Da steht er nun in seiner ganzen Pracht, auf einem roten Sockel ruhend und abgeschirmt in einem gläsernen Zylinder: Der in den Jahren 1561 und 1562 geschaffene Limpurger Schenkenbecher wird erstmals - fast auf den Tag genau - 16 Jahre nach der bislang letzten Präsentation der interessierten Öffentlichkeit gezeigt. Der vergoldete Silberpokal, 58,5 Zentimeter hoch und 21 Zentimeter im Durchmesser, ist herausragendes Exponat der am Sonntag im Untergeschoss der Kunsthalle Würth eröffneten Ausstellung "Silberhirsch & Wunderprunk".

Einst bei Trinkgelagen beschädigt?

Dabei geht es in der Schau nicht um Schätze aus dem Hause Limpurg oder gar um deren Geschichte. Vielmehr gewährt Würth - er hatte im vergangenen Jahr den lange Zeit im Landesmuseum verwahrten Schenkenbecher von der gräflichen Familie zu Ortenburg erworben - allgemeine Einblicke in die höfischen "Kunst- und Wunderkammern". Etwa 100 Objekte stammen aus der Sammlung Würth, 80 aus dem Londoner Victoria & Albert Museum - Tafel- oder Schmuckgeschirr, Trinkgefäße oder Spiele.

Deren Zweckbestimmung ist hinreichend bekannt. Auch die des Schenkenbechers: Anlässlich der Krönung Maximilians II. zum römisch-deutschen König am 30. November 1562 in Frankfurt am Main war der Pokal eines der wichtigsten Utensilien. Schenk Christoph III. von Limpurg reichte dem Gekrönten das mit Wasser und Wein gefüllte Gefäß und durfte dieses nach vollzogenem "Erbschenkendienst" sein Eigen nennen.

Insgesamt mindestens 20 Mal vor und nach Christoph waltete ein Angehöriger des Hauses Limpurg dieses Amtes. Das heißt auch, dass im Lauf der Jahrhunderte ebenso viele Schenkenbecher hergestellt worden sind. Allerdings scheint nur noch Maximilians Krönungspokal erhalten zu sein. Vage Nachrichten über die Existenz weiterer solcher Zeremonienbecher, die es seit der Krönung König Ferdinands III. am 22. Dezember 1636 in Regensburg auch in gläserner Ausführung geben soll, konnten bislang nicht bestätigt werden.

Erstmals seit 1999 wieder öffentlich ausgestellt

Neben diesem Rätsel gibt es noch andere Ungereimtheiten rund um den erhaltenen Pokal. Aus Sicht der Wissenschaft besteht hinsichtlich der Herstellung dieses mit der Geschichte der Schenken von Limpurg untrennbar verbundenen Kleinods nach wie vor Klärungsbedarf. Der langjährige Leiter des Württembergischen Landesmuseums, Prof. Dr. Volker Himmelein, wagt dazu im Begleitband zur Ausstellung eine interessante Interpretation (siehe auch unten stehenden Bericht). Danach ergänzten sich zwar Deckel und Gefäß zu einem harmonischen Ganzen. Jedoch sei das Gesamtkunstwerk nicht aus einem Guss hergestellt worden.

Fest steht offensichtlich, dass der Pokal wenige Jahrzehnte nach der Krönung laut Himmelein "weitgehend verändert" wurde. Über den Grund gibt es keinen verlässlichen archivalischen Hinweis. Möglicherweise, so Himmelein, "war er bei den damals recht rauen Trinksitten beschädigt worden, oder er sollte modernisiert werden".

Zur Vernissage am Sonntagabend waren neben vielen geladenen Gästen auch Gaildorfs ehrenamtlicher Bürgermeister-Stellvertreter Heinrich Reh und Stadtarchivarin Dr. Heike Krause gekommen, um das erstmals seit 1999 - als das Jubiläum "600 Jahre Altes Schloss" gefeiert wurde - wieder öffentlich zu bewundernde Original zu sehen; daheim im Gaildorfer Stadtmuseum steht nämlich "nur" die 2000 detailgetreu angefertigte Kopie. Bei dieser Gelegenheit überreichte Heike Krause Reinhold Würth das zum Stadtjubiläum im Jahr 2010 herausgegebene Buch "Kleine Stadt am Fluss". Darin beschreibt sie mit wissenschaftlicher Sorgfalt nicht nur die Geschichte des Pokals, sondern auch die Bedeutung des von Angehörigen des Hauses Limpurg versehenen Erbschenkenamts.

Info Die Doppelausstellung "Silberhirsch & Wunderprunk" und "Op Art - Kinetik - Licht" ist bis 10. Januar 2016 täglich von 10 bis 18 Uhr in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall geöffnet. Eintritt frei. Weitere Infos: www.kunst.wuerth.com.

Rätselraten um die Goldschmiedemeister, die den Schenkenbecher geschaffen haben

Prof. Dr. Volker Himmelein, langjähriger Direktor des Württembergischen Landesmuseums, über die Schöpfer des Schenkenbechers: "Man ging bisher zumeist davon aus, dass er von demselben Nürnberger Meister gearbeitet worden sei, der am Fuß sein Zeichen angebracht hat. Marc Rosenberg wies dieses Zeichen dem Nürnberger Goldschmied Christoph (I.) Ritter zu, der 1547 Meister geworden und zwischen 1569 und 1573 gestorben ist. Solange man vermutete, dass auch der Fuß zum ursprünglichen Pokal gehörte, kam tatsächlich nur dieser Vertreter der Goldschmiedefamilie Ritter als Verfertiger in Betracht. Da sich aber der sehr zierlich gearbeitete Fuß stilistisch deutlich vom Deckel unterscheidet, nimmt man heute an, Christoph (II.) Ritter (geboren 1548, Meister 1577, gestorben 1616) sei der Goldschmied des Fußteils, und Marc Rosenberg habe die Marken von Vater und Sohn irrtümlich vertauscht. Ein dritter Künstler hat die Kuppa des Pokals gearbeitet, denn sie zeigt die Haller Beschaumarke und ein Meisterzeichen, das Marc Rosenberg dem Johann Philipp Bonhöffer zuschrieb. Dass die Marke einem Mitglied der Familie Bonhöffer gehört, der damals wichtigsten Goldschmiedefamilie in Hall, wird man als gesichert annehmen können. Allerdings ist die Zuweisung der Haller Marke an Johann Philipp Bonhöffer nicht völlig gesichert. Sowohl der Vater als auch der Sohn und Bruder des Johann Philipp Bonhöffer waren ebenfalls Goldschmiede, und für Johann Philipp Bonhöffer schlägt Marc Rosenberg gleich fünf verschiedene Marken vor. Nach seiner Aussage werde ihm 'sicher (...) eine der folgenden Marken zuzuschreiben' sein: Fragt sich nur, welche? (...)"

Quelle Aus dem Begleitband zur Ausstellung "Silberhirsch & Wunderprunk in der Kunstkammer Würth" (Swiridoff-Verlag, Seite 23). Volker Himmelein bezieht sich auf Marc Rosenbergs vierbändiges Werk "Der Goldschmiede Markzeichen" (1922/1923).

SWP