Musikwinter In die Welt der Wunder entführt

Wolfgang Seidenberg, Lisa Wildmann und Ernst Konarek in Joseph Roths „Legende vom heiligen Trinker“.
Wolfgang Seidenberg, Lisa Wildmann und Ernst Konarek in Joseph Roths „Legende vom heiligen Trinker“. © Foto: Ralf Snurawa
Gschwend / Ralf Snurawa 14.02.2018

Über Deutschland, das Roth kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten verließ, kam er schließlich nach Paris. Auch die Hauptfigur in seiner „Legende vom heiligen Trinker“, seinem letzten Werk, ist Exilant in Paris.

In diesem Andreas Kartak der Novelle lässt sich das Alter Ego Roths sehen, der in seinen letzten Lebensjahren selbst auch mit finanziellen Engpässen zu kämpfen hatte und dem Alkoholtrinken verfallen war.

Die Regisseurin Silvia Armbruster hat in ihrer szenischen Fassung der Legende den Trinker Andreas Kartak aus Olschowice gleich dreifach darstellen lassen. So waren am Samstagabend auf der Bühne im Bilderhaus mit Lisa Wildmann, Wolfgang Seidenberg und Ernst Konarek gleich drei Schauspieler in dieser Rolle zu erleben. Sie schlüpften ebenso in andere Rollen.

Während Ernst Konarek den Trinker meist spielte, wenn es um dessen traurige Gegenwart als Obdachloser geht, der unter den Brücken an der Seine übernachtet, oder in die Vergangenheit blickt, als er den Fußballspieler Kanjak, einen alten Schulfreund, trifft, übernahmen die beiden anderen Darsteller ebenfalls Situationen, die ihrem körperlichen Typ entsprachen.

Der Trinker wird wieder jung

So ließ Lisa Wildmann den Trinker an seinem Geburtstag wieder jung werden. Dadurch findet er in Arbeit: Er soll einem dicken Reichen, wohl aus Amerika, beim Umzug helfen. Wolfgang Seidenberg spielte dann den kräftigen, zupackenden Trinker, der beim Verladen der Möbel hilft.

Ebenso schlüpfte er – damit die Hosenrolle der Darstellerin spiegelnd – in eine Frauenrolle: die Verkäuferin, bei der Andreas Kartak seine lederne Brieftasche kauft. Genauso spielte er Andreas‘ Schulfreund Woitech Kanjak, einen jungen Tänzer, der mit Karoline flirtet oder einen reichen Fremden. Ernst Konarek brachte wiederum als Ehefrau des Amerikaners das Publikum zum Schmunzeln.

Lisa Wildmann übernahm außerdem die Rollen der Karoline und der Therese. Karoline, „noch immer frisch und begehrenswert“, war Andreas‘ ehemalige Geliebte. Ihretwegen war er „zwei Jahre im Kriminal“. Und die junge Therese hält Andreas für die kleine Heilige, Therese von Lisieux, der er für einen fremden Herrn 200 Francs in der Kapelle Sainte Marie des Batignolles hinterlegen soll.

Sie erscheint ihm immer wieder in dieser Geschichte um kleine Wunder, bisweilen wie ein Traum, als Videoeinspielung gezeigt. Weil er immer wieder die Messe verpasst, um das Geld in der Kapelle zu hinterlegen, und dann das Geld vertrinkt, verfolgt sie ihn die Geschichte hindurch als eine Art schlechtes Gewissen.

Die Wunder der Legende ereignen sich in Form von unerwarteten Geldgeschenken. Zunächst gibt ihm ein Fremder mehr, als worum er gebeten hatte – eben mit der Auflage, das restliche Geld in der Kapelle zu opfern. Dann trifft Andreas auf den dicken Reichen mit amerikanischem Akzent, der ihm zu Arbeit und weiterem Geld verhilft.

In der gekauften Brieftasche findet er ebenfalls Geld. Der Fußballer versorgt ihn mit seinen Anzügen und einem Zimmer. Ein Polizist drückt Andreas später noch eine Brieftasche mit Geld in die Hand, die er verloren haben soll. Das meiste Geld vertrinkt Andreas Kartak. Und als ihm schließlich noch Therese für den nächsten Pernod im Bistro 100 Francs schenken möchte, fällt der Trinker um und stirbt schließlich in der Sakristei der gegenüberliegenden Kapelle, das Geld spendend.

Das Kurzweilige der szenischen Darstellung gegenüber einer Lesung wussten alle drei Schauspieler mit Ausdruckswechseln wunderbar lebhaft zu gestalten. Anrührend und mit oft verwundertem Tonfall nahmen sie ihr Publikum mit in diese Welt der Wunder.

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