Auf die Suche nach ihrem individuellen Jodelschlag haben sich 17 Mitstreiter beim Volkshochschulkurs „Jodeln macht glücklich“ in Murrhardt begeben. Ohne Scheu haben sie sich unter Anleitung von Veronika Hermann darangemacht, sich ungewöhnlichen Konsonanten-Vokal-Reihen bewegt sängerisch anzunähern. Belohnt wurden sie mit einem Alpen-Indoor-Erlebnis, Tipps fürs tägliche Jodelmantra und jeder Menge guter Laune.

„Ho-la-ri-dul-jo, ho-la-ri-dul-jo-hul-jo“ steht tatsächlich, sozusagen als Text, auf den ausgeteilten Gesangsvorlagen. Damit ist die Übereinstimmung mit Loriots unvergesslichem Jodeldiplom-
Sketch aber auch schon erschöpft, in dem Evelyn Hamann alias Frau Hoppenstedt mit tierischem Ernst eisern Jodelphrasen büffelt, um nach zwei Jahren mit ihrem Jodeldiplom „auf eigenen Füßen zu stehen“.

Physiotherapie inklusive

Im Kurs mit Veronika Hermann überwiegt eindeutig der Spaß. Gesessen wird allenfalls im Stuhlkreis und das die wenigste Zeit. Die Bewegung beginnt gleich nach der kurzen Vorstellungsrunde mit Lockerungsübungen – von den Zehen bis zur Zunge. „All inclusive“, stellen die Seminarteilnehmer unter Gelächter fest, „sogar Physiotherapie!“.

Crailsheim

Nach etwas Theorie geht es auch schon an konkrete Atem- und Stimmübungen. Ein kräftig aspiriertes „Hhhä!“ kommt aus dem Bauch und symbolisiert die tiefere Bruststimme, mit der wir überwiegend auch sprechen. Ein schrilles „Diiii!“ wird mit der hohen Kopfstimme gebildet und werde im Alltag überwiegend von Frauen verwendet. Etwa wenn sie mit einem Baby oder einem kleinen Tier sprächen. „Männer bringen das allenfalls hervor, wenn das Wasser unter der Dusche zu kalt ist“, sagt Veronika Hermann.

Beim Registerwechsel zwischen Brust- und Kopfstimme entsteht ein kurzer Schnackler, der sogenannte Jodelschlag. Während dieser beim Jodelgesang ausgiebig kultiviert wird, ist er beim klassischen Gesang verpönt und wird abtrainiert.

Definiert man Jodeln als musikalische Aneinanderreihung sinnfreier Silben mit betontem Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme, dann ist diese archaische Verständigungsform nicht nur in den Alpen, sondern weltweit in vielen Kulturen und sogar in der Tierwelt verbreitet: Das Heulen des Wolfs und das Hu-hu des Uhus seien nichts anderes, erklärt Kursleiterin Veronika Hermann, thematisch passend Vroni genannt. Die temperamentvolle 47-Jährige hat vor Jahren diese befreiende Ausdrucksform für sich entdeckt.

Weil sich Texte und Melodien in Verbindung mit rhythmischer Bewegung besser einprägen beziehungsweise die Arbeit mit Musik leichter von der Hand geht, wird zum Gröbminger Labheuger (Heurechen) im Walzertakt mitgeschunkelt: „Dri-hul-jo i-di-ri, dri-hul-jo i.“ Vroni geht beim Singen vor den Nachwuchsjodlern im Kreis entlang und strahlt einen nach dem anderen motivierend an: „Das eignet sich auch prima fürs Staubsaugen oder Bügeln“, hat sie festgestellt. Ein Jodelmantra sozusagen.

Ein zweistimmig miteinander verwobener Jodelgesang wird beim Schreiten in zwei gegenläufigen Kreisen intoniert. Dann kommt in die Mitte ein einzelner Stuhl, auf dem jeder sich mit geschlossenen Augen und 3-D-Beschallung einmal im Jodelhimmel fühlen kann. Ein Indoor-Alpen-Erlebnis sozusagen. Überhaupt scheint selbst der große Saal im Grabenschulhaus zu eng für die sich nun entfaltende Stimmgewalt der begeisterten Sänger, man öffnet das Fenster: „Steh’n se draußen scho?“ So mischt sich auch das „Ä-ü, ä-ü“ eines vorbeifahrenden Polizeiautos äußerst passend ins Jodeldomino, bei dem jeder die Endsilbe des Vorgängers aufnimmt und weiterspinnt.

Anton kann nach eigenem Bekunden nicht singen. Beste Voraussetzung fürs Jodeln, meint Veronika Hermann, denn so muss er sich den mühsam abgewöhnten Schnackler nicht erst wieder angewöhnen. Martin singt zwar in einem Chor, trotzdem schnackelt’s bei ihm schon zünftig. „Das ist tierisch anstrengend, das tut richtig weh im Hals“, stellt er fest, als nun nacheinander jeder mit einem lang gezogenen, lauten „Aaaaa“ seinen individuellen Umschlagpunkt sucht.

Dann wird fröhlich mit steirischen Harmonikas zum Tanz aufgespielt. Die der Vollständigkeit halber geforderten Juchitzer – die Alpenjauchzer oder Jubelschreie – kommen selbst von den sonst reservierten Schwaben überzeugend. „Da hat die Vroni doch bei uns in Murrhardt genau ins Schwarze getroffen“, stellt Heimatforscher Christian fest, nimmt augenzwinkernd sein Jodeldiplom in Empfang und trägt sich gleich für die Fortsetzungsveranstaltung im Mai ein: „Jodeln 2.0 – ich bin dabei!“