahre lang existiert hat, wird es dann nicht mehr geben.

Unter den Beschäftigten, die hier noch ihren Dienst tun, sind auch Kräfte des Backnanger Landratsamts, das seit wenigen Monaten die Geschicke im kleinen Nachbarkreis lenkt – einem Kreis, der zu dieser Zeit keinen Landrat mehr hat. Der hatte bereits im März seinen Schreibtisch geräumt, um im Landratsamt in Esslingen eine neue Stelle anzutreten: Der promovierte Jurist Hans Häcker, 1901 in Weil der Stadt geboren, war dort zum Amtsverweser, wenig später zum Landrat bestellt worden.

Backnang hilft aus

Die Amtsgeschäfte in Gaildorf werden nun vom Backnanger Landrat August Reuß versehen, der zum 1. Oktober auch Landrat für wesentliche Teile des Limpurger Landes werden wird. Der Kreistag, der letztmals vor dem Abschied Häckers getagt hatte, sollte erst wieder am 30. September zusammentreten – zur letzten Sitzung im Rathaus.

Als der Pfarrerssohn Johann Karl Ludwig Häcker im September 1933 als neu eingetragenes Mitglied der NSDAP zum Nachfolger des in den Ruhestand versetzten Georg Lang von Langen (1868-1945) bestimmt wurde, lautete die Bezeichnung für die Gebietskörperschaft – der die Kommunen des Limpurger Landes angehörten – Oberamt Gaildorf. Mit der Kreisordnung vom 27. Januar 1934 wurde daraus der Kreis Gaildorf. Die Bezeichnung Oberamtmann war bereits 1928 – nach preußischem Vorbild – durch den Begriff Landrat ersetzt worden.

Häcker war früh in die Pläne zur Auflösung des Kreises Gaildorf eingeweiht. Und er hatte diese im Zuge einer großangelegten Kreisreform in Württemberg auch für richtig befunden. Wenige Wochen nach seinem Absprung, am 25. April 1938, war das „Gesetz über die Landeseinteilung“ dann in Kraft getreten. Die Auflösung von insgesamt 37 Kreisen und Kreisverbänden – darunter neben Gaildorf auch Ellwangen, Gerabronn, Marbach, Neckarsulm, Schorndorf und Welzheim – sei notwendig geworden, „um einen Ausgleich zwischen der Leistungsfähigkeit der verschiedenen Kreise zu schaffen und um die vorhandenen Kräfte stärker zusammenzuspannen,“ hatte der scheidende Landrat in seiner letzten Sitzung erklärt.

Häckers zweite Karriere

Damit stand Häcker aus Sicht des damaligen Bürgermeisters Albert Herrmann im Abseits. Herrmann hatte am 30. September 1938, am Vortag der Auflösung des Kreises, die Reform und die Verteilung der Kommunen auf drei Landkreise kritisiert und den Zusammenhalt innerhalb des Limpurger Landes beschworen. Damit war der Widerstand gegen die Reform verstummt. Erst 1947 gab es Bestrebungen einer Bürgerinitiative, die alten Zustände wiederherzustellen. Ohne Erfolg. Nach nur vier Jahren war der Kreis Gaildorf Geschichte.

Der stets karrierebewusste Landrat Hans Häcker wurde nach dem Krieg wegen Zugehörigkeit zur NSDAP interniert, zog danach zurück nach Gaildorf und arbeitete als Verwaltungsgehilfe bei der Straßenmeisterei. Nach seiner Entlastung durch die Spruchkammer wurde er Ministerialbeamter, zuletzt war er Ministerialrat im Innenministerium. 1956 erfolgte seine Wahl zum Präsidenten des Württembergischen Sparkassen- und Giroverbandes. Häcker starb 1986 in Esslingen, wo er seinen Ruhestand verbracht hatte.

Info

Gaildorf und wesentliche Teile des Limpurger Landes wurden dem (dann 1973 aufgelösten) Kreis Backnang zugeschlagen, Geifertshofen, Hütten, Michelbach/Bilz, Mittel- und Oberfischach und Obersontheim dem Kreis Hall. Zum Kreis Gmünd kamen Eschach, Obergröningen, Ruppertshofen, Untergröningen und Vordersteinenberg.

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